möglich , alle Tiefen dieses reichen , wunderbar ausgestatteten Herzens zu ergründen , wenn uns nicht die Hand der Liebe leitet . Wie er liebt , mit dieser Stärke und dieser Zartheit , dieser Kraft und dieser Hingebung , so liebt nur ein Mann und ein Mädchen zugleich . Er vereinigt beide Empfindungen in seiner Brust , er denkt wie ein Mann , und fühlt wie ein Weib . Er ist mir Alles - Alles auf der Welt ! Und ohne ihn ? O weg mit diesem schrecklichen Gedanken ! Ich habe genug gelitten ! - Doch nein , nein ! Ich habe nicht genug gelitten . So elend ich war , als Verdacht und Eifersucht meine Brust zerrissen , und sein Götter-Bild in dunkle Schatten hüllten , als der Leitstern meines Lebens verschwunden schien - ich war doch nicht unglücklich genug , um diese Seligkeit erkauft zu haben ! Und doch hat ihm mein Verdacht nicht ganz Unrecht gethan . Er hat mir Alles bekannt , vor mir auf den Knieen liegend , das schöne Gesicht in meine Hände verborgen , über die seine glänzenden Locken fielen , unendlich liebenswürdig in seiner Zärtlichkeit , unwiderstehlich in seiner Reue , hat er mir Alles erzählt . Ja , er war mir ungetreu ; aber sein Herz wußte nichts davon , nur seine Sinnen waren bestrickt . O dies Herz , das reich genug ist , zehn alltägliche Geschöpfe aus seiner Fülle überglücklich zu machen , behielt Raum genug für seine bessere Liebe , während einige gemeine Seelen im Sonnenblicke seines Wohlgefallens nach ihrer Art selig herumgaukelten . Und doch klagte er sich an , doch hat er sich mit einer Strenge beurtheilt , deren nur das zartfühlendste Weib fähig ist . O Calpurnia ! Was war das für eine Scene ? Nur um sie erlebt zu haben , lohnt es der Mühe , geboren zu seyn ! Wer sie erfahren hat , kann nie ganz unglücklich werden , denn er war im Olymp , er hat seinen Lohn voraus , das Schicksal mag später mit ihm beginnen , was es wolle . Vergib , Calpurnia , theure Geliebte , daß ich dir statt einer ordentlichen Erzählung Ausrufungen und Schilderungen meines Glückes schreibe ! Du hast so treu und thätig meine Leiden getheilt , du hast das erste heiligste Recht auf jede meiner Freuden . Mit Chromis , und nach ihrem Rathe , hatte er nun den Plan entworfen , mich noch denselben Tag zu befreien , wenn ich einwilligen wollte . Und wie hätte ich nicht sollen , wie nicht können ? - Ich ging um die Mittagsstunde mit Chromis unter dem Vorwande , zu versuchen , ob ich nicht im Meere baden könnte , an ' s Gestade hinaus . Ein paar Sclavinnen begleiteten uns , weil man Chromis längst mißtrauete , und sie nirgends allein mit mir hingehen ließ . An der schattigen Bucht , die uns in wärmern Tagen oft zu einem angenehmen Badeplatze gedient hatte , ließ ich , wie gewöhnlich , die Mädchen warten , und ging mit Chromis tiefer hinein . Man ahnete nichts , und ließ uns gehen . Aber am Ufer des Meeres lag ein Kahn , und in dem Kahn war ein Schiffer - Ach , Calpurnia ! Welcher Schiffer ! Vermummt , und jedem Auge unkenntlich konnte er doch das Auge der Liebe nicht täuschen . Ich sprang in ' s Schiff - ich lag in seinen Armen . Mit unbegreiflicher Stärke ruderte er allein den Kahn mit mir und Chromis durch die strudelnde Brandung , und brachte uns an das größere Schiff , das nicht weit davon hinter einem Felsen lag . Hier erst wagte ich es , mich meiner Rettung zu freuen . Hier erst fühlte ich , was ich ihm dankte , und wie mein ganzes Wesen , meine Freiheit , mein Leben , mein Glück sein Werk , das Geschenk seiner Hand war . Schön und lieblich war bisher , der Jahreszeit ungeachtet , unsere Fahrt . Wir haben Corinth ohne das mindeste Ungemach erreicht , und dieser glückliche Anfang soll meinem Herzen ein Zeichen von der dauernden Gunst der Götter seyn . Morgen gehen wir schon von hier weg . Ein Schiff , das nach Nikomedien bestimmt ist , liegt segelfertig im Hafen , wir werden es besteigen , und bald hoffe ich dir aus dieser Stadt zu schreiben , wie glücklich ich bin , und wie ich Agathokles gefunden habe , der jetzt dort seyn soll . Fordere nicht , meine theure Freundin ! daß ich dir eine Beschreibung der merkwürdigen Stadt und des heiligen Isthmus gebe , auf dem ich mich jetzt befinde . Für tausend Reisende mag das sehr wichtig seyn , mir ist es nichts . Ob ich auf einer wüsten Insel , oder in Corinth lebe , ist mir gleichgültig . Genug , ich lebe mit Tiridates ; er ist meine Welt , und in dieser versunken , verloren , was kümmert mich das Treiben der Menschen um mich ? Was vollends die Geschichten verflossener Jahrhunderte ? Aus Nikomedien hoffe ich dir etwas Bestimmteres über mein Schicksal sagen zu können . Leb ' wohl ! 32. Junia Marcella an Larissa . Apamäa , im Nov . 301 . Dieser Brief , meine geliebte Freundin ! wird kaum ein paar Tage vor unserm Lehrer und Freunde Apelles bei dir eintreffen . Endlich haben es seine Geschäfte erlaubt , den längst versprochenen Besuch bei dir abzulegen . In einer Rücksicht kommt er nun freilich zu spät ; er wird dich in deiner Einsamkeit zu Trachene , und nicht in der gefährlichen Nähe eines allzugeliebten Freundes finden . Das ist Fügung der Vorsicht , meine Theure ! Hierin erkenne ich ihren Finger , nicht in den kleinen Zufällen , die sich vereinigten , oder für dich zu vereinigen schienen , um ein Verhältniß fortdauern zu machen , das zu gefährlich war , als daß du dich lange hättest darüber täuschen können . Auch