. Dann erst haben wir die Poesie unsres Daseins erreicht . Wehe Dem unter uns , der jetzt schon seine Verse für etwas hält . O Libussa ! O Libussa ! Dann baue auch ich eine große Stadt , aus meinen Gedanken ! Doch still , still ! Wo gerathe ich hin hier oben auf dem Laurentiusberg ! Noch einmal will ich mit meinen Blicken weit in die Ferne streifen , ich will mein Herz daran starken , Bilder der Ferne einzufangen . Und es ist ein wunderbarer , herrlicher , nie sättigender Anblick , hier sich wieder und wieder umzuschaun , bald in das gestaltvolle Prag hinein , bald in die blaue Himmelsweite der Gegend . Mit einer großartigen Perspective hat hier die Natur ihre Landschaftsmalereien ersonnen , sie ist besser daran , als die Zeit und die Schriftsteller mit ihren Perspectiven . Sie kann mir hier selbst das Riesengebirge zeigen , das ich dort hinten mit deutlich geformten Gliedern erkenne , wie es eine zackige Schneespitze keck in die träge ruhende Wolke taucht . Und links und rechts , und vor und hinter mir , hundert andere duftumflossene Bergeshäupter , wie eine ehrwürdige Patriarchenfamilie , mit langen silbernen Bärten zwischen den Wolken hingelagert . Die einen still und sanftgezeichnet , wie junge Lämmer mit weißem Vließ , die andern ernsthaft und feierlich , wie weltverachtende Propheten , diese , mit den hochemporgehobenen Nebelgesichtern , dunkelschattig und kopfschüttelnd , wie philosophische Menschenfeinde , jene , mit den feuchten Wimpern , die auf die eisige Wange herniederthauen , zu dem Himmel hinauf schluchzend , wie uraltes Weh des Universums . Rings im Kreise stehen sie um mich her , diese Berge , und schauen mich groß an , und es ist , als hätte mir Jeder etwas zu sagen . Bald wie gebannte Götter , bald wie verzauberte Menschen , bald wie fremde seltsame Thiere neigen sie ihr Antlitz zu mir herüber . Dann scheint es wieder , als hüllten sie sich tiefer und tiefer in den wallenden Schleier , der ihnen Kopf und Busen graugesponnen umfließt , und als wollten sie sich grollend zurückziehen vor der Welt in unsichtbare Regionen . Das ist ein Frieden und eine Schwermuth , eine Erhabenheit und ein banges Schweigen , eine Wildheit und eine Andacht , welches um diese Berggipfel spielt , das sich gar nicht beschreiben läßt , und doch wie mit tausend Zungen in die Lüfte hineinredet . Wie ungebändigte Genies , welche die Flachheit der Erde noch nicht hat hinabzwingen können in die Ebene , stehen sie alle da , und machen mir viel zu denken , ich weiß selbst nicht was . Und willst Du Dein Auge nun wieder in der Nähe wohlthuend ansiedeln - denn die weite Ferne schmerzt auch , so wie sie erhebt - so laß es auf die grünen Höhen fallen , welche den Rücken der Stadt schmücken und schirmen . Da ist vor allen der Zizkaberg den Du Dir anschauen mußt , bei dem mir jedoch die Historienmalerei , die auf ihm ruht , bedeutender däucht , als die Landschaftsmalerei , welcher er in der Gegend hier dient . Die Historienmalerei , die auf ihm ruht , hat tief in Blut gemalt , Blut in Blut , mit fanatischen Schwerterstreichen . Die gräuelvollsten Tage der Hussitenkriege schweben wie kreischende Gespenster über seiner Anhöhe . Oder blicke noch einmal zu dem hochwürdigen Hradschin hinauf , und zähle die stolze Pracht seiner Kirchen , Klöster und Schlösser , ermiß staunend den Bau der alten Königsburg der Böhmen , und bewundere die gothische Herrlichkeit des Domes zu St. Veit , an dem verschiedene Zeiten gebildet haben . Oder laß das Auge nun , an den beiden Brückenthürmen der Kleinseite vorüber , über die Moldaubrücke fort , in die buntbewegte Altstadt hineingehn , und suche die Thürme zu unterscheiden , die sich da wie eine ehrfurchterregende Gemeinde erheben . Vor allen streckt die altväterliche Teynkirche , grauen Jahrhunderten entstammend , die beiden hochragenden Thürme ihrer Kuppel wie gottanrufende Hände zum Himmel empor . Und horch ! es klingt und läutet , und ein gedämpfter Ton der Glocken irrt in halbverlorenen Schwingungen auch zu unserer abgeschiedenen Höhe aufwärts . Ist es die große Glocke der Teyn , welche an unser Ohr fällt ? eine berühmte Glocke , die auch in der Geschichte Klang und Namen erworben . Und immer lauter verstärkt sich der fromme Klang , welcher muthig durch die Lüfte hinschwebt , und sein tönendes Gefieder , hoch über der Stadt , in die blaue Wolke trägt . Immer mehrere Kirchen fangen an , da unten zu läuten , mein Herz bewegt sich , und unser Belvedere hier oben wird uns zum Gottesdienst . Nun steige ich hinunter , nachdem ich Dir nur noch zwei Thürme der Neustadt gezeigt , die dort in betrachtenswerthen Gestalten zu uns aufschauen . Der Franziskaner mit der breiten Brust , alle umstehenden überragend , und St. Katharina , in zarter jungfräulicher Bildung , wie eine junge Nonne , die fromm und schön zugleich . Fromm und schön zugleich , das liebe ich , denn da kommt Gott und Welt zusammen , das suche ich . Und nun nimm noch einmal rührenden Abschied mit einem einzigen ganzen Blick von Allem ringsum , was Herz und Auge gefangen genommen hatte mit großartigen Wundergemälden . Dann steigen wir stillsinnend den Laurentiusberg wieder hinab . - Nachdem wir flüchtig in der freundlichen Hasenburg , die uns noch in ziemlicher Berghöhe hier begegnet , eingesprochen und uns erfrischt haben , schreiten wir allmälig wieder der Nähe der Stadt zu . Wenn ich lange im Freien und im Angesicht der grünen Natur verweilt , tritt mir alles Städtische jedesmal als ein wohlthuendes und kräftigendes Element neu entgegen . Dann möchte ich immer eine umgekehrte Elegie dichten , wie Schiller , wenn er in seinem » Spaziergang « die Entfernung von der Stadt feiert , und mit hochtönenden Grüßen dem Laude zueilt . Während er sich dort glücklich preist