sie : » Mich dünkt , du bist ein feiner Junge ; doch wenn du einst groß sein wirst , so wirst du ein Lümmel sein , wie alle ! « Und hiemit schloß sie mich an sich und küßte mich mehrere Male auf meinen Mund , der nur dadurch leise bewegt wurde , daß ich heimlich , von ihren Küssen unterbrochen , ein herzliches Dankgebet an Gott richtete für das herrliche Abenteuer . Hierauf sagte sie : » Es ist nun am besten , du bleibest bei mir , bis es Tag ist ; denn Mitternacht ist längst vorüber ! « und sie nahm mich bei der Hand und führte mich durch mehrere Türen in ihr Zimmer , wo sie vorher schon geschlafen hatte und durch mein nächtliches Spuken geweckt worden war . Dort ordnete sie am Fußende ihres Bettes eine Stelle zurecht , und als ich darauf lag , hüllte sie sich dicht in einen sammetnen Königsmantel , legte sich der Länge nach auf das Bett und stützte ihre leichten Füße gegen meine Brust , daß mein Herz ganz vergnüglich unter denselben klopfte . Somit entschliefen wir und glichen in unserer Lage nicht übel jenen alten Grabmälern , auf welchen ein steinerner Ritter ausgestreckt liegt mit einem treuen Hunde zu Füßen . Nur lag hier anstatt des starren Ritters ein lebendiges , leicht atmendes Weib und an der Stelle des Hundes ein Knabe , dem in Kopf und Herz das frühe Leben zu rumoren begann . Achtes Kapitel Infolge der Angst , welche die Mutter über mein nächtliches Wegbleiben empfunden hatte , war mir das abendliche Umher treiben und der Besuch des Theaters strengstens untersagt worden ; auch am Tage wurde ich sorgfältiger beaufsichtigt und in meinem Umgange mit den Kindern der armen Leute beschränkt , welchen man fälschlicherweise eine verderbliche und ansteckende Ungebundenheit zuschrieb . So hatten die fremden Schauspieler die Stadt verlassen , ohne daß ich jene Frau , der mein Herz nun ganz gehörte , wiedergesehen , ausgenommen einmal von ferne , wo sie mich zu sich winkte , ich aber scheu vor ihr floh , um mich in den stillen Räumen unserer Wohnung um so leidenschaftlicher mit ihrem Bilde zu beschäftigen . Als ich hörte , daß die Gesellschaft fortgereist sei , bemächtigte sich meiner eine tiefe Traurigkeit , welche längere Zeit anhielt . Je unbekannter mir die Gegend war , wo sie hingezogen sein mochte , desto mehr war mir alles Land , welches jenseits der Berge lag , ein Land unbestimmter Wünsche und dunklen Verlangens , und diesen Zug empfinde ich seither immer , wenn jemand , den ich gern habe , die Gegend verläßt , wo ich lebe . Um diese Zeit schloß ich mich enger an einen Knaben , dessen erwachsene , lesebegierige Schwestern eine Unzahl schlechter Romane zusammengetragen hatten . Verlorengegangene Bände aus Leihbibliotheken , niedriger Abfall aus vornehmen Häusern oder von Trödlern um wenige Pfennige erstanden , lagen in der Wohnung dieser Leute auf Gesimsen , Bänken und Tischen umher , und an Sonntagen konnte man nicht nur die Geschwister und ihre Liebhaber , sondern Vater und Mutter , und wer sonst noch da war , in die Lektüre dieser schmutzig aussehenden Bücher vertieft finden . Die Alten waren törichte Leute , welche in dieser Unterhaltung Stoff zu törichten Gesprächen suchten ; die Jungen hingegen erhitzten ihre gemeine Phantasie an den gemeinen unpoetischen Machwerken , oder vielmehr sie suchten hier die bessere Welt , welche die Wirklichkeit ihnen nicht zeigte . Die Romane zerfielen hauptsächlich in zwei Arten . Die eine enthielt den Ausdruck der üblen Sitten des vorigen Jahrhunderts in jämmerlichen Briefwechseln und Verführungsgeschichten , die andere bestand aus derben Ritterromanen . Die Mädchen hielten sich mit großem Interesse an die erste Art und ließen sich dazu von ihren teilnehmenden Liebhabern sattsam küssen und liebkosen ; uns Knaben waren aber diese prosaischen und unsinnlichen Schilderungen einer verwerflichen Sinnlichkeit glücklicherweise noch ungenießbar , und wir begnügten uns damit , irgendeine Rittergeschichte zu ergreifen und uns mit derselben zurückzuziehen . Die unzweideutige Genugtuung , welche in diesen groben Dichtungen waltete , war meinen angeregten Gefühlen wohltätig und gab ihnen Gestalt und Namen . Wir wußten die schönsten Geschichten bald auswendig und spielten sie , wo wir gingen und standen , mit immer neuer Lust ab , auf Estrichen und Höfen , in Wald und Berg , und ergänzten das Personal vorweg aus willfährigen Jungen , die in der Eile abgerichtet wurden . Aus diesen Spielen gingen nach und nach selbsterfundene , fortlaufende Geschichten und Abenteuer hervor , welche zuletzt dahin ausarteten , daß jeder seine große Herzens- und Rittergeschichte besaß , deren Verlauf er den andern mit allem Ernste berichtete , so daß wir uns in ein ungeheures Lügennetz verwoben und verstrickt sahen ; denn wir trugen unsere erfundenen Erlebnisse gegenseitig einander so vor , als ob wir unbedingten Glauben forderten , und gewährten uns denselben auch , in eigennütziger Absicht , scheinbar . Mir ward diese trügliche Wahrhaftigkeit leicht , weil der Hauptgegenstand unserer Geschichten beiderseits immer eine glänzende und ausgezeichnete Dame unserer Stadt war und ich diejenige , welche ich für meine Lügen auserwählt , bald mit meiner wirklichen Neigung und Verehrung bekleidete . Daneben hatten wir mächtige Feinde und Nebenbuhler , als welche wir angesehene , ritterliche Offiziere bezeichneten , die wir oft zu Pferde sitzen sahen . Verborgene Reichtümer waren in unserer Gewalt , und wir bauten aus denselben wunderbare Schlösser an entlegenen Punkten , welche wir mit wichtiger Geschäftsmiene zu beaufsichtigen vorgaben . Jedoch beschäftigte sich die Einbildungskraft meines Genossen überdies mit allerhand Kniffen und Ränken und war eher auf Besitz und leibliches Wohlsein gerichtet , in welcher Beziehung er die sonderbarsten Dinge erfand , während ich alle Erfindungsgabe auf meine erwählte Geliebte verwandte und seine kleinlichen und mühsamen Geldverhältnisse , welche er unablässig zusammenträumte , mit einer kolossalen Lüge von einem gehobenen unermeßlichen Schatze überbot und kurz abfertigte . Dieses mochte ihn ärgern , und während ich , zufrieden in meiner ersonnenen Welt