Schriften ein , denn Amalie war sehr reinlich erzogen , und hätte , wenn auch das Innere des Romans nicht immer sehr rein war , doch nie mit bloßen Fingern den fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet . Ehrerbietig trug ich ihn dann in den Garten hinüber , und überreichte ihn ; und nie empfing ich ihn zurück , ohne daß mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn oder einer Stecknadel bezeichnet hätte . So lasen und liebten wir ; unsere Liebe richtete sich nach dem Vorbild , das wir gerade lasen ; bald war sie zärtlich und verschämt , bald feurig und stürmisch , ja wenn Eifersuchten vorkamen , so gaben wir uns alle mögliche Mühe , einen Gegenstand , eine Ursache für unser namenloses Unglück zu ersinnen . Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter war übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt , der an dem Hof eines großen Grafen oder Fürsten lebt , eine unglückliche Leidenschaft zu der schönen Tochter des Hauses bekommt , und endlich von ihr heimliche , aber innige Gegenliebe empfängt . Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle zu geben ; wie gütig , wie herablassend war sie gegen mich ! wie liebte sie den schönen , ritterlichen Edelknaben , dem kein Hindernis zu schwer war , zu ihr zu gelangen , der den breiten Burggraben ( die Entenpfütze in unserm Hof ) durchwadet , der die Zinnen des Walles ( den Gartenzaun ) erstiegen , um in ihr Gartengemach ( die Moosbank unter den Achazien ) sich zu schleichen . Tausend Dolche ( die Nägel auf dem Zaun , die meinen Beinkleidern sehr gefährlich waren ) tausend Dolche lauern auf ihn , aber die Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füßen seiner Herrin . Das einzige Unglück bei unserer Liebe war , daß wir eigentlich gar kein Unglück hatten . Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen dem armen Ritter , meinem Vater , und dem reichen Fürsten ( dem Kaufmann ) , wenn nämlich eines unserer Hühner in seinen Garten hinübergeflogen war , und auf seinen Mistbeeten spazierenging ; oder es kam sogar zu wirklicher Fehde , wenn der Fürst einen Herold ( seinen Ladendiener ) zu uns herüberschickte und um den Tribut mahnen ließ ( weil mein Vater eine sehr große Rechnung in dem Kontobuch des Fürsten hatte ) . Aber dies alles war leider kein nötigendes Unglück für unsere Liebe , und diente nicht dazu , unsere Situationen noch romantischer zu machen . Die einzige Folge , die aus meinem Lesen und meiner Liebe entstand , war mein hartes Unglück , immer unter den letzten meiner Klasse zu sein , und von dem alten Rektor tüchtig Schläge zu bekommen ; doch auch darüber belehrte und tröstete mich meine Herrin . Sie entdeckte mir nämlich , daß des Herzogs ( des Rektors ) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe ; er aber habe gewiß unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten Vater , dem Rektor , beigebracht , der sich dafür auf eine so unwürdige Art an mir räche . Ich ließ die Gute auf ihrem Glauben , wußte aber wohl , woher die Schläge kamen ; der alte Herzog wußte , daß ich die unregelmäßigen , griechischen Verba nicht lernte , und dafür bekam ich Schläge . So war ich fünfzehn , und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden , ungetrübt war bis jetzt der Himmel unserer Liebe gewesen , da ereigneten sich mit einem Mal zwei Unglücksfälle , wovon schon eines für sich hinreichend gewesen wäre , mich aus meinen Höhen herabzuschmettern . Es war die Zeit , wo nach dem Frieden von Paris die Fouqéschen Romane anfingen , in meinem Vaterlande Mode zu werden .... « » Was ist das , Fouquésche Romane ? « fragte der Lord . » Das sind lichtbraune , fromme Geschichten ; doch durch diese Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher . Herr von Fouqué ist ein frommer Rittersmann , der , weil es nicht mehr an der Zeit ist , mit Schwert und Lanze zu turnieren , mit der Feder in die Schranken reitet , und kämpft , wie der gewaltigen Währinger einer . Er hat das ein wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert , oder vielmehr unsere heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert , und um fünfhundert Jahre zurückgeschoben . Da schmeckt nun alles ganz süßlich und sieht recht anmutig , lichtdunkel aus ; die Ritter , von denen man vorher nichts anders wußte , als sie seien derbe Landjunker gewesen , die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten , als der Großtürke aus dem sechsten Gebot , treten hier mit einer bezaubernden Courtoisie auf , sprechen in feinen Redensarten , sind hauptsächlich fromm und kreuzgläubig . Die Damen sind moderne Schwärmerinnen , nur keuscher , reiner , mit steifen Krägen angetan , und überhaupt etwas ritterlich aufgeputzt . Selbst die edlen Rosse sind glänzender als heutzutage und haben ordentlich Verstand , wie auch die Wolfshunde und andere solche Getiere . « » Mon dieu ! solchen Unsinn liest man in Deutschland ? « rief der Franzose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen . » O ja , meine Herren , man liest und bewundert ; es gab eine Zeit bei uns , wo wir davon zurückgekommen waren , alles an fremden Nationen zu bewundern ; da wir nun , auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschränkt , nichts an uns fanden , das wir bewundern konnten , als die tempi passati - so warfen wir uns mit unserem gewöhnlichen Nachahmungseifer auf diese und wurden allesamt altdeutsch . Mancher hatte aber nicht Phantasie genug , um sich ganz in jene herrliche vergangene Zeiten hineinzudenken , man fühlte allgemein das Bedürfnis von Handbüchern , die , wie Modejournale neuerer Zeit , über Sitten und Gebräuche bei unseren Vorfahren uns belehrt hätten , da trat jener fromme Ritter auf ,