unablässig . Es ist jezt nicht wie damals , da ich glaubte , daß er aus überspanntem Edelmuth auf immer nach Odessa fliehen wolle . Er scheidet zwar , doch er entflieht mir nicht . Er geht , wohin die Pflicht die er auf sich genommen ihn ruft , aber er geht um vielleicht glücklicher wiederzukehren . Tausend Meilen oder tausend Schritte sind in unserer Lage das nemliche . Raimund wird in der Ferne mir sogar näher gerückt erscheinen , denn lieber will ich ihn mir doch vorstellen , wie er auf dem Verdeck seines die mächtigen Wogen durchschneidenden Schiffes , unter dem tiefblauen Sternenhimmel des Südens meiner gedenkt , lieber soll mein Geist in fremden Städten , im Gewühl des Ankommens oder der Abreise ihn suchen , als hier in der weiten farb- und formlosen Oede des aller-alltäglichsten Lebens , in welcher Alles vor meinen Blicken verschwimmt . « Nur Eines forderte Vicktorine mit ihrer gewohnten Festigkeit noch , und Raimund stimmte mit ihr überein , sobald er ihre Entscheidung vernommen , und dieses Eine war eine Abschiedsstunde mit Bewilligung des Vaters , unter den Augen der Tante , dieses milden Schutzgeistes ihres Lebens wie ihrer Liebe . Vergebens erschöpfte sich Anna in Gründen und Bitten , um die Liebenden zu bewegen , sich selbst diese bittre Stunde zu ersparen . Sie wurde nicht nur überstimmt , sie mußte sogar unternehmen , Herrn Kleeborns Erlaubniß zu dieser Zusammenkunft zu erhalten , denn Raimunds Beredsamkeit übte eine unwiderstehliche Gewalt über sie aus . » Zwingen Sie mich nicht , « bat er , » zwingen Sie mich ja nicht , dem Schmerz wie ein Feiger aus dem Wege zu gehen , denn alles Umgehen ist meiner Natur durchaus zuwider und mir im Innersten der Seele verhaßt . Was mir auch begegnen mag , ich will ihm fest und gerade ins Auge sehen , und wär ' es mein Untergang . So viele wünschen sich einen schnellen Tod , ich habe von Kindheit auf ihn gescheut . Wenn ich einst vom Leben scheide , so wünsche ich , daß es mit Bewußtsein geschehe , mein brechendes Auge soll sich noch einmal dankend zu der Sonne , zu den Sternen erheben , die so lange mir leuchteten . Und so will ich auch jezt , ehe ich gehe , um vielleicht nie wiederzukehren , so will ich auch jezt noch einmal in Vicktorinens liebetreue Augen blicken , in diese Sonnen meines bessern Daseins . Wer weis denn , ob sie je mir wieder leuchten werden , denn meine Reise ist weit , und mancherlei Gefahren werden Unheil drohend mir entgegen treten . « » Der junge Holm geht in diesen Tagen nach England und von dort nach Westindien , wie ich für gewis höre , « sprach die Tante zu Herrn Kleeborn im gleichgültigsten Ton , den sie nur bei dieser Gelegenheit aufzubringen vermochte . Eigentlich dachte sie nur auf diese Weise ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen , das zur Erfüllung ihres Versprechens leiten konnte , um dessen Vollbringung sie sich eben in nicht geringer Verlegenheit befand , doch Kleeborn fuhr sichtbar erschrocken zusammen , als er sie so ganz gelassen den Namen nennen hörte , den er bis jezt noch gar nicht den Muth gehabt hatte , in ihrer Gegenwart auszusprechen . Er starrte in sprachloser Verwunderung sie an , und veranlaßte sie dadurch das Gesagte nochmals zu wiederholen . » Holm ! « rief er jezt fast jauchzend vor Freuden , » der junge Holm aus dem Hause der Herren Fischer et Compagnie ? Nun Glück auf die Reise ! Nein , Fräulein Schwester , eine beßre Nachricht konnten Sie mir im Leben nicht bringen ; und wenn Sie mir gesagt hätten , daß ich das große Loos in der englischen Lotterie gewonnen habe , es könnte mehr mich nicht erfreuen ! Denn über häuslichen Frieden und das Glück meines einzigen Kindes geht mir doch nichts in der Welt . Aber was sind Sie eine kluge Dame ! Ja ja , ich habe es immer gesagt und gedacht , Sie sind eine Dame , die die Welt kennt . Ich zerbreche mir den Kopf wie ich die verfluchte Geschichte Ihnen schicklich beibringen will , Sie verstehen ja wohl was ich meine , nun und inzwischen gehen Sie so ganz in der Stille hin , wissen Alles , lenken Alles , und führen Alles zum Besten . Nun nun , jezt wird sich Alles ja wohl mit der Zeit geben , wenn erst dieser Stein des Anstosses aus dem Wege kommt . Vicktorine wird ja Vernunft annehmen , besonders wenn Sie , Fräulein Schwester « - Die Tante unterbrach ihn , um nicht mehr hören zu müssen als ihr lieb war . » Ich habe Herrn Holm erlaubt , in meiner Gegenwart von Vicktorinen Abschied zu nehmen , « sprach sie in dem nehmlichen gleichgültigen Ton als vorher , und zugleich mit so gelaßner fester Zuversicht , daß Herr Kleeborn darüber ganz stutzig ward , und nicht gleich wußte , was er ihr antworten könne . Die Sicherheit , mit der sie sprach , als könne das gar nicht anders sein , verbunden mit der ehrerbietigen Zurückhaltung , welche ihre Gegenwart ihm einflößte , erlaubten ihm nicht ihr geradezu zu widersprechen , besonders da sie ihm eben eine so gute Nachricht mitgetheilt hatte . Und doch fühlte er auch eine grosse Abneigung , seine Einwilligung zu dieser Zusammenkunft der Liebenden ausdrücklich zu geben , wenn er gleich innerlich gewiß war , daß es die lezte sein würde . Nach kurzem Bedenken fand er indessen einen Mittelweg , indem er that als habe er die lezten Worte der Tante völlig überhört . » Ende gut alles gut und Einmal ist keinmal , « brummte er endlich halb leise vor sich hin , als er nach einer kleinen Pause gewahr ward , daß seine Schwägerin nicht für gut fand , noch einige Bewegungsgründe hinzuzusetzen , die er denn Gelegenheit gehabt hätte zu bestreiten