Streben . Ich selbst möchte ihm das Thor öffnen , den Weg bahnen ! Gedanken , die ihn beschäftigen , umringen mich ! ich werde ganz er selbst , fühle , wünsche wie er , und athme frei , wenn ich mich besinne , daß er fern von hier , wenigstens auf Stunden und Tage , jetzt sich selbst angehört , seinem ungestillten Drange nach Freiheit augenblicklich Genüge thut . Lange , lange sitze ich dann so , begleite ihn auf Wegen und Stegen , bilde mir ein , seinen Schritten zu folgen , und während ein zärtlicher Wahn die Zwischenräume durchmißt , bin ich weder allein , noch entbehre ich das Glück der Gegenwart . Nein , lassen Sie michs bekennen , ich kann , mir selbst überlassen , weit ungestörter Hugo ' s Bild betrachten , als ihm gegenüber . Ja , mir steht er fest , rein , unberührt von dem , was zuweilen die Wirklichkeit umdunkelt . Es ist der wahre Hugo , den ich ungetheilt mein nenne , den ich liebe , den ich liebkose , zu dem ich frei aus dem tiefsten Herzen rede . O ! wer mag zweifeln , daß ich eben in den Stunden , die mir falsches Mitleid rauben will , glücklich bin ! Lieber Freund , wenn nur meine Mutter das so wüßte , wenn es sie beruhigen könnte , daß mir diese unscheinbare Stellung im Leben lieb ist , daß ich sie um Vieles nicht wechseln möchte , daß ich vor jeder Veränderung zittre . Manchmal habe ich ihr ganz rücksichtslos schreiben , sie bitten wollen , ja an nichts zu rühren , was sich allzuleicht durch fremdes Eingreifen verschiebt . Allein , wozu würde es nützen ? Sie mißt mein Glück nach ihrem Empfinden . So freilich muß sie hier unzufrieden sein ! Und wenn ich mir nun denke , wie mit heißer Sehnsucht sie sich her zu mir wünscht , wie ihre unbegränzte Liebe mich nie verließ , ich ihr Alles auf Erden bin , sie keinen , auch nicht den kleinsten Wunsch hegt , der nicht ihrer Emma Wohl beträfe , dann sinkt mir der Muth , dann weiß ich nicht , wie ich ihr das Unabänderliche anders darstellen , das Mangelnde , was allein der Fortgang des Lebens ergänzt , im Augenblicke verhüllen soll . Auch der Oheim ist nicht ohne Sorge . Er sagte mir noch diesen Morgen : » Liebes Kind , Ihre Mutter wird nicht mit uns zufrieden sein , sie wird sich hier mißfallen . Wäre es nicht besser , Sie folgten Hugo nach der Residenz , und empfingen sie dort ? « Ich war verlegen , was ich ihm erwiedern sollte . Hugo hat mich nie aufgefordert , ihn nach der Stadt zu begleiten ; er vermeidet es wohl , weil es nicht das Ansehen haben soll , dort einen längern Aufenthalt zu wählen . Seine Stellung bleibt auf solche Weise freier . Er sichert sich das Gehen wie das Kommen , wenn er über Beides nur mit dem Augenblicke zu berathen hat . Es wäre mir nicht möglich , ihn gerade hierin hemmen zu wollen . Auch bin ich nicht des Oheims Meinung . Aus vielen Gründen ist es mir lieb , die Mutter hier auf dem prächtigen Familiensitze bei mir zu sehen . Das Schloß , seine Umgebungen , der Zuschnitt der Verhältnisse , die ganze Lebensweise , werden ihr in gewisser Hinsicht genügen . Der Glanz , wenn er nicht blendet , ergötzt immer das Auge , und macht es williger , Unebenheiten zu übersehen . Und dann - gleichförmige Ruhe hält Störungen entfernt . Dies alles bei mir überdenkend , schwieg ich einige Augenblicke , ohne meinen wohlwollenden Beschützer zu beruhigen . Er ergriff meine Hand , drückte sie fest in der seinen , indem er zärtlich sagte : » Machen Sie es , wie Sie wollen . Ihr klarer Geist giebt Ihnen von selbst den Faden durch dies Labyrinth in die Hand . « Er ging . O ! hätte er gewußt , in welcher Unsicherheit er mich zurückließ , wie orakelhaft seine Worte klangen , was er in mir verworren , was er geweckt hat ! Ich sehe es nun wohl , die Welt tadelt Hugo , beklagt mich , erfindet und spinnt das Erfundene emsig zusammen . Wie ich diese müßige Geschäftigkeit hasse ! wie mich eine Theilnahme drückt , die ohne Herz und Gemüth , nur das Fremde an sich reißen , es durchschauen möchte . Die Menschen wissen nicht , wie wehe sie mir thun ! Ist es denn nicht möglich , anders zu sein , als Andere , und doch für sich recht zu behalten ? Ich bin so ängstlich , seitdem der Oheim ging . Ich weiß nicht , was ich thun oder lassen soll ? Der Brief meiner Mutter ist in großer Leidenschaft geschrieben . Er klingt fast drohend . Die wenigen Zeilen , welche das Stiftsfräulein ins Couvert hineinschrieb , sollen mich wohl beruhigen , allein sie enthalten die niederschlagende Nachricht , daß beide Freundinnen sich auf einem gewissen Punkt der Reise trennen , und während die Eine dieser Gegend zueilt , die Andere sich zurück , zu der Fürstin wendet , um dieser erwartete Briefe und Berichte zu überbringen . So fehlt mir denn auch die vermittelnde Sophie . Von ihr hätte ich erfahren , wer all die Leidenschaft , die ängstliche Hast erregt ? Sie würde mir geholfen haben , mich gegen schmerzliche Angriffe zu waffnen , und zugleich die Zärtlichkeit der liebevollsten Mutter zu schonen . Jetzt bin ich ganz allein , Hugo ahndet nicht , was mich quält , auch ist er nicht anwesend . Und wäre ers , was dürfte ich ihm sagen ? Ich lese in Ihrem klaren , frommen Auge , was ich vergessen zu haben scheine . Sie sehen fast strafend auf die Unruhe meines Herzens . Ja , ich verstehe , ich verstehe , wozu Sie mich