. Tief verhärmt war sie schon lange ; ihr schönes blondes Haar verrieth nichts mehr von der alten gefallsamen Pflege . Schon lange nagten die bittersten Schmerzen an ihrer Ruhe . Piter hatte einem geheimen Familienconvent nicht beigewohnt . Als er das Resultat desselben erfuhr , das Beziehen des obern Stocks durch Goldfingers - Johanna sollte sich noch vor Beendigung der » Heiligen Botanik « verehelichen - erklärte er das ganze obere Stockwerk für sich allein zu bedürfen , für seinen nächstens zu eröffnenden Hausstand , und niemand anders , als » ein einfaches , bescheidenes Mädchen aus dem Volke « , keine » Staatsdame « , würde er heirathen . Ein Widerstand dagegen war deshalb auch schwierig , weil die ganze Familie Treudchen liebte und sie schon lange wie eine Verwandte behandelte . Da verschwand eines Tages Treudchen . Sie hinterließ die Kunde , daß sie bei den Karmeliterinnen war . Man konnte annehmen , daß sie den Schleier nahm . Cajetan Rother , der Beichtvater der Damen vom Römerweg , kam selbst zur Commerzienräthin und erklärte , schon lange trüge das junge Mädchen die schwärmerischste Liebe zur seligsten Jungfrau im Herzen und würde der Majestät ihres göttlichen Sohnes jedenfalls die Huldigung bringen , eine Braut Christi zu werden ... Mitten in dem furchtbaren Revolutionsausbruch , den diese Nachricht im Kattendyk ' schen Hause zur Folge hatte - Piter drohte nicht weniger , als die Kathedrale bis auf den letzten Stein zu schleifen - traten die Veranlassungen ein , die Lucinden bestimmten , sich selbst zur Dolmetscherin der Wünsche zu machen , die die Commerzienräthin in Betreff der vielbesprochenen neuen Unternehmung der Frau von Sicking hegte ... Eines Tages kam sie aufgeregt in das Toilettenzimmer ihrer Gebieterin und erklärte mit angstentstelltem Antlitz , sie wollte selbst nach Witoborn reisen , um jene Bußfrage zu ordnen ... Wally Kattendyk , hocherstaunt , weinte Thränen der Rührung über diesen edeln Entschluß , küßte Lucindens Stirn und Wange und drückte sie an die eben im Schnüren begriffenen Corsetverschanzungen ihres Herzens ... Noch am selben Abend wollte Lucinde abreisen , unmittelbar nach jenem Besuch des Herrn Cajetanus Rother ... Nück war Rothern auf der Treppe begegnet ... Er kam mit einer Anzahl in den Bart gemurmelter Vermuthungen über die seltsam geheimen Zusammenhänge der dieser Flucht Treudchen ' s zum Grunde liegenden Ursachen ... Piter war noch auf dem Polizeiamt und requirirte eine Hülfe , die ihm nach der Bulle De salute animarum nicht werden konnte , wenn Gertrud Ley auf ihrem Willen bestand und von ihrem Vormund in Kocher am Fall , einem ehrlichen Handwerker , die Zustimmung zum Eintritt ins Kloster brachte ... Da hörte Nück von der Reise , die die nicht anwesende Lucinde beabsichtigte ... Nach Witoborn ? fragte er staunend . Das ist ja seltsam ! setzte er hinzu und suchte Lucindens Zimmer ... Am Vormittag war sie zweimal bei ihm gewesen , ohne ihn zu finden ... Er hatte gerade beim Gericht plaidirt ... Als Nück eintrat , fand er Lucinden vollständig zur Reise gerüstet ... Erst wollte sie mit einem Wort aufwallen , dann beherrschte sie sich und sank auf einen der mehreren Koffer nieder , die rings um sie her standen ... Was ist denn , mein Fräulein ? fragte er mit hoch aufgerissenen Augenbrauen ... Ich reise - nach Witoborn ! ... war die leise verhauchende Antwort ... Hör ' ich ja mit Befremden , erwiderte Nück ... Und mit Extrapost noch dazu ? ... Im Hof unten steht Mutters Reisewagen ... Joseph begleitet Sie doch ? ... Und nicht einmal das ? ... Nur die Pferde fehlen noch ? ... Liebste Freundin , welche Eile - ? Alles das - der Exercitien wegen - ? Lucinde saß , die Hände aufgestützt ... Ihre Hand hielt die Bänder eines Reisehuts , der beinahe auf der Erde schleifte ... Allmählich hob sie von unten her den Blick und durchbohrte mit prüfender Schärfe die völlig ruhigen Züge des Oberprocurators ... Sie waren bei mir , um Abschied zu nehmen - ? fragte dieser voll erhöhten Erstaunens ... Zweimal ... antwortete sie scharf betonend und doch durch seine Ruhe in ihrer Elasticität schon nachlassend ... Gestehen Sie , wandte sich Nück ihr näher , es ist die Eifersucht , die Sie so mächtig ergreift ! ... Sie haben von den Erfolgen des Domherrn gehört ... Tagelang ist er mit Gräfin Paula ... Er magnetisirt sie ... Lucinde hielt die Hände über die Augen , als blendeten sie die Lichter , die auf dem Tische standen ... Haben Sie schon vom Tod des Kronsyndikus gehört ? fuhr Nück fort . Ich hörte , daß er sterben wird ! Fürchten Sie , von seinem Testament ausgeschlossen zu sein ? Lucinde schwieg ... Der Präsident von Wittekind ist nach Neuhof gereist ... Hätten auch Sie noch so viel Theilnahme für den alten Tyrannen , ihn noch einmal sehen zu wollen ? Lucindens Erinnerungen liefen geisterhaft an ihrer Seele hin ... Sie sah den Kronsyndikus in Hamburg aus dem Wagen steigen , als er sie , schon damals leichenblaß , bei den Geschwistern Carstens aufsuchte ... Sie sah ihn in jener Nacht in Kiel , wo er gespenstisch mit dem Degen in der Hand von seiner zweiten Frau sprach ... Dann aber drängte sich in die Theilnahme für ihn sein Schweigen , als sie mit Serlo ' s Familie umherirrte , darbte und vergebens auf seine Hülfe hoffte ... Sie zeigte sich zu seinem möglichen Tode ohne jede Theilnahme ... Nun , in Nück ' s Benehmen keine Bestätigung ihrer Ahnungen findend , erhob sie sich und ging entschlußlos im kleinen Zimmer auf und nieder ... Wollen Sie Klingsohrn das Mittel mittheilen , das ich Ihnen neulich sagte , um ihn aus dem Kloster zu bringen ? Alle diese Namen berührten Lucinden nur schmerzlich und trugen ihm ein : O schweigen Sie ! nach dem andern ein ... Ihr Reisegrund war in der That einer , den sie ihm nicht mitzutheilen wagte