, die Kammer gilt für eine Garderobe Sophiens . Weiß Duguet ? unterbrach ihn Anna . Ich glaube , nein ! Und gerade , um mit Ihnen zu besprechen , ob ich meine Vermuthungen Ihrem alten Diener mittheilen , mit ihm oder allein den Versuch wagen soll , dem Verborgenen zur Flucht behilflich zu werden , kam ich hierher . Wenn Sie es mir gestatten , Gräfin , so bekenne ich Ihnen , daß ich letzteres vorziehe . In der Hoffnung , daß Sie mir Ihre Erlaubniß nicht versagen , um die ich Sie herzlich bitte , habe ich - er legte ein versiegeltes Paquet auf den Tisch - hier ein paar Verfügungen getroffen , einige Andenken und vollendete Arbeiten zusammengerafft , die ich Ihrer Gunst empfehle . Im Fall eines Mislingens , das mich vielleicht in Unannehmlichkeiten verwickelt , oder auch zur Flucht mit dem Unbekannten zwingt , enthalten diese Papiere vielleicht meine Vertheidigung , jedenfalls aber nichts , was Ihnen oder den Ihren irgend Nachtheil bringen kann . Gotthard ! schrie Anna auf - Leichenblässe bedeckte ihre Züge - keine Uebertreibung , die mir - sie wollte sagen , das Leben kosten würde - aber sie streckte nur bittend die Hand aus und der Ton ihrer Stimme versagte , er brach an der Erinnerung ihrer Lage . Gotthard ergriff die bebende Hand und hielt sie einige Secunden in der seinen , mit abgewandtem Blick sagte er leise : fühlen Sie denn nicht , daß ich - gerade ich Ihn ( er nannte Kronberg nicht ) um keinen Preis einer solchen Entdeckung aussetzen darf ? In meinen heutigen Briefen ist von seiner Rückkehr die Rede , er ist Gesandter in Wien geworden - und ich - bin ihm als Regierungscommissarius für alles Juristische beigegeben - « Anna schlug die Augen mit einem unaussprechlichen Ausdruck auf , sie faltete die Hände bittend wie ein Kind : Ist ' s unvermeidlich ? Gotthard ging in tiefer Bewegung auf und nieder . Ich finde keinen Ausweg . Auch nicht Duguet ' s Hülfe ? Nein , im Hause könnte er mir nützlich sein , die Flucht wird er vielleicht sogar gefährden . Und Leontine ? Nein , o nein ! - Was auch geschehen mag , welchen Preis es auch koste , es muß unter uns bleiben ! Er hatte im Auf- und Niedergehen sich ihr zugewandt , seine Züge hatten das seltsame , ihm eigenthümlich Durchleuchtende bekommen . Was kann im schlimmsten Fall dem Grafen drohen ? fragte Anna etwas gefaßter . Eine entehrende Anklage der Duplicität . Und Ihnen , Gotthard ? Der Verdacht der Theilnahme an der Freimaurerloge , am Carbonarismus - - Großer Gott ! also Festung , auf lange vielleicht , im Augenblicke , da Sie dem Höhepunkt Ihres Strebens sich nähern ! - Nein , rief sie plötzlich im wildesten Schmerz , keine Pflicht auf der Welt kann mir das gebieten ! Gotthard stand wieder still vor ihr , das Leuchten seiner Züge war jetzt wie eine strahlende Verklärung über sein ganzes Wesen ausgegossen - ein bebendes Gefühl unsäglichen Glücks flutete in jeder Ader , jeder Fiber ; er sprach kein Wort , er sah sie kaum eine Secunde lang an , er berührte nicht einmal ihre Hand . Aber plötzlich floß der Glutstrom des Glückes auch durch ihr Herz und auch ihrer Seele wuchsen Riesenflügel : Beide wußten in diesem Augenblicke , daß sie grenzenlos geliebt wurden , grenzenlos liebten . Als sie wieder aufsah , war er fort . Indem öffneten die Knaben an Betzys Hand die Thür , sie waren schon in ihren weißen Nachtkleidchen und kamen , der Mutter gute Nacht zu sagen , um , wie sie es nannten , ihr Dämmerviertelstündchen durch bei ihr zu bleiben . Anna legte die Hände unbewußt auf ' s Herz , als habe sie Gott für eine große Gnade zu danken : ein schwerer Lebensaugenblick war schuldrein wie mit Engelsfittigen über sie hinweggeschwebt . - - Mutter ! sagte Egon , indem er rasch die Lehne ihres Fauteuils erkletterte und darauf rücklings seinen gewöhnlichen Platz einnahm , Betzy ist garstig , sie will nicht , daß ich das schöne Gebet spreche , das Vrenely die Tante Leontine gelehrt - Ich sage das vom kleinen , kleinen Englein , flüsterte schon halb im Schlaf sein Bruder Joseph , der seinen Kopf auf Annens Schoos gelegt hatte , das ist viel hübscher . Betzy wollte den Fall erörtern , Anna winkte ihr , zu schweigen . Alle Gebete , mein Egon , sagte sie liebkosend , die aus dem Herzen kommen , sind gut und schön . Aber nicht so schön ! meinte kopfschüttelnd Egon . Ich kann es recht gut verstehen und Tante hat es mir auch erklärt . Höre nur ! Er faltete , oben auf seiner Lehne sitzend , die Hände und betete mit tiefer Inbrunst : » Daß walte Gott In Schlaf und Tod , Wenn Leib und Seele scheiden ; Daß walte Gott In Glück und Noth Im Finden und im Meiden . Daß walte Gott In seiner Treu Auch über meiner Liebe ; Daß walte Gott , Bewahr ' vor Reu ' Die Tage hell und trübe . All meines Herzens Bangen , All meiner Seel ' Verlangen Geb ' ich in seine Hände , Es führe mich an ' s Ende . « Ist das nicht schön , Mutter ? Und das letzte hat Tante Vrenely immer gedacht , während sie Onkel Otto im Schnee suchte . Anna war tief ergriffen . Es gibt Lagen im Leben , in denen man an keinen Zufall glaubt . Sie schloß den Knaben inniger an ' s Herz und schlichtete den kleinen Streit mit bebenden Lippen . Als aber die Kinder fort waren , fiel die gedankenschwere Last des Augenblicks mit verdoppelter Gewalt auf ihre Seele zurück ; sie fühlte nicht den Muth , irgend etwas gegen Gotthards Willen zu thun , und eben so wenig die Kraft , unthätig ihn einer