dieser schweigsam zürnende Mensch verführt hatte . - Eine dämmernde Mondnacht zitterte über Flur und Stadt . Mardochai sprach mit so folternder Ruhe , daß ich ihn vor Ungeduld hätte ermorden können . Er führte mich in ein abgelegenes Haus . Ringsum die geheimnißvollste Stille . Ein Zimmer , klein , reinlich , von Ambraduft durchzogen , öffnete sich . Auf dem Ofen , der in Adlergestalt sich erhob , glommen noch die Ueberreste der Kohlen , von denen das Räucherwerk verzehrt ward . Kein Licht brannte , nur der Mond dämmerte still und heimlich durch die halbgeschlossenen Jalousien . Am Fenster stand ein Bett , mit weißem Seidenstoff überzogen . Treten Sie näher , sagte Mardochai , wenn es Ihnen hier gefällt . Mit sanfter Gewalt stieß er mich hin zum Lager . Eine geschickte Handbewegung schlug die Jalousien am Fenster zurück , das volle Mondlicht erleuchtete Zimmer und Bett , ich erblickte in stillem Schlummer eine schöne Frauengestalt . Eugenie ! rief Mardochai laut . Die Schlummernde regte sich , im nächsten Augenblick umschlang sie mich mit warmem Arm - ich erlag der Aufregung - Eugenie , das schönste Weib , das je mein Auge erblickte , gab mir den Himmel , um mein Herz der Hölle als Pfand zu überreichen . - Mardochai war verschwunden . Ich hörte seine Stimme erst wieder , als die Morgenröthe mich übergoß mit dem erborgten Purpur der Scham , die ich nicht mehr kannte . Eugenie ruhte neben mir ; - es hätte ein Gott straucheln können bei diesem Reiz der Schönheit ! - Mardochai ! rief ich , Mardochai , wo bin ich ! Wo Sie fortan immer sein können , wenn Sie in dieser Nacht gefühlt haben , daß ein muthiges Uebertreten weniger schmerzhaft ist , als ein feiges Folgen . Und von Stund ' an ward Eugenie , Mardochai ' s Geliebte , wie ich erst späterhin erfuhr , auch die Meinige . Die Eifersucht kannte Mardochai nicht , ob aus Klugheit , Diplomatie oder sonstigen Gründen , habe ich nie ermitteln können . - Das sinnlich glühende Fleisch ward nunmehr meine Speise , die ich von Stund an in weltheiliger Begeisterung mir reichen ließ von der schönsten Priesterin der Natur . Ich hing in süßer Verzückung an den Brüsten , die Weisheit spendeten in der Gluth ihrer schwellenden Bewegung . Ich betete an in Liebe die Schönheit fleischgewordener Göttlichkeit und suchte den Himmel mit seiner ätherischen Liebe zu begreifen in auflösender Umarmung . Ich ward ein Schüler Mardochai ' s und folgte doch nur meiner Ueberzeugung . Die Lehre der Ascese zu verstehen , das Geheimniß heilig gewordener Menschen zu fassen , lebte ich wie ein Bacchant in unstetem Rausche . Kein Gedanke der Reue warnte mich vor diesem gefährlichen Dasein . Es war Liebe und nur Liebe , die mich führte , trieb , geißelte von Genuß zu Genuß . Ich glaubte tief zu fühlen , daß nur derjenige das Leben verstehen könne , der es genossen habe wie ich ; ob ich nach solchen Wollustbädern auch ein Lehrer der Liebe würde sein können , daran dachte ich nicht , wenn die schäumende Fluth des Genusses in tausend scherzenden Perlen über mich zusammenstürzte . - Es lag eine hohe Poesie in diesem Leben . Keine spätere Zeit hat mich so duftig umhaucht , wie jene , ganz an die Unschuld der entfesselten Leidenschaft hingegebene . Mich riß nicht die Gemeinheit an den wollüstigen Leib der Schönheit , sondern eine Anschauung der Welt , die irrig sein mochte , aber mir doch erhaben schien . Erst später , als sich eine Art Besonnenheit , wie der Spion umherschleichender Satanstücke in den Rausch mischte , ergriff mich ein Schwindel der Feigheit . Ich sah mich umgeben von ähnlich Handelnden , aber anders Denkenden . Da schauderte ich , zog mich zurück , ward schwermüthig . Der Leichtsinn meiner Genossen suchte mich auf , es kam zu Erklärungen . Meine Fragen wurden mit bornirter Gutmüthigkeit beantwortet oder mit ekelhaft gemeiner Frivolität . Diese Rotte schnobberte am sinnlichen Leben umher , wie ein Hund , der die Küche wittert am Duft der Speisen . Das war keine Poesie , kein süßes zauderndes Entschleiern der Geheimnisse der Menschennatur - das war nur gemeines Schwelgen in grober , entarteter Sinnenlust . - Man muß sich ' s mitnehmen , weil es Gelegenheit gibt , später tritt die Ernsthaftigkeit und die Strenge der Lebensregeln ein . So sprachen Hunderte der Jünger des Herrn , unbewußt den Fluch ausstoßend über sich selbst und ihre Genossenschaft . Es war die nackte Wahrheit , nur in grasser Wirklichkeit hingestellt wie ein Skelett ! - Betäubung , Ekel , Widerwillen am Leben und Forschen hielten mich lange in tiefster Einsamkeit . Mardochai rüttelte mich endlich aus diesem dumpfen Hinbrüten auf . Geht Ihre Poesie schon zu Ende ? redete er mich mit derselben zurückgehaltenen , leidenschaftlichen Wärme an , die ihm eigen war . Sie fangen an zu karthäusern , ein unpassendes Spiel für einen Protestanten . Ich erzählte ihm meine Erfahrungen und legte offen und blos den mit Asche bedeckten Heerd meiner Gedanken . Das ist ein Gemälde unserer christlichen Welt , schloß ich , an solch wurmgefräßiges Holz lehnt sich die Kirche . Diese Entdeckung ist nicht neu , erwiederte Mardochai . Betrachten Sie die Sache jedoch ruhig , als Christ , mit Liebe , Duldung und unparteilichem Auge ! Gehen Sie Lehre und Leben durch und ziehen Sie Parallelen zwischen beiden . So lange Sie trennen , wird keine Einheit geboren . Das Leben im Genuß sinnlicher Lust , ist ' s etwas anderes , als die in heiliger Umzäunung verrückt gewordene Liebe ? Mögen Sie ' s dem Menschen verdenken , daß er an der Natur sich erheben will , wenn ihn zuvor die Unnatur herabgewürdigt hat durch Demuth zur Carikatur des Hundes ? Lieber Freund , ich finde , Sie sind ungerecht ! Harte Gesetze verlangen raffinirte Witze , um sie unschädlich