höchsteigener Person die Vertheilung der Waffen vornehmen ließ . Alles war zufrieden . Man hatte so schnell seinen Groll vergessen , daß man sogar der angebornen Spottlust über die Ereignisse der letzten Tage freien Lauf ließ . Dennoch hätte ein aufmerksamer Beschauer selbst in der scheinbaren Harmlosigkeit des Volks eine große Veränderung wahrgenommen . Man witzelte , lachte , flanirte umher , wie vor zehn Tagen , aber die Witzeleien hatten eine politische Pointe , das Lachen glich dem Hohnlachen eines siegsgewissen Kämpfers , wie ein Ei dem Andern , und in dem schlendernden Gange der Spaziergänger lag eine Nonchalance , welche weniger das Gepräge eines absichtslosen Sich-Gehen-Lassens als einer übermüthigen Nichtberücksichtigung der Form trug , welche aus einem Gefühl der Nichtachtung des Gegners entspringt . Das Volk hatte offenbar das Bewußtsein , einen ersten Sieg errungen zu haben , und in diesem Bewußtsein die ahnungsreiche Hoffnung , daß dieser erste Sieg nicht der Letzte sein werde . Sämmtliches Militär war theils in den Kasernen , theils im Schlosse consignirt . Der König hatte , durch die Erfahrung der letzten Tage belehrt , am meisten aber durch die Wiener Revolution und deren Consequenzen erschreckt , ein anderes System eingeschlagen . Man versuchte es , das Volk sich selbst zu überlassen , um zu sehen , ob der angeschwollne Strom von selbst zu dem gewöhnlichen Niveau herabsinken werde . So wogte denn heute die Menge wie ein Meer nach dem Sturme auf und ab . Gegen Mittag hieß es plötzlich , der König werde um 2 Uhr vom Balkon des Schlosses herab dem Volke eine Constitution ertheilen und das gesammte Ministerium entlassen . Mit Blitzesschnelle verbreitete sich das Gerücht durch die ganze Stadt und setzte ungeheure Massen nach dem Schloßplatze in Bewegung . Auch Alice , welche mit dem Prinzen A. von einer Spazierfahrt zurückkehrte , überredete ihn , sich mit ihr der Menge anzuschließen . Bald waren sie denn auch dem Schlosse gegenüber fest eingekeilt . In diesem Moment erschien der König , sprach zu dem versammelten Volke einige Worte , von denen aber nicht einmal der Ton zu unsern beiden Freunden herabdrang , und entfernte sich dann wieder . Ein vieltausendstimmiges Lebehoch drang aus der Menge zu ihm empor und brach sich in mächtigen Echos an den grauen Wänden des altehrwürdigen Gebäudes . Abermals begann die Menge , sich in Bewegung zu setzen . Der Prinz gelangte mit Alicen glücklich zum Hauptportal . Doch bald wurde hier das Gedränge am stärksten . Den Eingang desselben hatten die neuerfundenen Friedensmänner mit weißen Binden um den Armen eingenommen . Hinter ihnen standen die Garden , deren Bajonette über die Köpfe ihrer Vordermänner hervorragten . Des Volkes hatte sich jetzt ein aus seiner momentanen Stimmung allein erklärlicher Enthusiasmus bemächtigt . Alle Schranken zwischen ihm und dem Könige sollten jetzt fallen . - » Soldaten heraus ! « tönte eine Stimme . Das war das Wort , das den Zauber löste und das Volk zum Bewußtsein brachte , was es eigentlich wollte . Preußen war ein Polizeistaat , noch mehr aber ein Militärstaat . Das fühlte in diesem Augenblicke die Menge , als ihrer Sehnsucht nach dem mit ihr ausgesöhnten Könige durch die Bajonette der Gardisten ein Zügel angelegt wurde . » Soldaten heraus ! « - schallte es jetzt aus tausend Kehlen . Man drängte nach dem Portale zu . Immer dichter und dichter schoben sich die Massen in- und durch einander . Da hörte man plötzlich den dumpfen Schall der Trommel . Infanterie rückte von der Schloßfreiheit her und schwenkte im Sturmschritt gegen die Menge um . In einem Augenblicke war der Schloßplatz durch Militär , welches von der Ecke der Breitenstraße bis nach dem Schloßgarten mit der Front nach der Kurfürstenbrücke aufgestellt war , in zwei große Hälften getheilt . Noch als der äußerste rechte Flügel den Bogen beschrieb , um seine Stellung einzunehmen , sprangen drei Soldaten aus den Reihen heraus und mit vorgestrecktem Bajonette auf die Spatziergänger ein , welche aus Neugierde auf dem Trottoir vor den » Fiscatischen Laden « stillstanden , um von fern dem Treiben am Schloßportale zuzuschauen . Alice stand nur zehn Schritte davon entfernt , sie war von der Seite des Prinzen gerissen und jetzt von ihm durch das Militär getrennt . Sie sah , wie die Soldaten auf die harmlos Dastehenden einsprangen und plötzlich - ob durch Zufall oder Absicht , konnte sie nicht entscheiden - sich ihrer Gewehre entluden . - - Einen Augenblick nach dem doppelten Knall trat eine Todtenstille ein . Im nächsten tobte der Ruf : » Rache , Rache ! das ist Verrath ! « - durch die Menge ; die Friedensmänner rissen die weißen Binden von dem Arme und traten sie mit Füßen . Vor einem Augenblicke allgemeiner Jubel , Enthusiasmus ohne Gleichen - im nächsten das Wuthgeschrei betrogenen Vertrauens . - Alice dachte in diesem Moment an die Worte , welche sie zu Herrn v. M. gesagt : » Ein kluger Mann versucht nicht eher zu vermitteln , als bis die Vermittelung unmöglich geworden . « - Sollte er nicht diesen Augenblick als den richtigen erkannt haben , um auf dem Schauplatze zu erscheinen - dachte sie bei sich und ihr Blick richtete sich unwillkührlich nach der Kurfürstenbrücke . Sie hatte sich nicht getäuscht . Herr v. M. , umgeben von der aufgeregten Menge , mehr getragen als gehend , nahte sich dem Schlosse . Sie eilte ihm entgegen und setzte ihn mit wenigen ruhigen Worten die Lage der Dinge auseinander . Er begab sich sogleich zum Könige hinauf . - - - - Es war zu spät - - - - Der General von Möllendorf hatte die Kurfürstenbrücke occupirt , und sah sich von hier aus den Bau der ersten Barrikade an der Ecke der heiligen Geist-und Königsstraße an . Alle Vermittlungsvorschläge wurden zurückgewiesen . Eine weiße Fahne , welche vom Schlosse herabgebracht wurde , und auf der mit großen Buchstaben zu lesen war : » Ein Mißverständniß ! Der König will das Beste