ihm ein Frevel zu sein , diese anmutigen Charaktere zu zerstören ; er korrigierte mit der feinsten Feder , mit den zartesten Strichen . Vierzehntes Kapitel Des Abends waren die Zusammenkünfte gemeinschaftlich . Man hatte festgesetzt , daß jeder aus seinem Fache immer etwas vortragen solle . Im Anfang hielt man auch diese Anordnung aufrecht ; der Arzt handelte allgemein-verständliche Kapitel der Naturwissenschaft ab , Wilhelmi gab einen populären Abriß der neueren philosophischen Systeme zum besten , der Herzog erzählte von der englischen Landwirtschaft , mit welcher er sich grade eifrig beschäftigte . Da aber nach dem Willen der Herzogin jeder an jedem Abende sein Pensum enden sollte , so wurde der Kursus doch bald gar zu aphoristisch . Die übrigen Männer zogen sich daher mit guter Manier zurück , und das Regiment gelangte unvermerkt an Hermann , der die Poesie und Unterhaltungsliteratur erwählt hatte . Unangenehm war es freilich , daß auch hieraus , nach der einmal gegründeten Sitte des Hauses fast nie etwas Vollständiges zum Vorschein kommen durfte . Der Eintritt des Bedienten , welcher zu melden hatte , daß serviert sei , zerschnitt mit unerbittlicher Strenge die anziehendste Vorlesung mitten im Akt , Szene , Perioden . Die Herzogin hatte eine eigentümliche Gabe , sich an Einzelheiten zu erfreun , weshalb sie auch weniger nach einem Ganzen verlangte , ja ein solches nur in Einzelheiten aufnahm . Sie schaffte sich alle Blumenlesen und Geister , welche aus den Schriftstellern gezogen zu werden pflegen , mit besondrer Vorliebe an , und nichts glich ihrem Vergnügen , wenn sie einen schönen Gedanken in schöner Sprache außer dem Zusammenhange mit weniger glänzenden Dingen genießen durfte . Gesellschaft des umherwohnenden Landadels brachte doch meistens wöchentlich eine Abwechselung in den Kreislauf der Stunden . Grade in dieser Gegend waren die Gutsbesitzer unverrückt auf ihren Schollen sitzen geblieben , und hatten von den Ansteckungen des Stadt- und Hoflebens , die dem Adel andrer Orten so gefährlich geworden sind , kaum etwas gelitten . Hermann wunderte sich nicht wenig , als er in den Zirkeln , die er kennenlernte , auf manchen Mann stieß , dessen einfache Denkungsweise ihm Ehrerbietung einflößte , als er selbst hin und wieder Töchter edler Häuser fand , in deren Unterhaltung er sich schon gänzlich resignieren zu müssen gemeint hatte , und die ein sehr gutes Gespräch zu führen wußten . Denn der Adel dieser Landstriche war bei seinen eleganteren Standesgenossen fast im Verruf , und galt nur für eine Sammlung völlig verbauerter Krautjunker . Schlittenfahrten , die , so oft es sich tun ließ , veranstaltet wurden , gaben ihm Gelegenheit , sich als gewandten Vorreiter , oder als ersten Diener der Herzogin , wie er sich gern in ihrer Gegenwart nannte , zu zeigen . Vor allem aber vergnügte ihn die Jagd , die auch wirklich in dem waldicht-hüglichten Gebiete des Herzogs von großer Ergiebigkeit war . Es freute ihn indessen weniger , ein Stück zu erlegen , als dieses fröhliche Ausziehn in der Mitte lustiger Gesellen mitzumachen , das sachte listige Streifen und Schleichen durch den Nebel über Heiden und Waldplätze zu versuchen , die Geschichten , die Ahnungen und Vorbedeutungen zu hören , das heitre Mahl nach vollbrachter Arbeit verzehren zu helfen . Er fühlte sich auf diesen frohen Zügen in solcher Gemeinschaft mit der Natur , dem kräftigen Urzustande der Menschheit so nahe gerückt ! Auch wenn kein größeres Treiben stattfand , lag er mit dem alten Erich , der ein firmer Schütze war , und einem Menschen , der zuweilen herüberkam und der Amtmann vom Falkenstein genannt wurde , viel im Forste , wobei manche Mondnacht im Kreise kahler reifglänzender Bäume auf dem Anstande versessen ward . Einmal hatte er bei solcher Gelegenheit das fabelhafte Glück , zwei Füchse , die um die Ecke geschlichen kamen , mit den Schüssen seiner Doppelflinte zu töten . Ein Fall , der noch nicht vorgekommen war , und ihm bei allen Weidmännern ein fast mythisches Ansehen gab ! So gingen unsrem Freunde wohl- oder übelbeschäftigt die Tage hin . Die Bäume waren kahl geworden , der Schnee hatte die Erde bedeckt , war wieder geschmolzen , und nun kamen aufs neue die Knospen hervor . Seine Gegenwart schien allen willkommen zu sein , es sah aus , als müsse das immer so fortdauern . Nur einmal ward er zu einem flüchtigen Nachdenken aufgeregt . Sein Tagebuch fiel ihm in die Augen , welches er sonst sehr ordentlich zu führen gewohnt war . Um das Versäumte der letzten Woche , wie er meinte , nachzuholen , schlug er es auf , sah aber zu seinem Schrecken , daß er schon mehrere Monate lang nichts geschrieben hatte . Auch von früher standen nur Notizen mit einem Worte vermerkt , als : » Jagd den und den « , » Gesellschaft aus * « , » Schlittenfahrt nach * « ohne alle weiteren Zusätze . Er besann sich , er hatte geglaubt , daß ihm viel begegnet sei , konnte indessen nichts darüber zu Papiere bringen . Die weißen Blätter sahen ihn wie strafend an ; in diesem Augenblicke hörte er die Herrschaften unten von einer Spazierfahrt zurückkehren , und eilte , indem er das Buch weglegte , hinab , sie zu empfangen . Fünfzehntes Kapitel Von Flämmchen war nie die Rede gewesen . Die Herzogin hatte sich mit keinem Worte nach dem Kinde , für welches sie ihm Geld gegeben , erkundigt . Unmöglich aber konnte er sich zu einer Beichte überwinden , welche sein angenehmes Verhältnis gestört , ihn lächerlich und verkehrt gezeigt haben würde . Der Arzt , gegen den er , wie die Sachen standen , seinen Widerwillen hatte niederkämpfen müssen , hatte ihm einen Pädagogen genannt , der nach seiner Meinung das Mädchen in die rechte Bahn bringen würde . Diesen wollte Hermann nun baldigst aufsuchen . Vor seinem Ordensgelübde rechtfertigte er das Verschweigen gegen die Herzogin mit der Distinktion , daß man zwar nie lügen müsse , daß es aber zuweilen unumgänglich notwendig