das zornsprühende Naturkind die Lust eines Künstlerauges begreifen mußte . Programmgemäß sollte das Fest mit dem Souper zu Ende gehen . Alles rüstete sich zum Aufbruch . Unser bisher so lässiger Held jedoch fuhr plötzlich in die Höhe und forderte mit lauter Stimme den Kehraus . So stark der Unwille gewesen , die Großmut gegen einen Gast von Geblüt war stärker . Lag doch an sich auch für die Donnerstagsgesellschaft nichts Ungebührliches in der Aufführung eines gewohnten Schlußtanzes , dessen bäuerische Weise und buntscheckiger Wechsel nach dem Souper erst den rechten Humor zur Geltung brachten . Alt und jung reihte sich zu Paaren , nur der Festordner stand noch auf der Lauer , um , nach dem sein hoher Chef sich entschieden , aus der Überzahl der Schönen die Würdigste als Anführerin zu erküren . Jetzt aber , da Prinz Sansfasson der verehelichten Gruppe gleichgültig den Rücken kehrt , schießt der Ordner auf die Frau Amtmännin zu , bietet ihr begütigend die Hand und ist im Begriffe , mit ihr an die Spitze der Kolonne zu treten , als - o wehe , dreimal wehe unserer adligen Reunion ! - er den Prinzen an den Schenktisch stürzen und Kellermeisters kleine Dorl in die Reihe ziehen sieht . Ein Donnerschlag hätte nicht vernichtender zünden können . Einen Augenblick stand alles starr und stumm , dann helle Revolution ! Die Frau Amtmännin kehrte mit einem kopfnickenden » Bedanke mich « wiederum ; sämtliche Frauen und Fräulein von Adel traten aus der Reihe und eilten nach der Tür , hinter deren Säulen verborgen sie den unberechenbaren Ausgang erwarteten . » Glauben Seine Durchlaucht zu einer Kirmeß geladen zu sein ? « hörte ich hinter mir die von dannen rauschende verwitwete Exzellenz vom Hofmarschallamte höhnen . Ich mit einem blutjungen Junkerchen , das ich auf dem Präsentierteller hätte schwenken können , hatte von der flüchtigen adligen Spitze den Übergang zu dem bis jetzt standfesten bürgerlichen Gefolge gebildet . Dachte ich daran , dem von oben herab gegebenen Signale der Desertion zu folgen ? Doch wohl nicht . Denn warum sonst vermied ich den ratgebenden mütterlichen Blick ? Meine Augen hingen an dem anstößigen Paare , das jetzt in der entstandenen Leere an meine Seite trat . Ich sah Dorothees flehende Angst und Lust , sah des Prinzen vertraulichen Wink , der zu sagen schien : » Du bist keine Närrin , du bleibst ! « Kurzum ich blieb . Die Bourgeoisie folgte meinem Exempel und der Tanz hob an . Das war freilich ein anderes Treiben als die Strapaze , welche der Deutsche sonsthin Vergnügen nennt ! Wie rasch und lustig die Gefüge wechselten , die Paare sich verschlangen und ineinanderschoben ! Wie die rosige Hebe im Arme des Götterjünglings den Saal durchkreiselte , wenn jede Tour beim Schlusse in eine Galoppade überging ! Wie nun in den Wirbel der Glieder auch der der Kehlen sich mischte , der prinzliche Vortänzer unter Händeklatschen und jauchzendem Chorus die alte Sangesmär von » dem Großvater , der die Großmutter nahm « , intonierte , und endlich nichts Altes und Neues mehr übrigblieb als - der Kuß ! Zeitlich , sittlich , meine Freunde ! Wir schrieben zweiundneunzig , und ein Küßchen im Tanze dünkte uns dazumal beileibe nicht ein Raub . Manchmal wurde gleich die Polonäse mit ihm eingeleitet , oder man verlegte es in eine Tour des Englischen ; keinesfalls fehlte es im biederen vaterländischen Großvater , und nicht etwa bloß beim Mannschießen oder auf der Kirmeß . Meine Mitschwestern von der Montagsgesellschaft waren es gewohnt , die Bäckchen ihrem Partner darzureichen und nach dem Partner jedem anderen , mit dem die Verschiebung sie zusammenführte . So ein halbes Hundert Mäulchen in einer Tour - es war kein berauschendes Gewürz , aber es würzte doch . Unsere vornehme Reunion , mit den Reminiszenzen des weiland Herzogshofs , war allerdings zu nobel konstituiert , um derlei naturalistische Ausschweifungen zu vertragen . Nun aber an ihrem stolzesten Tage einen Prinzen von Geblüt die Lippen auf einer Schenkdirne Lippen drücken zu sehen , und wie drücken - so sonder Kunst und Methode ! - , sie hat sich von diesem schauderhaften Anblick niemals erholt ; es war der Todesstreich , der sie getroffen . Er küßt ihren Mund , umschlingt sie , preßt sie an seine Brust und jagt mit ihr durch den Saal . Im rasenden Tempo löst sich die blaue Schleife aus ihrem Haar ; er reißt sie an sich und birgt sie an seinem Herzen . Das goldene Gelock wallt und weht im Wirbel bis zu den Knien hinab . Die Ordnung ist zerstört . Singend , jauchzend , atemlos stürmen die Paare wirr durcheinander hinter dem ersten drein . Ganz zuletzt auch Jungfer Ehrenhardine nach einem züchtigen Handkuß ihres Junkerchens . Da jählings - halt ! Der Festordner hat Trompeten und Pauken das Schweigesignal zugewinkt . Noch sehe ich , wie Dorothee , gleich einem gescheuchten Reh , durch die Seitentür verschwindet , wie der Prinz ein schäumendes Glas hinunterstürzt . Dann wirft mir die Mutter die eigene Saloppe über den Kopf . Wirr und jäh drängt alles nach dem Ausgang . Und so in einem bacchantischen Taumel , mit einem haarsträubenden Ärgernis endete das Prinzenfest der adeligen Donnerstagsgesellschaft Anno 92 , dem großen Jahre der Revolution . Ich habe ihm ein langes Kapitel in meiner Lebensgeschichte gewidmet : es war ja das einzige Mal , daß ich beinahe Rosen getragen hätte . Sechstes Kapitel Die Brautlaube » Ein höchst verdrießlicher Eklat ! « so unterbrach die Mutter unser allseitiges Schweigen , nachdem des Leibbaders Pförtchen sich hinter uns geschlossen hatte . » Nach Lage der Dinge aber , Eberhard , muß ich sagen , daß unsere Tochter sich taktvoll benommen hat . « » Brav , recht brav , meine Dine ! « sagte der Vater , als ob ihm ein Stein vom Herzen fiele . » Die Kleine wurde mit Gewalt in den Tanz gezogen ; sie war Dines Gespielin , ist