Fesseln am stärksten sind ; kehre um , ziehe Pantoffeln an und nimm die gestrige Zeitung vor die Nase : das Glück liegt nicht in der ferne , nicht über dem » wechselnden Mond « ! - 3 1 / 2 Uhr . - Da höre ich eben unten in der Gasse eine merkwürdige Redensart aus dem Munde eines Tagelöhners , der einen andern , sehr übelgelaunt Aussehenden mit den Worten auf die Schulter klopft : » Man muß nie verzweifeln ; kommt ' s nicht gut , so kommt ' s doch schlecht heraus ! « In demselben Augenblick öffnet sich nebenan ein Fenster . Eine beschmierte rote Sammetmütze auf einem Wald schwarzer Haare beugt sich hervor ; es ist mein würdiger Freund Monsieur Anastase Tourbillon , seines Zeichens ein französischer Sprachlehrer . Er scheint die Redensart drunten auch gehört und - verstanden zu haben und gähnt : » Ah , ouf , quelle bête allemande ! Eh vogue la galère , jusqu ' à la mort tout est vie ! « Da habt ihr die beiden Nationen und ..... Wetter ! - da gebe ich nicht acht , und - meine Fliege von vorhin entschlüpft summend aus dem wiedergeöffneten Fenster ! Nie mehr wird sie wieder meinen Freund Wachholder umschwirren , nie mehr auf dem Rande der Zuckerdose umherspazieren oder gegen die Scheiben stoßen ! Sie hat , was sie wollte - unbegrenzte Freiheit , aber ach - heute abend - keinen warmen Ofen mehr , sich daran zu wärmen : in den Rinnsteinen der Sperlingsgasse fließt weder Milch noch Honig ! - Verflucht sei die Freiheit ! Amen ! - 3 3 / 4 Uhr . - Die meisten Dichterwerke der neusten Zeit gleichen dem Bilde jenes italischen Meisters , der seine Geliebte malte als Herodias und sich in dem Kopfe des Täufers auf der Schüssel porträtierte . Da pinseln uns die Herren ein Weibsbild , Tendenz genannt , hin , welches anzubeten sie heucheln und welches auf dem Präsentierteller hochachtungsvoll und ergebenst uns das Verzerrte Haupt des werten Schriftstellers selbst überreicht . Die Nützlichkeit solchen Treibens läßt sich nicht abstreiten , also - nur immer zu ! - Wie komm ich darauf ? - 4 Uhr . - Es ist merkwürdig ; seit ich dieses Blatt bemale , ist dieselbe Traumseligkeit über mich gekommen , die dieser Chronik ein so zerfetztes , zerlumptes Ansehen gegeben hat . Wachholder hat recht , es ist ein eigentümlich behagliches Gefühl , seinen Gedankenspielen sich so ganz und gar hinzugehen , ohne sich , Geist herausquälend , im Kreise zu drehn wie ein hartleibiger Pudel . Wo war ich eben , als das Kindergeschrei drunten auf der Straße mich aufweckte ? Ich will versuchen , es der Chronik einzuverleiben , worin zugleich für meinen ehrenwerten Freund Wachholder die größte Genugtuung für meine vorigen Reden liegen wird . Es war an einem Sonntagmorgen im Juli , als ich auf braunschweigschem Grund und Boden am Uferrand der Weser lag und hinüberblickte nach dem jenseitigen Westfalen . Früh vor Sonnenaufgang war ich , über Berg und Tal streifend , mit dem ersten Strahl im Osten in ein gleichgültiges Dorf hinabgestiegen . Ich hatte Kaffee getrunken unter der Linde vor dem Dorfkrug , hatte behaglich das Treiben des Sonntagsmorgens im Dorf belauscht und andächtig der kleinen Glocke zugehört , die in dem spitzen , schiefergedeckten Kirchturm läutete . Manchem hübschen , drallen niedersächsischen Mädchen , das sich über den sonderbaren , plötzlich ins Dorf geschneiten Fremdling wunderte , hatte ich lächelnd zugenickt ; ich hatte Bekanntschaft mit der gesamten Kinder- , Hühner- , Gänse- und Entenwelt des » Krugs « gemacht , dem weißen Spitz den Pelz gestreichelt und manche Frage über » Woher und Wohin « beantwortet . Mit meinem Wirt ( der zugleich Ortsvorsteher war ) hatte ich das Bienenhaus besucht , darauf die Gemeinde , den Kantor und Pastor in die Kirche gehen sehen und hatte mich zuletzt allein im Hofe unter der Linde gefunden , nur umgehen von der quackenden , piepsenden geflügelten Schar des Federviehs . Aus diesem dolce far niente hatte mich plötzlich das Schreien eines Kindes aufgeschreckt . Es drang aus dem Haus hinter mir und bewog mich , aufzustehen und in das niedere , vom Weinstock umsponnene Fenster zu sehen . Eine alte Frau war eben beschäftigt , einen widerspenstigen , heulenden , strampelnden Bengel von vier Jahren mit Wasser , Seife und einem wollenen Lappen tüchtig zu waschen , welcher Prozedur drei bis vier andere kleine » Blaen « angstvoll zusahen , wartend , bis die Reihe an sie kommen würde . » Nun , Mutter « , sagte ich , mich auf die Fensterbank lehnend ; » und Ihr seid nicht in der Kirche ? « Die Alte sah auf und sagte lachend : » Et geit nich immer ; ek mott düsse lüttgen Panzen waschen und antrecken - Herre - Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch ! « Ich nahm den Hut ab und trat unwillkürlich einen Schritt zurück . Welch eine wunderbar schöne Predigt lag in den fünf Worten des alten Weibes ! Eine Schwalbe beschrieb eben ihren Bogen um mich , ihrem Neste unter dem niedrigen Dachrande zu , und klammerte sich , ihre Beute im Schnabel , an die Tür ihrer kleinen Wohnung , begrüßt von dem jubelnden Gezwitscher der federlosen Brut . Ich konnte der alten Frau kein Wort mehr sagen . » Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch ! « murmelte ich leise , zu meinem Tisch unter der Linde zurückgehend . Ich riß ein Blatt aus meiner Brieftasche , schrieb darauf : Kinderschreien is ok een Gesangbauksversch , und zog es mit einem Strauß Waldblumen unter das Hutband . Träumend schritt ich dann durch die Tür des Dorfkirchhofs , vorüber an den bunten , geputzten Gräbern , zu dem offnen Kirchtor ( auf dem Lande braucht der Protestantismus seine Kirchen während des Gottesdienstes noch nicht zu schließen ) und lehnte andächtig an der Esche davor . Mit großer Freude