erlaubt war , sich ihr zu nahen . Darum sammelte sich auch in Karlsbad wie überall ein sehr angenehmer Kreis der Liebenswürdigsten und Gebildetsten um sie her . Es war als ob sie durch einen Zauberspruch alle an sich zöge , die zu diesen gezählt werden durften , oder als ob sie ein Zeichen an sich trüge , an dem die Gleichgestimmten sie erkannten . Dennoch wunderte sich jeder , der sie zum erstenmal sah , wie diese einfache , weder durch jugendlichen Reiz noch glänzenden Witz ausgezeichnete Frau dazu gekommen sey , der Mittelpunkt der Gesellschaft zu werden , so anspruchlos und zuvorkommend war sie in ihrem Betragen gegen Alle . Gabrielen hatte der Arzt nur ein paar Gläser des Theresienbrunnens , als des schwächsten von allen , zu trinken erlaubt , damit sie sich doch auch mit Ehren in die Reihe der Brunnengäste stellen dürfe ; denn es ist nichts unangenehmer , als bei einem , Allen gemeinschaftlichen Zweck , allein ausgeschlossen zu bleiben . Frühes Aufstehen , Bewegung in der vom Duft der Bergkräuter und frischem Waldeshauch erfüllten Luft , und vor allem Rückkehr zu der regelmäßigen Lebensart , deren sie während dieses Winters sich hatte entwöhnen müssen , waren die eigentlich ihr vom Arzt verordnete Kur , und der Erfolg bewies , daß er in der Wahl nicht geirrt hatte . Gabriele , die jetzt eben ihr siebzehntes Jahr vollendete , blühte von Tage zu Tage schöner auf . Der Rosenglanz der Gesundheit gab ihr einen neuen Reiz , ohne den fast ätherischen Ausdruck zu zerstören , der von ihrer frühsten Jugend an sie ausgezeichnet und ihr das Ansehn einer Bewohnerin andrer Welten gegeben hatte . Dabei lag in ihrem freundlichanspruchlosen Wesen etwas so unaussprechlich liebliches , daß jedermann sich zu ihr gezogen fühlen mußte , obgleich der stille Ernst , mit dem sie das Leben nur als Zuschauerin zu betrachten schien , niemanden zu näherer Vertraulichkeit aufforderte . Unter den Reisegesellschaftern der Frau von Willnangen war Ernesto der Einzige , der mit dem Ton und überhaupt dem Leben in Karlsbad nicht recht zufrieden seyn wollte . Sie selbst war zu oft sowohl hier als an ähnlichen Orten gewesen , um mehr von ihnen zu fordern , als sie ihrer jetzigen Einrichtung nach leisten können . Augustens heitre Natur befand sich in ihrer Mutter und Gabrielens Gesellschaft überall wohl , und diese freute sich zwar der herrlichen Umgegend , war aber in ihrer innern Welt noch zu befangen , um sonst noch Ansprüche irgend einer Art an die äußre zu machen . Anders aber verhielt es sich mit Ernesto . Dieser hatte noch nie zuvor einen Brunnenort besucht , denn zu der Zeit , da er im frühen Jünglingsalter Deutschland verließ , um die Ausbildung seines Talents in Italien zu suchen , war es noch nicht wie jetzt Gebrauch , die Bäder als Erholungsorte zu betrachten . Eine Badereise betrachtete man damals als einen großen Entschluß , und fast immer nur als den letzten Versuch zu genesen , ja der Ausspruch des Arztes , welcher die Kranken dorthin verwies , klang den mehresten von ihnen wie ein halbes Todesurtheil . Daher kannte sie Ernesto nur aus lobpreisenden Aufsätzen in Zeitschriften und hochtönenden , an Ort und Stelle verfertigten Beschreibungen , die ihn freilich weit mehr erwarten ließen , als er fand . » Wir sitzen hier ganz vortrefflich , « sprach er einst in halb unmuthiger , halb zufriedner Stimmung zu der Gesellschaft , die sich an einem warmen Nachmittag , im Schatten der schönen Bäume vor dem böhmischen Saal recht häuslich niedergelassen hatte . » Wir sitzen hier ganz vortrefflich . Frau von Willnangen macht die angenehme Wirthin , als wäre sie zu Hause , die übrigen Damen arbeiten an allerliebsten Kleinigkeiten , und wir Männer führen weise Gespräche . Uns ist wohl ! aber wir bilden doch einen Staat im Staate , und das ist hier nicht recht . Mir wenigstens thut mitten in meiner Glückseligkeit das Herz weh , wenn ich die einzelnen Paare ansehe , die dort auf der Wiese und hier in den Alleen langweilig und langsam neben einander herschlendern . Da Gott hier für alle und jede seinen Segen in den Quellen fließen läßt , so sollten auch wir niemanden von unsern Vergnügungen ausschließen und alle zusammen darnach streben , daß allgemeine Freude die ganze Brunnengesellschaft zu einer Familie vereine . « Die Gesellschaft , an welche Ernesto diese Worte richtete , bestand außer den Hausgenossen der Frau von Willnangen noch aus der im nördlichen Deutschland einheimischen Familie des Baron Wallburg . Dieser bewohnte mit seiner Frau , zwei Töchtern und einem Sohne den obern Stock des nehmlichen Hauses , von welchem Frau v. Willnangen die erste Etage inne hatte . Nicht sowohl diese nahe Nachbarschaft , als vielmehr eine gewisse Uebereinstimmung in ihrer Lebensweise hatte beide Familien zuerst einander näher gebracht . Gegenseitiges Gefallen , besonders des jüngern Theils derselben , machte sie in kurzer Zeit zu unzertrennlichen Gefährten in allen der Geselligkeit geweihten Stunden . General Lichtenfels , ein heitrer Greis , und sein Neffe Adelbert gehörten als frühere Bekannte des Barons Wallburg mit zu dem kleinen Kreise , in welchem Adelbert der einzige bedeutend Kranke war . Ehrenvoll im Kriege erhaltene , aber übel geheilte Wunden hatten diesen nach Karlsbad geführt , um Genesung oder doch wenigstens Linderung zu suchen . Im Innern schien er noch schmerzlicher verletzt zu seyn als im Aeußern , denn alle seine Züge trugen tiefe Spuren eines verzehrenden Kummers . Gewöhnlich nahm er nur schweigenden Antheil an der Gesellschaft , und schien gern in Gabrielens Nähe sich zu halten , deren ebenfalls nicht fröhliche Stimmung der seinen am besten zusagte . Sein ihn väterlich liebender und von ihm kindlich verehrter Oheim war einzig ihn zu begleiten , nach Karlsbad gekommen , und es gewährte einen eignen rührenden Anblick , wenn der alte eisgraue aber noch immer rüstige Krieger die schöne hohe Gestalt des jüngern unterstützte , der , von einer Fußwunde gelähmt