Sie ein Paar Eheleute , dort Mutter und Tochter , da zwei Brüder sich abarbeiten in dem Bestreben zu einem zufriedenstellenden erträglichen Verhältniß zu gelangen . Wäre ein Theil lasterhaft und der andre tugendhaft - der eine ein Spitzbube , der Andere ein Ehrenmann : so erklärte sich die Unvereinbarkeit der Naturen . Aber nein ! es sind Beides brave Menschen , Beide geben sich redlich Mühe - doch umsonst ! sie reiben sich auf in unfruchtbaren Bestrebungen , fühlen sich gedrückt , gehemmt , elend , oft ohne die Ursach zu wissen oder sich selbst eingestehen zu wollen . Es kommt eine unwillkürliche Erstarrung über sie , eine Lähmung ihrer edelsten und feinsten Fähigkeiten ; und das schwindet und zerschmilzt sobald sie dem feindlichen Einfluß enthoben und unter einen wolthätigen gebracht sind . Dann kommen sie zu Athem und zu Besinnung , und müssen dennoch zugeben , daß die Menschen bei denen sie sich wol fühlen nicht besser , nicht klüger , nicht tüchtiger als Jene sind ; allein sie haben einen gemeinsamen und homogenen Lebensäther . Sedlaczech und ich - wir haben einen heterogenen . « » Otbert ! Otbert ! es ist unleugbar viel Wahrheit in dem was Sie sagen und Jeder von uns hat gewiß dergleichen Erfahrungen gemacht . Aber man muß behutsam zu Werk gehen , wenn man diese Richtschnur brauchen will ; man muß sich möglichst partei- und leidenschaftlos , möglichst menschenfreundlich und unselbstsüchtig erhalten ; - man muß eine Seele von der sensitivsten Zartheit haben : sonst wird man in die schneidendsten Ungerechtigkeiten und in die wunderlichsten und traurigsten Irrthümer verfallen . Der Mensch - durch Cultur der Sphäre seiner primitiven Begabung entrückt - durch Civilisation zu einer künstlichen ausgearbeitet - durch Erziehung noch ganz speciel soll ich sagen gebildet oder zugestutzt - durch Gewohnheit der Gesellschaft abgestumpft gegen die Erscheinung des Menschen - durch persönliche Erfahrungen bald mißtrauisch bald blindvertrauend gemacht : der Mensch aus unsrer Zeit und unsrer Welt , ihren Einflüssen , Regeln und Gesetzen unterthan , durch sie gesäugt , von ihnen gewiegt - sollte eine solche clairvoyance der Erkenntniß haben , daß dieselbe mit seinem dunkeln Instinct zusammenfiele , und ihn sicherer führte als Beobachtung und Prüfung ! ? « » Meine arme Sibylle , entgegnete Otbert mitleidig , Beobachtung und Prüfung führen uns meistentheils so verkehrt und in die Irre , daß der Instinct wenig zu thun braucht um es besser zu machen ! - Ich für meine Person halte es , wenn es auf ein Urtheil ankommt , in den meisten Fällen mit dem Ergebniß der unwillkürlichen , unräsonirten Regung ; denn unser mehr oder weniger sophistisches Räsonnement , durch das zweifelnde Dämmerlicht unsers Verstandes mehr beleuchtet als erleuchtet , ist ganz dazu geeignet um uns an der Wahrheit selbst irre zu machen . « » Das ist richtig ! entgegnete ich traurig . Ach , wie er es auch beginne , dem Menschen vom Mittelschlag ist Irrthum und Täuschung gewiß ! Unsre unvollkommnen Fähigkeiten werfen ihren tiefen Schatten über die flüchtige Erkenntniß die zuweilen in uns auftaucht um wie eine himmlische Vision in dem Nebel der Alltäglichkeit zu verschwinden . « » O mein Engel ! nichts von diesem Rückfall ins Schattenreich ! rief Otbert , kniete vor mir nieder und umspann mich mit dem eindringlichen warmen Blick seiner glänzenden schwarzen länglichgeschnittenen Augen . - Sieh , ich bin wie Orpheus ! ich habe die geliebte Eurydice in jenem Reich gesucht , gefunden , befreit - - ich trage sie in meinen Armen zum goldnen Tageslicht , zum süßen Liebesleben empor - ich bin freudezitternd über meinen Sieg und meine Seligkeit ; - o jezt keinen Rückblick mehr , keine Gemeinschaft mit den Schatten der Vergangenheit . Sieh ! Sedlaczech gehört ihr an ; er ruft jene empor , unabsichtlich , nur durch sein Dasein . Laß ihn gehen , Sibylle ! o ich mögte Dich von der ganzen Welt isoliren , alle früheren Eindrücke aus Dir verwischen , damit Du mit mir und durch mich das Leben kennen lerntest . « Mit welchen Gründen sollte ich diese Bitten und Wünsche abweisen ? Ich hatte keine . Wir waren im Mai ; im hohen Sommer wollten wir nach der Schweiz gehen und uns dort verheirathen . Wollte Otbert in seiner jungen Häuslichkeit keinen Dritten haben - ich begriff das ! allein jezt einen Mann zu entfernen , meinen Lehrer , Freund und Gast , den ich eingeladen hatte , das schien mir tyrannisch gegen mich und roh gegen Sedlaczech . Und dennoch erfüllte ich Astraus Wunsch ! - - So wie ich den Entschluß gefaßt ihn zu heirathen , hatte ich denselben gegen Sedlaczech ausgesprochen . Er antwortete mir nichts als : » Gott segne Sie in all Ihrem Thun . « Seitdem hielt er sich noch ferner als sonst von mir und war auch noch schweigsamer und zurückhaltender in meiner Gesellschaft . Zuweilen in Otberts Gegenwart , angeregt durch dessen Gespräche , wurde er lebhaft und mittheilend , und dann gab es keinen größeren Contrast als diese beiden Männer sowol in der äußeren Erscheinung als in dem Ausdruck ihrer inneren Richtung . Astrau - ein Sohn der Sonne , glänzend , prächtig , herrschend , siegesgewohnt und bewußt , ein heitres süßes Spiel aus dem Leben und dessen ernstesten Gaben machend , die Schatten fliehend , also auch Wehmuth , Kampf und Schmerz fast ängstlich vermeidend - ein verzogenes Kind des Schicksals und der Menschen , dem Alles geglückt war was er sich je in den Kopf gesetzt , und daher von einem Selbstvertrauen ohne Gleichen , das ihn zu seinem eignen Gott erhob . Sedlaczech - eine Mondscheingestalt , die von Millionen unbeachtet lautlos zwischen ihnen dahin glitt ; ein Verstoßener aus den Reihen der sogenannt Glücklichen der Welt ; von der größten Schüchternheit , wie der Mangel an Erfolg und vielleicht herbe Erfahrungen das mit sich brachten ; von der nachhaltigsten Ausdauer , die aus dem unabweislichen Instinct seines Genies hervorging ;