trennen . Er mußte sich sagen , daß eine besondere Haushaltung für die Baronin ihm noch lästiger werden und ihm noch mehr kosten würde , als ihr Aufenthalt in seiner Familie . Er konnte es sich auch nicht verbergen , daß Vittoria , wenn er sie nicht mehr bei sich behielt , genöthigt ward , diese Trennung vor ihren Freunden als eine von ihr gewünschte darzustellen ; und ob sie das nicht in einer Weise thun würde , welche für ihn und für Cäcilie nachtheilig werden konnte , dessen hielt Renatus sich bei ihrer Unvorsichtigkeit auch nicht versichert . Seine Güte , seine Großmuth und seine rücksichtsvolle Schonung für Vittoria , seine Ehrfurcht vor seines Vaters Willen hatten ihm die Hände gebunden . Er konnte seine eigenen freundlichen und liebevollen Urtheile über sie nicht zurücknehmen , ohne von denen , vor welchen er sie ausgesprochen hatte , für einen Thoren gehalten zu werden ; er konnte auch kaum Glauben für Anschuldigungen zu finden hoffen , welche seinem früheren Lobe entschieden entgegengestanden hätten , und er mußte jetzt zusehen , wie er mit den Folgen seiner unzeitigen Großmuth fertig werden konnte , auf die Vittoria in ihrem Leichtsinne sich zu verlassen gewohnt worden war . Er trug auch in diesem Falle die Folgen eines fremden Verschuldens ; es war wieder die Rückwirkung an und für sich guter , aber nicht an rechter Stelle angewendeter Empfindungen und Thaten , unter welcher er zu leiden hatte und die ihn mißtrauisch nicht nur gegen die Menschen , sondern auch gegen sich selber zu machen begann . Seine grübelnde Sinnesart , sein alter Glaube , daß er einmal nicht zum Glücke geboren sei , fingen wieder an , sich in ihm zu regen . Das rasche bewegte Leben während des Krieges hatte diesen Grundton seines Wesens übertäubt , der ihm , wie er glaubte , durch die Schwermuth angeboren sein mochte , mit welcher seine Mutter ihn unter ihrem Herzen getragen hatte . Nun , da er trotz seiner guten Vorsätze und seiner redlichen Bestrebungen , sich ein ruhiges und würdiges Leben zu errichten , immer auf neue Behinderungen stieß , tauchte jener melancholische Zug auf das Neue so stark in ihm empor , daß er die Nothwendigkeit fühlte , sich dagegen aufzulehnen , wenn er durch sein Schwarzsehen nicht Cäciliens ihn beglückende Heiterkeit zerstören wollte . Sie machte ihm ohnehin aus Liebe stets den Vorwurf , daß er in seinen Besorgnissen weiter gehe , als es nöthig sei . Sie übernahm es gutwillig , Vittoria in ihren Ansprüchen allmählich einzuschränken , sie bat ihren Gemahl , keine weiteren Erklärungen mit der Stiefmutter herbeizuführen , keine bindenden Versprechungen von ihr zu begehren . Sie erbot sich , Vittoria des Abends zum Ausgehen oder zu einer gemeinsamen Geselligkeit zu überreden , sie verhieß , in ihrer Wirthschaft solche Ersparungen zu machen , daß man die Möglichkeit behielte , der Stiefmutter eine gewisse eigene Geselligkeit zu gestatten , und da Vittoria , von der jungen Baronin gutem Willen gerührt und beruhigt , sich dieser immer wieder mit der alten Neigung anschloß , übernahm Cäcilie ihr Mittleramt in der That mit Zuversicht und Freude . Sie , die zuerst auf Vittoria ' s Unbesonnenheiten warnend hingewiesen hatte , gab es dem Freiherrn doch zu bedenken , daß Vittoria ' s Unstätigkeit erst seit ihrer Trennung von Valerio hervorgetreten sei . Sie verlangte also , daß man Valerio so oft als möglich nach Hause kommen lasse . Sie setzte es durch , daß er , in dem sich auch eine auffallend schöne Stimme herauszubilden begann , die Mutter , wenn es sich irgend thun ließ , in die Theater begleitete ; und Mutter und Sohn verlangten es nicht besser . Die Baronin verzichtete , wenn sie Valerio bei sich hatte , am Abende auf geselligen Besuch in ihren Zimmern , sie sang mit dem Sohne , dessen musikalisches Gedächtniß ein ganz ungewöhnliches war , und selbst Renatus und Cäcilie hatten ihr Vergnügen daran , wenn Valerio mit seiner feurigen Lebendigkeit ganze Scenen aus den Opern , in welche die Mutter ihn an den Sonntagen zu führen pflegte , vor ihnen nachzuspielen und zu singen unternahm . Seine Vorliebe für das Zeichnen schien dadurch plötzlich in den Hintergrund zu treten . Er hantierte allerdings noch immer mit dem Bleistifte und der Feder , aber es waren nur noch Opern-Scenen , die er entwarf , wenn er nicht Karrikaturen auf seine Mitschüler und Vorgesetzten zeichnete , deren komische Wirkung bei unverkennbarer Aehnlichkeit in der ganzen Anstalt von sich sprechen machte . Von Valerio ' s Verhalten in dem Kadettenhause war überhaupt nicht viel zu rühmen . Seine Zeugnisse erkannten zwar seine Begabung an , rügten jedoch seinen Mangel an Ausdauer und wahrer Arbeitslust , und kaum eine Woche verging , in welcher es für ihn nicht irgend ein Vergehen gegen die Disciplin der Anstalt zu büßen gegeben hätte . Wenn er auf solche Weise an einem Sonntage den Besuch bei der Mutter verscherzte , wußte er das nächste Mal durch verdoppelte Liebenswürdigkeit seine Bestrafung vergessen zu machen , und selbst Renatus , der sich vorgenommen hatte , ihn streng zu behandeln , fühlte sich oftmals wider seinen Willen von ihm hingerissen . Man mußte sich sagen , daß ein Knabe , der in so schrankenloser Willkür aufgewachsen sei , es schwerer als Andere finden müsse , sich dem strengen Zwange zu fügen ; sogar unter seinen Lehrern fanden sich Einer und der Andere , die für ihn sprachen , die der Ansicht waren , daß man mehr als mit Andern Geduld mit ihm haben und ihm Zeit vergönnen müsse , sich allmählich unterordnen und beherrschen zu lernen , wenn man seine ungewöhnliche Lebendigkeit nicht zu einem Nachtheil für ihn selber verkehren und ihn dahin bringen wolle , seinen fröhlichen Freimuth hinter der Maske einer erheuchelten Sinnesänderung zu verbergen , die vorzunehmen und aufrecht zu erhalten , eben ihm , bei seiner Lust am Darstellen , verlockend werden könnte . Wie dem