Sekretariate des Zentral-Dombau-Vereins eine Festmahlkarte gekauft . Ich habe nie eine Portion Heringssalat teurer und mit mehr Vergnügen gezahlt als diesmal ; ich bin sogar einen halben Tag lang dahinter hergelaufen , und wäre Herr Schnitzler nicht ein so überaus artiger Mann , ich liefe noch - und alles um eine Portion Heringssalat ! Man sollte sagen , daß ich den schrecklichsten Katzenjammer haben müßte . Aber wie meine Leser wissen , war dem nicht so . Ich hatte den ganzen Morgen mit meinem beschränkten Untertanenhumor an den Pforten des Domes gestanden und mich mehr des wohlfeilen Regenwassers als des kostspieligen Weines erfreut . Endlich war der Reichsverweser und der König erschienen , endlich hatte ich beide bewundert , und endlich konnte ich naß wie ein Pudel nach Hause gehen , um für das bevorstehende Diner Toilette zu machen . Schön wie ein Gott und hungrig wie ein Wolf trat ich in den Saal . Schon auf der Schwelle hätte ich vor Erstaunen fast einen Purzelbaum geschlagen . War das der Gürzenich ? O seltsame Ändrung ! Ach , ich kenne den Gürzenich aus meinen Jugendjahren , aus jener Zeit , wo ich in der Sternengasse nicht weit von dem berühmten Hause wohnte , von dem mir einst ein todernster Kölner erzählte , daß der Herr Peter Paul Rubens darin geboren und daß die Mediceische Venus darin gestorben sei ! - Ach , damals hatte ich noch meine fünf Sinne beieinander und hielt es für meine Pflicht , jedesmal um die Karnevalszeit Schulden zu machen und meine Uhr zu verkaufen , um hinter dem Rücken meiner alten , grausamen Freunde die schönste Maske zu machen , welche je durch die Straßen der heiligen Stadt Köln sprang . Hab ich nicht einmal den Don Quijote gespielt , in gelben Stiefeln , in schwarzer Trikothose , den Panzer vor der Brust , den Spitzenkragen um den Hals , das Barbierbecken auf dem Kopfe und den fürchterlichen Speer in der Rechten ? Zog nicht mein Sancho hinter mir her , mit weltkugelrundem Bauche , in ländlicher Tracht , und forderte ich nicht auf dem Gürzenich wenigstens ein Schock der holdseligsten Dulcineen zum Tanze heraus , bis mir zuletzt die Beine unterm Leibe fortliefen und bis ich , einer blassen Leiche ähnlich , an die Brust meines mir ewig teuern und unvergeßlichen , damals als Bär verkleideten Freundes Klütsch sank ? Oh , wie hatte sich alles geändert ! In demselben Saale , in dem ich früher nur der heiligen Stadt Köln vortrefflichste Narren in buntem Gemisch durcheinanderwogen sah , in demselben Freudensaale erblickte ich jetzt an unendlich langen Tischen , ach Gott , der Politik geweihte Köpfe , Deputierte aus Hessen , aus Österreich , aus Schwaben , aus Bayern , aus Ungarn , aus Oldenburg , und mitten zwischen ihnen nichts als kohlschwarze Pastöre , Geheimräte , Kaufleute und andere nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft - ich glaubte weinen zu müssen . Aus den Deckenfeldern des Saales , aus denen früher Rosen und Reben nickten , schauten jetzt grimmige schwarze Reichsadler ; an den Säulen , die früher die ausgezeichnetsten Geckenköpfe schmückten , hingen jetzt die Wappenschilde der verschiedenen deutschen Staaten , und an den Wänden des Saales hieß es statt » Es leben alle Narren ! « - » Ein einiges Deutschland « und statt » Allen wohl und Keinem weh ! « - » Eintracht und Ausdauer « . Eine unendliche Wehmut erfaßte mich ; ich fühlte zum ersten Male , daß die leidige Revolution , und noch dazu eine Revolution , die die guten Kölner gar nicht einmal gemacht haben , uns um allen Spaß zu bringen droht . Durch die Reihen der Tische , an den unheimlich unverständlich redenden Volksvertretern schritt ich so traurig vorüber , wie vielleicht der Geist eines alten verkommenen Griechengottes an den glattgerittenen Bänken einer protestantischen Kirche vorüberspukt , und ich konnte erst wieder recht herzlich lachen , als ich auf der Erhöhung des gewaltigen Raumes , an derselben Stelle , wo ich seinerzeit als Don Quijote meiner Dulcinea nachjagte , den edlen Gagern hinter der deutschen Einheit herlaufen sah und den Sancho Soiron erblickte , wie er seinem berühmten Ritter im purzelnden Eselstrab zu folgen strebte . Das Spaßhafte dieser Erscheinung tröstete mich in etwas ; ich überzeugte mich davon , daß wenigstens noch nicht aller Humor aus der Welt verschwunden ist , und da gerade an die Stelle des Heringssalates einige höchst einladende Salme auf die Tafel schwammen , so bemächtigte ich mich , nicht ohne Lebensgefahr , eines Kuvertes und drückte mich zwischen einige unbekannte Versammelte und stammelte mein Tischgebet . Wie immer betete ich aus dem Homer , in Hexametern : » Und die ehrbare Schaffnerin kam und tischte das Brot auf Und der Gerichte viel aus ihrem gesammelten Vorrat . Und ich erhob die Hände zum lecker bereiteten Mahle . « Mit den Gerichten und dem lecker bereiteten Mahle muß ich indes meine Leser erst noch genauer bekannt machen . Die Speisen sind keineswegs eine Nebensache bei einem Essen . Wie meine Leser wissen , folgte dem Heringssalat der Salm . Aber das war noch keineswegs alles . Ich greife daher zu dem Küchenzettel , den jeder Gast in Groß-Folio-Format neben seinem Teller fand und den ich wohlweislich mit nach Hause nahm , um mich noch nachträglich davon zu überzeugen , ob ich auch gewissenhaft das ganze Verzeichnis durchgekaut hatte . Ich tat dies zu meiner besonderen Beruhigung . Der Speisezettel heißt aber treu kopiert wie folgt : Das Ganze ist umringt von Arabesken und allegorischen Figuren : ein Küfer , ein unentzifferbares Wesen , ein Kerl mit einem höchst christlich-germanischen Gesichte mit dem Reichsadler und viertens ein dito mit dem preußischen Adler . Ich kann es mir nicht versagen , noch die Bemerkung hinzuzufügen , daß die guten deutschen Blätter und namentlich die » Kölnische Zeitung « in ihren sonst so reichhaltigen und schön stilisierten Berichten über die Festlichkeiten dieses Dokument nicht mit aufgeführt haben . Die Gründe