ausgestrahlt , und da , wo jetzt der Mondschein einsam und harmlos auf dem Boden spielte , war die wundervolle Frauengestalt unerschrocken vor die versammelte Menschenmenge und die dräuenden Feuerwaffen hingetreten ; aber unter dem Panzer hatte ein warmes , banges Mutterherz geklopft - einsam , im fremden Hause schlummerte derweil ihr Kind , für das sie erwerben mußte , für das sie immer wieder hinaustrat , bis die letzten sechs Schüsse krachten , unter denen sie sterbend zusammenbrach . Der Professor trat aus dem Krankenzimmer und schloß die Thür geräuschlos hinter sich . Er ging auf Felicitas zu , die unbeweglich im Fenster stehen blieb . » Aennchen schläft sanft , « sagte er . » Ich werde den Rest der Nacht bei ihr bleiben ; ruhen Sie nun auch . « Felicitas verließ sofort , ohne das Ende seiner Worte abzuwarten , die Fensternische und ging schweigend an ihm vorüber , um das Zimmer zu verlassen . » Ich meine , heute sollten wir doch nicht so fremd auseinandergehen ! « rief er ihr mit gedämpfter Stimme nach - fast klang es , als streife er wider Willen den Bann des ernsten Schweigens ab . » Wir haben in den letzten Tagen treulich , wie zwei gute Kameraden , zusammengehalten und gemeinschaftlich ein Menschenleben dem Tode abzuringen gesucht - bedenken Sie das ! « fügte er warm hinzu . » In wenigen Wochen gehen wir ja ohnehin auseinander und jedenfalls auf Nimmerwiedersehen ... Ich will Ihnen die Genugthuung nicht versagen , einzugestehen , daß Sie durch eigene Kraft vieles widerlegt haben , was ich an Vorurteil und übler Meinung Ihnen gegenüber neun Jahre hindurch festgehalten ; nur in einem dunklen Punkt , in Ihrem unseligen Haß und Starrsinn , sind Sie das ungebärdige Kind geblieben , das einst meine ganze Härte und Strenge herausgefordert hat ! « Felicitas war ihm wieder einige Schritte näher getreten . Der Mondschein überstrahlte voll ihre Gestalt . So wie sie dastand , den Kopf stolz über die Schulter nach ihm zurückbiegend , während das Gesicht mit den strenggeschlossenen Lippen noch tiefer erblaßte , lag etwas unerbittlich Feindseliges in der ganzen Erscheinung . » Bei den Krankheiten des menschlichen Körpers forschen Sie zuerst nach der Ursache , ehe Sie sich ein Urteil bilden - « entgegnete sie . » Aus was aber die sogenannte Ungebärdigkeit der Menschenseele hervorging , die Sie bessern wollten , das hielten Sie nicht der Mühe wert , zu untersuchen ... Sie urteilten blindlings auf Einflüsterungen hin und haben sich damit einer ebenso großen Sünde schuldig gemacht , als wenn Sie durch ärztliche Nachlässigkeit einen Leidenden zu Grunde gehen lassen ... Entreißen Sie einem Menschen sein Ideal , eine ganze erträumte , goldene Zukunft , er wird , und sei er der frömmste und tugendhafteste , im ersten Augenblick sicher nicht die Hände falten und ergeben in den Schoß legen ; wie viel weniger aber ein neunjähriges Kind , das sein Auge unablässig auf den Tag gerichtet hielt , an welchem es einst seine vergötterte Mutter wiedersehen sollte , durch dessen Seele kein Traum , keine Hoffnung ging , die nicht mit diesem Wiedersehen verknüpft gewesen wäre ! « Sie hielt inne , aber über die Lippen des Professors kam kein Wort ; nicht einmal sein Auge war ihr zugewendet . Er hatte anfänglich bei ihrer Beschuldigung einmal rasch und heftig den Arm ausgestreckt , als wolle er sie unterbrechen ; allein je weiter sie sprach , desto unbeweglicher und aufhorchender wurde seine Haltung ; er hob nicht einmal die Hand , um sie über den Bart gleiten zu lassen , eine Bewegung , die er beim Zuhören unablässig zu wiederholen pflegte . » Der Onkel hat mich in jener glückseligen Unwissenheit gelassen , « fuhr sie nach einer Pause fort , » aber er starb und mit ihm das Erbarmen in diesem Hause ... An jenem Morgen war ich zum erstenmal am Grabe meiner Mutter gewesen ; ich hatte abends zuvor ihr schreckliches Ende erfahren - man hatte mir zugleich gesagt , die Spielersfrau sei ein verlorenes Geschöpf , das selbst der allbarmherzige Gott nicht in seinem Himmel dulde - « » Warum sagten Sie mir das alles damals nicht ? « unterbrach sie der Professor dumpf . Felicitas hatte in Rücksicht auf die nebenan schlummernde Kranke mit unterdrückter Stimme gesprochen , dadurch wurde der Ausdruck düsteren Grolles noch verschärft . Sie sprach auch jetzt in dem angenommenen Ton weiter , während sie ihrem Widersacher das schöne , bitterlächelnde Gesicht zuwandte . » Warum ich das damals nicht sagte ? « wiederholte sie . » Weil Sie von vornherein erklärt hatten , die Menschenklasse , aus der ich stamme , sei Ihnen unsäglich zuwider , und der Leichtsinn müsse in meinem Blute stecken . « - Der Professor legte einen Moment die Hand über die Augen . - » So jung ich war und obwohl erst eine einzige große , bittere Erfahrung hinter mir lag , wußte ich doch in jenem Augenblick genau , daß ich kein Erbarmen , kein Mitgefühl finden würde - und haben Sie je Erbarmen , Mitgefühl für das Spielerskind gehabt ? « fragte sie , rasch einen Schritt näher tretend und mit unsäglicher Bitterkeit jedes Wort betonend . » Ist Ihnen je eingefallen , daß das Geschöpf , welches Sie lediglich in das Arbeitsjoch einspannen wollten , doch vielleicht auch Gedanken haben könne ? Haben Sie seine Seele nicht tausendfach gemartert , indem Sie jede nach außen dringende höhere Regung , jeden Ausdruck einer sittlichen Selbständigkeit , jeden Trieb zu eigener Veredelung wie wilde Schößlinge erstickten ? ... Glauben Sie ja nicht , daß ich mit Ihnen rechte , weil Sie mich zur Arbeit erzogen haben - Arbeit , und sei es die strengste und härteste , schändet nie - ich arbeite gern und freudig ; aber daß Sie mich zur willenlosen , dienenden Maschine machen und das geistige Element in mir völlig vernichten wollten , welches doch einzig und allein ein arbeitsvolles