eben die Reue , die ich geflohen , an mir zu rächen , indem sie diesen Fall statt tausend ergreift , um mich zu peinigen . Dabei ist das Bild , die Vorstellung , die mich quält , so angenehm , so liebenswürdig , daß ich gern dabei verweile . Und denke ich daran , so scheint der Kuß , den sie auf meine Hand gedrückt , mich noch zu brennen . « Lenardo schwieg , und Wilhelm versetzte schnell und fröhlich : » So hätte ich Ihnen denn keinen größern Dienst erzeigen können als durch den Nachsatz meines Vortrags wie manchmal in einem Postskript das Interessanteste des Briefes enthalten sein kann . Zwar weiß ich nur wenig von Valerinen : denn ich erfuhr von ihr nur im Vorbeigehen ; aber gewiß ist sie die Gattin eines wohlhabenden Gutsbesitzers und lebt vergnügt , wie mir die Tante noch beim Abschied versicherte . « » Schön « , sagte Lenardo : » nun hält mich nichts ab . Sie haben mich absolviert , und wir wollen sogleich zu den Meinigen , die mich ohnehin länger , als billig ist , erwarten . « Wilhelm erwiderte darauf : » Leider kann ich Sie nicht begleiten : denn eine sonderbare Verpflichtung liegt mir ob , nirgends länger als drei Tage zu verweilen und die Orte , die ich verlasse , in einem Jahr nicht wieder zu betreten . Verzeihen Sie , wenn ich den Grund dieser Sonderbarkeit nicht aussprechen darf . « » Es tut mir sehr leid « , sagte Lenardo , » daß wir Sie so bald verlieren , daß ich nicht auch etwas für Sie mitwirken kann . Doch da Sie einmal auf dem Wege sind , mir wohlzutun , so könnten Sie mich sehr glücklich machen , wenn Sie Valerinen besuchten , sich von ihrem Zustand genau unterrichteten und mir alsdann schriftlich oder mündlich - der dritte Ort einer Zusammenkunft wird sich schon finden - zu meiner Beruhigung ausführliche Nachricht erteilten . « Dieser Vorschlag wurde weiter besprochen ; Valerinens Aufenthalt hatte man Wilhelmen genannt . Er übernahm es , sie zu besuchen ; ein dritter Ort wurde festgesetzt , wohin der Baron kommen und auch den Felix mitbringen sollte , der indessen bei den Frauenzimmern zurückgeblieben war . Lenardo und Wilhelm hatten ihren Weg , nebeneinander reitend , auf angenehmen Wiesen unter mancherlei Gesprächen eine Zeitlang fortgesetzt , als sie sich nunmehr der Fahrstraße näherten und den Wagen des Barons einholten , der , von seinem Herrn begleitet , die Heimat wiederfinden sollte . Hier wollten die Freunde sich trennen , und Wilhelm nahm mit wenigen , freundlichen Worten Abschied und versprach dem Baron nochmals baldige Nachricht von Valerinen . » Wenn ich bedenke « , versetzte Lenardo , » daß es nur ein kleiner Umweg wäre , wenn ich Sie begleitete , warum sollte ich Valerinen nicht selbst aufsuchen ? warum nicht selbst von ihrem glücklichen Zustande mich überzeugen ? Sie waren so freundlich , sich zum Boten anzubieten ; warum wollten Sie nicht mein Begleiter sein ? Denn einen Begleiter muß ich haben , einen sittlichen Beistand , wie man sich rechtliche Beistände nimmt , wenn man dem Gerichtshandel nicht ganz gewachsen zu sein glaubt . « Die Einreden Wilhelms , daß man zu Hause den so lange Abwesenden erwarte , daß es einen sonderbaren Eindruck machen möchte , wenn der Wagen allein käme , und was dergleichen mehr war , vermochten nichts über Lenardo , und Wilhelm mußte sich zuletzt entschließen , den Begleiter abzugeben , wobei ihm wegen der zu fürchtenden Folgen nicht wohl zumute war . Die Bedienten wurden daher unterrichtet , was sie bei der Ankunft sagen sollten , und die Freunde schlugen nunmehr den Weg ein , der zu Valerinens Wohnort führte . Die Gegend schien reich und fruchtbar und der wahre Sitz des Landbaues . So war denn auch in dem Bezirk , welcher Valerinens Gatten gehörte , der Boden durchaus gut und mit Sorgfalt bestellt . Wilhelm hatte Zeit , die Landschaft genau zu betrachten , indem Lenardo schweigend neben ihm ritt . Endlich fing dieser an : » Ein anderer an meiner Stelle würde sich vielleicht Valerinen unerkannt zu nähern suchen ; denn es ist immer ein peinliches Gefühl , vor die Augen derjenigen zu treten , die man verletzt hat ; aber ich will das lieber übernehmen und den Vorwurf ertragen , den ich von ihren ersten Blicken befürchte , als daß ich mich durch Vermummung und Unwahrheit davor sicherstelle . Unwahrheit kann uns ebensosehr in Verlegenheit setzen als Wahrheit ; und wenn wir abwägen , wie oft uns diese oder jene nutzt , so möchte es doch immer der Mühe wert sein , sich ein für allemal dem Wahren zu ergeben . Lassen Sie uns also getrost vorwärtsgehen ; ich will mich nennen und Sie als meinen Freund und Gefährten einführen . « Nun waren sie an den Gutshof gekommen und stiegen in dem Bezirk desselben ab . Ein ansehnlicher Mann , einfach gekleidet , den sie für einen Pachter halten konnten , trat ihnen entgegen und kündigte sich als Herrn des Hauses an . Lenardo nannte sich , und der Besitzer schien höchst erfreut , ihn zu sehen und kennen zu lernen . » Was wird meine Frau sagen « , rief er aus , » wenn sie den Neffen ihres Wohltäters wiedersieht ! Nicht genug kann sie erwähnen und erzählen , was sie und ihr Vater Ihrem Oheim schuldig ist . « Welche sonderbare Betrachtungen kreuzten sich schnell in Lenardos Geist . » Versteckt dieser Mann , der so redlich aussieht , seine Bitterkeit hinter ein freundlich Gesicht und glatte Worte ? Ist er imstande , seinen Vorwürfen eine so gefällige Außenseite zu geben ? Denn hat mein Oheim nicht diese Familie unglücklich gemacht ? und kann es ihm unbekannt geblieben sein ? Oder « , so dachte er sich ' s mit schneller Hoffnung , » ist die Sache nicht so übel geworden