, um ihn über den Kirchhof hin bis an die Anschlagstelle zurückzuführen . Als wir aber bis an die frisch gegrabene Grube gekommen waren , riß er sich plötzlich los , packte mich , die ich ihn besonders verhöhnt haben mochte , beim Zopf und schrie : Franze , du bist schuld ; du hast geguckt , du hast mich verraten . Ich sah , wie wütend er war , und legte mich aufs Versichern meiner Unschuld , aber er wurde nur immer wütender und schrie : Bekenn es , sag es , dann schenk ich ' s dir ; sonst , sonst ... , und nun fing er an zu schwören : Sonst werf ich dich hier ins Grab . In meiner namenlosen Angst fiel ich vor ihm aufs Knie , gerad als ob sich ' s um mein Leben gehandelt hätte , und wirklich , ich glaub auch , ich hätt es nicht überlebt . Aber er wollte von nichts hören und wissen und zerrte mich auch wirklich schon auf die Stelle zu , wo mitten in dem eben aufgeworfenen Sandhaufen das große Grabscheit des alten Stedingk wie ein Kreuz im Zwielicht aufragte . Von den anderen Jungen hatte keiner den Mut , für mich einzutreten ; als er jetzt aber oben stand und mich unerbittlich nach sich zog , sprang Hannah vor und sagte : Laß sie los ! Er aber lachte bloß , und es war auch zum Lachen , denn Hannah , die jetzt so derb und gesund aussieht , war damals ein blasses und schwächliches Kind und so mondscheinen , daß man sie durch und durch sehen konnte . Laß sie los ! rief sie noch einmal und legte die Hand auf die Grabscheitkrücke . Dummes Ding , du sollst mit hinein . - Laß sie los ! rief sie zum dritten Mal , während ihr die Augen wie aus dem Kopfe traten , und als er noch immer nicht abließ und mich weiter zerrte , riß sie plötzlich das Grabscheit aus der Erde heraus und stieß es ihm mit solcher Gewalt vor die Brust , daß er rückwärts taumelte . Voll Geistesgegenwart griff er im Fallen noch nach einem Hagebuttenstrauch und hielt sich fest , während ihm zu unser aller Entsetzen das Blut über die Turnjacke floß ; denn das nach oben hin ausgleitende Grabscheit hatte mit einer seiner scharfen Ecken ihm das Kinn bis an die Lippe hin aufgeschnitten . Und so hielt er sich eine Weile noch , bis er zuletzt ohnmächtig vor Schmerz und Blutverlust in denselben Hagebuttenstrauch hineinfiel , der ihn vor dem Niederstürzen ins Grab bewahrt hatte . Blut besiegelt , sagt das Sprichwort , und das Blut , das an diesem Tage floß , Petöfy , hat Hannahs und meine Freundschaft fürs Leben besiegelt . « » Aber was wurd aus dem Jungen , dem zweiten Helden der Geschichte ? « » Nun , den haben wir vor drei Jahren in Leipzig mit dem ganz zerhauenen Gesicht eines alten Korpsburschen wiedergesehen . Er ließ sich bei mir melden , als ich dort zu Gastspiel war , war sans phrase reizend , und als er endlich auch Hannahs ansichtig wurde , brach er in einen wahren Höllenjubel aus und rief einmal über das andere : Sieh , Hannah , es ist immer so weitergegangen . Aber die hier , und dabei wies er auf die Narbe am Kinn , ist doch die beste . « Der Graf war ernst geworden und sagte : » Fränzl , ich könnte dich um deine Hannah beneiden , wenn beneiden meine Sache wär . Aber das ist gewiß , sie ist ein Schatz für dich , den du festhalten mußt . « » Das will ich auch . Aber zunächst will ich nachsehen , ob sie nichts versäumt und keine Torheiten begangen hat . Denn sobald sie krank ist , ist sie , was Medizin angeht , voll Ungehorsam und Unvernunft . « » Ein Beweis mehr für ihre Vernünftigkeit . Ich werde schließlich auch noch ein Hannahschwärmer werden . « Dreiundzwanzigstes Kapitel Hannah schlief fest und atmete ruhig . Das Fieber hatte sichtlich nachgelassen , und leise , wie sie gekommen war , verließ Franziska , die wohl wußte , daß dieser Schlaf die Genesung bedeute , den Alkoven wieder , um in ihrem Wohnzimmer vor dem Kamin Platz zu nehmen . Das Feuer darin war halb niedergebrannt , aber über dem Kamin befand sich ein Ofen , der seine Heizung von außen her empfing und trotz vorgerückter Stunde noch eine behagliche Temperatur ausströmte , was nicht überraschen durfte , denn der erst beim Beginn der Regentage zum Vorschein gekommene schnauzbärtige Slowake , dem das Heizungsdepartement unterstellt war , pflegte lieber zuviel als zuwenig zu tun . Es war noch nicht spät , und Franziska nahm auf gut Glück ein Buch vom Bücherbord . Es war ein Band von Rousseau , die » Confessions « , und sie sah im Durchblättern , daß wenigstens auf den ersten fünfzig Seiten viele dünne Bleistiftstrichelchen an den Rand gemacht worden waren . Die Leserin indes , sehr wahrscheinlich die Mutter des Grafen , schien sich im Weiterlesen immer ablehnender gegen den Autor verhalten zu haben , denn der Strichelchen , die ganz unzweifelhaft Zustimmung ausdrücken sollten , wurden immer weniger und der Fragezeichen immer mehr . In der Mitte des Buches aber lag ein weißes , goldgerändertes Blatt mit einem Spruch darauf , und dieser Spruch selbst lautete : » Vor jedem steht ein Bild des , was er werden soll . Solang er das nicht ist , ist nicht sein Friede voll . « Franziska stutzte . » Wie schlicht « , sagte sie , » wie nüchtern fast ! Und doch bewegt es mich . Und warum ? Ist es , weil ich das Bild dessen , was ich werden soll , ahnungsvoll bereits vor mir sehe , oder ist es umgekehrt , weil ich es nicht sehe ? Sonderbar . «