seiner Tochter Schranken setzen würde , sobald er von derselben eine hinreichende Kenntniß erhielte - und aus gleichem Grunde , wiewohl ihn Pauline aus kindlicher Schonung für ihren Vater nicht auszusprechen wagte , hatte sie Thalheim gebeten , nicht immer zu sagen , woher die Hilfe kam . So bestand zwischen Beiden ein stillschweigendes Einverständniß , und der Schleier des Geheimnisses war über ihren Bund gebreitet - dies Alles trug dazu bei , denselben eine freilich nie ausgesprochene , aber größere Innigkeit zu geben , als er außerdem vielleicht für sie gehabt hätte . Jetzt trat Pauline aus dem Hause wieder in den Garten , einen schweren Korb am Arme , und sagte zu Franz : » Führen Sie mich zu der armen Mutter - ich will selbst hingehen . « Franz war im ersten Augenblick fröhlich überrascht - nach einer kleinen Pause sagte er aber : » Sie wurden schon vorhin blaß , wie ich Ihnen nur von dem zerrissnen Arm des Kindes sagte - es wird Ihnen widerlich sein , diesen Anblick wirklich zu haben - wer weiß , vielleicht halten Sie ihn gar nicht einmal aus . « » Halten Sie mich nicht für so schwach - und wird mir der Anblick weh thun - die andern Leute müssen ihn ja auch haben , und empfinden dabei gewiß dasselbe . « » Aber die Wohnung der großen Lise ist sehr schmuzig und schlecht , die Frau selbst ist roh , und war durch die Verzweiflung heute zur Wuth aufgestachelt - sie wäre im Stande - « er hielt plötzlich inne , und fügte dann bei : » ersparen Sie es sich . « » Was wäre die Frau im Stande ? Warum reden Sie nicht aus ? Sie wissen , daß Sie vor mir Alles sagen dürfen . « » Sie wäre im Stande , Sie verletzende Reden hören zu lassen , weil Sie heute Schlimmes erfahren . « » Sie würde Grund dazu haben , uns zu verurtheilen - es war in unserm Dienst , daß ihr Kind verunglückt ist - sie hat von meinem Vater harte Worte hören müssen , der Factor hat sie noch härter behandelt - sehen Sie , deshalb will ich hin , ich fühle , daß ich diesen armen Leuten eine Genugthuung schuldig bin . « » Mein Fräulein - Sie sind mehr als ein Engel der Armen ! « rief er mit Begeisterung . » Sie wissen , was die reichen Leute niemals glauben wollen , daß es auch für die armen Leute süßer ist , das Brod , um das sie betteln müssen , mit einem freundlichen Blick geboten , als mit einer zürnenden Miene vor die Füße geworfen zu erhalten - « er faßte ihre Hand , er hatte es nie wieder gewagt seit jenem Wintersonntagabend , wo er ihr Beschützer gewesen war , und sie ihm die ihrige gegeben hatte - aber jetzt konnte er nicht anders , er faßte sie mit raschem Drucke . Sie erwiderte diesen leise , sah ihn mit einem unbeschreiblich innigen Blicke an , und sagte sanft : » Wer hat mich denn gelehrt , die Gefühle dieser Unglücklichen zu verstehen ? « Beider Augen glänzten feucht - in diesem Glanz spiegelte Eines das Bild des Andern zurück - so standen sie einander still gegenüber , ihre Lippen schwiegen , nur diese Blicke sprachen , diese Blicke erzählten das ganze Geheimniß von zwei gleichschlagenden Herzen , und ihre Hände blieben sanft in einander . Nachdem so eine stille , feierliche Minute über sie hingezogen war , sagte Pauline : » Wir gehen zusammen - lassen Sie und nicht länger zögern . « » Ja , wir gehen zusammen ! « rief er fröhlich . » Ich widerspreche Ihnen nicht mehr . « Sie zog ihre Hand aus der seinen , er nahm ihr den Korb ab , welchen sie trug , und folgte ihr . Die Dämmerung brach immer schneller herein . Bald stand Franz vor einem kleinen aus Holz und Lehm erbauten Hause still , Die Hausthüre stand offen . Er wies auf eine kleine , schmuzige Treppe von Holz , welche hinauf führte , er bat Paulinen , hinauf zu gehen , und folgte ihr mit dem Korbe , der Druck auf eine verrostete , feuchte Thürklinke öffnete die armselige Kammer , in welcher die Frau wohnte , welche man in der Fabrik nicht anders , als » die große Lise « nannte . Auf einem Haufen von verfaultem Moos und Stroh , das ein alter Fetzen von grobem Zeug von vielen Schlitzen und Löchern nur wenig überdeckte , lagen zwei wimmernde Kinder , ein Knabe von etwa zehn , und ein Mädchen von sieben Jahren , in einem andern Winkel hockten noch zwei kleine Mädchen , die etwa fünf und vier Jahre zählen mogten . Alle diese Kinder sahen bleich und abgezehrt aus , und ihre Augen glotzten stumpf und blöde vor sich aus ; durch den matten Schein der düster brennenden , kleinen Oellampe wenig beleuchtet , ward ihr Ansehen noch unheimlicher , und sie glichen in den schmuzigen Lumpen , in welche sie gehüllt waren , mit den struppigen Haaren , die ungekämmt in die ausdruckslosen Gesichter hereinhingen , eher unheimlichen Kobolden , als lebenden Menschenkindern . Ein Tisch , auf welchem das rauchende Oellämpchen unter einigen andern halb zerbrochenen und berußten irdenen Geräthen stand , und daneben zwei alte hölzerne Stühle mit zerschlitztem Leder beschlagen , und eine alte Lade - das war der ganze Hausrath einer Familie . Zwei Frauen standen in dieser Stube ; die eine war hager , aber von riesenhafter Größe . Sie hatte mit einem bunten Tuch um den Kopf die schwarzen Haare aufgebunden ; ihr Gesicht war bleich und starr - aus ihren Augen und dem Zucken um ihren welken Mund sprach ein verwilderter Ausdruck . Das war die lange Lise , die Mutter dieser vier Kinder . Die andere Frau war eine Fabrikarbeiterin , welche Frau Martha genannt ward