Unweit von dem Platze , wo jetzt das Holzmeisterhaus steht , zeigt ein Mauerrest die Stätte , wo eine Kirche gestanden haben soll . Zwar geht die Meinung , es sei keine Kirche gewesen , sondern ein Götzentempel , in welchem sie noch den Wuotan Met zugetrunken und Tiere geopfert , so oft der Vollmondschein durch die Blätter der Linden gerieselt . Zur selben alten Zeit sei jedes Jahr ein schneeweißer Rabe niedergeflogen von den Alpenwüsten , und diesem habe man Korn auf die Steine gestreut , der Vogel habe das Korn aufgepickt und hierauf sei er wieder von dannen geflogen . Einmal aber habe man dem weißen Raben keine Körner gestreut , weil ein Mißjahr gewesen , und weil ein Mann die Sache für etwas Albernes ausgelegt habe . Darauf sei der Rabe nicht mehr gekommen . - Aber kaum der Winter vorüber , da seien von Sonnenaufgang her wilde Völkerscharen herangeströmt mit häßlichen braunen Gesichtern , blutroten Hauben und Roßschweifen , auf wunderlichen Tieren reitend , seltsame Waffen schleppend - und gar in die Winkelwälder hereingezogen . Diese Rotten haben geplündert und die Bewohner zu Hunderten davongeschleppt , so daß die Gegend menschenleer geworden . Dann sind die Häuser und der Tempel verfallen , das Wasser hat die Dämme und Wege zerstört und die Wiesen mit Schutt oder Gestein übergossen . Obstbäume sind verwildert ; auf den Feldern sind Lärchenwälder gewachsen , die Lärchen aber durch Tannen und Fichten verdrängt worden . Und es sind die finsteren , hundertjährigen Hochwälder entstanden . Es ist nicht zu bestimmen , ob der Kern der heutigen Waldleute von jenen vor Jahrhunderten abstammt . Ich glaube vielmehr , so wie die alten Bewohner durch eine an die Alpen brandende Welle wilder Zeiten fortgeschwemmt worden sind , so sind nach vielen Jahren in den Stürmen der Zeit Splitter anderer Stämme in diese Wälder verschlagen worden . Man sieht es den Leuten ja an , daß sie nicht auf sicherem Boden der Heimat fußen , daß sie aber geichwohl den Drang haben , sich in den Waldboden einzuwurzeln und den Nachkommen ein gesichertes und geregeltes Heim zu bereiten . Dennoch aber dämmert auch in diesen Menschen die Waldesgöttermär der alten Deutschen fort . Sie lassen im Herbste die letzten Früchte auf den Bäumen , oder behängen mit denselben ihre Kreuze und Hausaltäre , um für ein nächstes Jahr Fruchtbarkeit zu erlangen . Sie werfen Brot in das Wasser , wenn eine Überschwemmung droht ; sie streuen Mehl in den Wind , um dräuende Stürme zu sättigen - so wie die Alten den Göttern haben geopfert . Sie hören zur heiligen Zeit der Zwölfen die wilde Jagd , so wie die Alten schaudernd Vater Wuotans Tosen haben vernommen . Sie erinnern sich an Hochzeitsfesten der schönen Frau mit den zwei Katzen , so wie die Alten die Freya haben gesehen . Und wenn die Winkelwäldler draußen in Holdenschlag einen begraben , so leeren sie den Becher Metes auf sein Andenken . Überall klingt und schimmert sie durch , die alte germanische Sage und Sitte . Im Vordergrund aber tönt und webt Herrschendes das hohe Lied vom Kreuze . Wohl die meisten der Winkelwäldler müssen es empfinden , was hier fehlt ; nur die Wenigsten wissen es zu nennen . Aber jener Speiker hat es getroffen , als er vor einem Jahre bei der Köhlerhochzeit die Worte gesagt : » Um uns schiert sich kein Pfarrer und kein Herrgott . Dem Elend und dem Teufel sind wir verschrieben . Für uns ist auch ein Hundeleben gut genug ; wir sind ja die Winkler ! « Aber der Speiker kann ' s noch erleben und mein Trinkspruch wird in Erfüllung gehen . Ich bin seit der Hochzeit wieder um ein Jahr jünger geworden . Die Winkelwäldler werden eine Kirche bekommen . Will ein Volk aus wilder Ursprünglichkeit sich aufbauen zu einer schönen , ebenmäßigen Höhe , so muß der Gottestempel zu dem Baue das Erste sein . Darum beginne ich in den Winkelwäldern mit der Kirche . Ich habe drängen und dringen müssen . Der Herr von Schrankenheim hat seinen Palast mitten in der Stadt ; da schallt zu jedem Fenster eine andere Kirchenglocke herein , und zwischen den Fenstern auf zierlichen Gestellen prangen hundert Bücher für Herz und Geist . Wer ahnt es da , was in den fernen Wäldern so ein Klang und ein Predigtstuhl bedeutet ! Endlich aber hat es der Gutsherr doch eingesehen , und heute sind schon Männer da , um die Baustelle zu prüfen . Da drüben neben dem Winkelhüterhaus , schnurgerade vom Steg herauf , der über die Winkel führt , ist ein erhöhter Felsgrund , sicher vor Gesenken , Lahnen und Wildwasser . Er liegt zwischen dem Hinter- und Vorderwinkel , und von den Lautergräben , dem Miesenbachtale und dem Karwasserschlag ist völlig die gleiche Weite bis hierher zu dem erhöhten Felsgrund . Das ist der rechte Platz für das Gotteshaus . Ich habe einen Plan eingereicht , wie ich mir denke , daß so ein Waldkirchlein sein soll . Das Kirchlein sei nicht gar zu klein , damit alle darin Platz haben , die kummervollen und bedürftigen Herzens sind , wie es deren im Waldlande viele gibt und fürder geben wird . Es sei nicht gar zu niedrig , denn der hohe Wald und die Felswände haben den Sinn verwöhnt und geweitet ; und ist es auch , daß die Menschenwohnungen hier sehr gedrückt sind , so wird es dem Blicke doppelt wohl tun , wenn er sich in der Wohnung Gottes erheben kann . In den Kirchen der Städte sollte stets ernste Dämmerung herrschen , damit sie dem licht- und genußvollen Leben der Reichen und Großen einen Gegensatz darbieten ; in dem Gotteshause des Waldes aber muß lichte und milde Freundlichkeit lächeln , denn ernst und dämmerig ist der Wald und des Wäldlers Haus und Herz . So soll die Art der Gottesverehrung das Leben ausgleichen und ergänzen ; und was der Werktag und das Haus verweigert