ist eigentlich so Großes an ihm ! Ein Kritiker in Literaturgeschichte ! Wär ' s noch ein Dichter ! « » Wer einen Dichter ganz versteht , ist selbst einer , « versetzte Jener eifrig . » So ! Und dieser verständnißvolle Wanderprediger einer revolutionären Aesthetik soll uns arme Leute hier durch einen Vortrag begünstigen - auf Ihre Veranlassung ? Wovon soll doch seine Lectüre handeln ? « » Er wird sprechen über die These von Wordsworth : Der Ursprung der Poesie ist Emotion , welche sich in beschaulicher Ruhe an sich selbst erinnert . « » Du mein Gott , wie gelehrt ! Und das sollen unsre guten Provinzialen verdauen ! Also morgen kommt dieser Phönix mit dem Dampfboot übern Firth of Forth herüber ? - Ach , hier stehen wir vor Ihrer Schwelle . Gutnacht , Sir . Meinen Gruß an Mrs. Goodenough . - Sagen Sie doch , Liebster , predigen Sie Ihrer Gattin auch Ihre verderblichen Theorieen von Freier Liebe ? « Goodenough lächelte überlegen . » Ich verstehe den Stachel Ihrer Frage . Meine Wally ist jedoch über alle Schwachheiten eines unentwickelten Frauenkopfes erhaben . Sie ist eine wahre Philosophin . Unsre Ehe fußt auf der Harmonie der Geister und Seelen . Selbstverständlich bin ich für stete Vereinigung zweier Liebenden so lange sie sich lieben , und vor allem für Monogamie . Denn wie ein in Ruhe mit Appetit verzehrtes Brot nährender wirkt , als ein in appetitloser Hast hinuntergeschlungenes Beefsteak , so ist das stille Glück einer monogamischen Ehe der Seele nahrhafter , als alle schwärmerischen Leidenschaften . « Der Prevost sah den Sprecher während dieses weisen Vortrags mit unmerklichem Lächeln an , warf einen Blick auf dessen fadenscheinige Gestalt und spinnwebenartige Beine , wollte etwas sagen , verschluckte es aber und empfahl sich mit freundlichem Gruß . Goodenough wurde indessen , nachdem er den Messingklopfer der Hausthür gerührt , von der Magd mit einem bemutternden Grinsen in Empfang genommen , die ihm seine Reisetasche abnahm und » Madam ! « rief . Bald darauf öffnete sich die Thür des Parlours und eine gewaltige Dame segelte herein . Ihr straffanliegendes schwarzes Sammtkleid ließ ihre üppigen . Formen einladend hervortreten und ihre pralle Fleischentwicklung hatte bereits Kinn und Wangen mit massigen Fleischpolstern umgeben . Ihr vorstehender großer Mund athmete Gutmüthigkeit und Sinnlichkeit . Zwischen den vollen Lippen und der derben graden Nase lag ein schwarzes Blüthchen , das sich wohl durch Wohlleben dort eingenistet hatte . Dies Wärzchen glich einer kunstgerecht aufgelegten Mouche . Ihre Stirn war niedrig und von etwas schmutziger Farbe , ihr sonstiger Teint lebhaft , aber nicht frisch . Ihre Hände , einmal hübsch und klein gewesen , verwandelten sich allmählich in unförmliche Fettklumpen . Jedenfalls schien sie der Ceres und dann dem Bachus kräftig geopfert zu haben . Die Flammen der Venus werden hierdurch gar oft erstickt , doch wenn sie so unaufhaltsam durch feiste Mästung genährt werden , müssen sie endlich mit nachdrücklicher Gewalt einen Gegenstand verzehren . Langsame Gluth glimmt am sichersten . Uebrigens war sie nach neuester Pariser Mode gekleidet und hatte einen weißen Burnus übergeworfen . Die Philosophie mochte wohl diese eine kleine Schwäche ihres Geschlechts in der geistvollen Frau des gelehrten Mannes noch nicht verwischt haben . Goodenough , der sehr erschöpft war , erhob sich schwerfällig und klagte , indem er sie zärtlich umarmte , über Bruststechen . Ein Schatten flog über ihr Gesicht . Dieser wich jedoch dem Ausdruck lebhafter Neugier , als er von Thibauts morgiger Ankunft erzählte . Beide sprachen dann noch allerlei über Thibauts Verdienste als bahnbrechender Kritiker . Goodenough hatte die Werke des Franzosen übersetzt . Als er in sein Schlafzimmer hinaufstieg , rief er befriedigt : » Ja , mit Ihm vereint , vorwärts an neue geistige Zeugung ! « » Ach , mit der geistigen Zeugung ! « Sie wußte selbst nicht , wer in ihr diese Worte kicherte . Auch sie schritt stattlich in ihr keusches Schlafgemach . Dort zündete sie , sich entkleidend , eine Kerze an . Dabei fiel ihr Blick auf eine danebenliegende , frische , noch von keiner Gluth um ihre Jungfräulichkeit betrogene Kerze . Sie ergriff sie und betrachtete sie mit eigenthümlichen Gefühlen , als wäre sie ein Symbol des menschlichen Lebens . Ihr Busen hob sich in ungestümer Wallung . Ja , diese geräumige Hülle eines weiten Herzens zu füllen , diesen gähnenden Spalt , diese klaffende Lücke der Schöpfung - - Mit einem leisen Stöhnen bestieg sie ihr schwellendes Pfühl . » So , weiter kam ich noch nicht ! « lächelte der gräfliche Dichter ganz unbefangen und klappte mit zufriedener Miene sein Buch zu . Nach Vorlesung des seltsamen Fragments trat eine verlegene Pause ein . Hätte er es in einem deutschen Salon verlesen , so dürfte die boshaft cynische Anspielung am Schluß ihm einen moralischen Hinauswurf eingetragen haben . Die englischen Damen verstanden jedoch nur den allgemeinen Sinn , und selbst Lady Dorrington , welcher die Unanständigkeit einzelner Wendungen nicht entging , hielt das Ende mehr für albern als brutal . Die beiden Frauen sahen sich etwas betreten an , Miß Egremont sah in ihren Schoß . Der Lord hingegen schneuzte sich heftig und verrieth hinter dem Taschentuch convulsivische Zuckungen . Auf einen verwunderten Blick seiner Gattin stellte er jedoch die Taschentuch-Experimente ein und äußerte mit etwas unsicherer Stimme - er war sehr roth im Gesicht und schnitt eine unnatürlich ernste Grimasse , indem er sich behaglich die Hände rieb : » Hm , nicht übel als Debut . Vieles schien mir unverständlich . Nein , nein , lieber Freund , das ist doch nichts für unsre Damen . Wir hatten etwas Poetischeres von Ihnen erwartet . Und - « hier prustete er plötzlich wieder los und nahm sein Taschentuch zu Hülfe . Krastinik deutete kurz an , daß er mit der Philosophen-Gattin und dem Ausländer Thibaut schlimme Dinge vorhabe . Fußnoten 1 Bürgermeister . III. Bei Egremonts war Diner , an das sich später ein kleiner