schüchtern und beklommen genug vortrug . Ich will die Verstellung nicht in Schutz nehmen , sagte sie , ebensowenig wie eine gleichsam für gültig erklärte Täuschung , aber ist es nicht wirklich mit dem Glauben so , daß sich das angeborene und durch schmerzliche oder dankbar aufgenommene freudige Lebensschicksale in uns entwickelte gläubige Bedürfniß an die Wahrheiten des Christenthums anschmiegt und ohne viel zu prüfen , was sich davon beweisen läßt , soviel als nur beseligend auf uns einwirkt , in sich aufnimmt ? Natürlich ! sagte die Trompetta mit verklärtem aber stolzem und verächtlichem Blick . So ist es ! Nicht anders . Schleiermacher hat Das jeden Sonntag gepredigt . Und gleichsam , als wollte sie fernere vorwitzige Erörterungen heiliger Fragen abschneiden , setzte sie hinzu : Würden denn auch Witwen und Waisen unter der Entscheidung dieses merkwürdigen Rechtsfalles leiden , Herr Propst ? Das zwar nicht unmittelbar , sagte der Gefragte , seine Tasse mit Würde haltend , allein wo fließen in dieser Welt außergewöhnliche Hülfsquellen , die nicht irgendwie auch mit den Bedürfnissen der Witwen und Waisen zusammenhingen ? Max Leidenfrost verzog die immer sarkastischen Mienen zu einem entschiedenen Lächeln und platzte hervor : Nun Das muß ich gestehen , ich wollte eben eine Mücke todtschlagen , als mir einfiel , daß sie vielleicht einen alten Vater zu ernähren hat ! Man lachte wohl über dieses Gleichniß , aber Propst Gelbsattel , der das Bild von der Academia della Crusca , das Leidenfrost einst bei Louis Armand mit Anspielung auf Gelbsattel ' s Kunstansichten angegeben , nicht vergessen hatte , warf einen verächtlichen Blick auf den Sprecher , der sich in dem Bewußtsein , die Gesellschaft heute noch als Pyrotechniker unterhalten zu dürfen , ganz behaglich auf seinem Gartensessel wiegte und mit den Kindern allerhand Kurzweil trieb , auch Siegberten dadurch neckte , daß er sich stellte , als wenn er nicht wüßte , wie man in solcher Gesellschaft Kaffee tränke und Gebackenes äße . Er faßte den Theelöffel manchmal absichtlich verkehrt oder gab sich die Miene , als wollte er sein Getränk in die Untertasse gießen und aus dieser schlürfen , worüber Siegberten , der gleichsam hier für ihn wie für ein wildes Thier gut stand , ein Schrecken überfiel . Leidenfrost machte , als er seine Tasse auf den Tisch zurück stellte , sogar einmal die Miene , als wenn er den Tassenkopf , wie die Bauern thun , umwenden wollte . Siegbert merkte wohl , daß ihn Leidenfrost nur neckte ; aber er dachte sich doch die Möglichkeit , daß ihm der wilde Cyniker wirklich einen solchen Streich vor der Fürstin spielen konnte . Daß er ihm seinen Überrock und den Slowakenhut nicht vorhalten durfte , peinigte ihn schon genug . Ich habe mich , fuhr Leidenfrost fort , ganz genau nach allen wohlthätigen Dependenzen jener Erbschaft erkundigt . Mein Freund Siegbert ist zu gewissenhaft , Mücken todtzuschlagen , die einen alten Vater ernähren müssen . Er würde , wenn der Familie Wildungen Das wird , was von Gott und Rechtswegen ihr gebührt , sicher Niemanden entgelten lassen , daß das Unrecht früherer Zeiten ihm Wohlthaten spendete , die das Recht der Gegenwart ihm entzöge . Was ist nun da zum Vorschein gekommen ? Nichts , was sein Gewissen beunruhigen könnte . Die alten Häuser werden luxuriös verwaltet und verfallen in Trümmer . Wo man Familienwohnungen für die Armuth hätte bauen sollen , duldet man den Fortbestand von Höhlen des Lasters und des Elends , deren Ertrag zu Zwecken verwendet wird , die keine innere Nothwendigkeit haben . Diese Häuser , diese Liegenschaften und Grundzinsen bringen enorme Summen ein . Wozu werden sie verwendet ? Zur Herstellung eines Überflusses neben dem Nothwendigen , für das schon von anderer Seite gesorgt ist . Gründlichen Besitz wagte die Stadt nie von jener Verlassenschaft zu nehmen . Schulen , Witwen und Waisen sind nicht darauf angewiesen , wohl aber frivole , überflüssige Zwecke , als da sind : Judenbekehrungspredigten , Missionsbeiträge , Bibelgesellschaftsunterstützungen und dergleichen Frivoles mehr . Das einzige Praktische sind die bedeutenden Vergrößerungen der Emolumente des hohen Rathes der Stadt , der Geistlichkeit , derjenigen Kirchen , über die der Magistrat das Patronat hat , eine Kutsche für jeden der vier Syndici , eine Kutsche für - ich bedaure es sagen zu müssen - für die Propstei und damit ich nichts verschweige , allerdings der sehr ehrenwerthe Fond für diejenigen Geistlichen , die an den drei Hauptkirchen der Stadt angestellt sind und Töchter haben , um deren Ausstattung sie in Verlegenheit sind . Denn jede Pfarrerstochter , die ein drittes Aufgebot nachweist , bekommt eine Aussteuer von tausend Thalern . An dieser philanthropischen Institution versündigen sich allerdings die Gebrüder Wildungen sehr , wenn sie den Proceß gewinnen sollten . Leidenfrost unterbrach sich hier selbst und bat um Entschuldigung , da ihm der Gärtner wegen einiger Vorbereitungen zum Feuerwerk in angemessener Entfernung winkte . Er erhob sich rasch und ging . Paulowna und Rurik sprangen ihm nach und verließen die Gesellschaft , die über die bittern Worte des schroffen Mannes fast erschrocken war . Es währte einige Zeit , bis sich eine harmlose Stimmung wiederfand . Man wollte das Thema der Erbschaft verlassen , fing über zufällige andere Veranlassungen eines lauten Urtheils zu sprechen an , aber die Trompetta konnte sich nicht mäßigen . Man hatte die ihr heiligsten Dinge , jene Stiftungen , jene Zweckvereine frivol genannt . Da half nichts , sie mußte die Hände zusammenschlagen und mit einem Blick hinter dem in den Gängen des Gartens mit den Kindern verschwindenden Leidenfrost her ausrufen : Großer Gott ! Was man nicht Alles hören muß in dieser Zeit ! Die Bibelgesellschaften frivol ! Die Fürstin wollte Leidenfrost seiner Sonderbarkeit wegen entschuldigen . Siegbert sprach von seiner gewöhnlichen rücksichtslosen Art , aber die Trompetta verlangte von den Männern ein Urtheil , ein Verdammungsurtheil , eine entrüstete Äußerung , eine Indignation , ein Anathem ! Gelbsattel wollte da gar nicht recht mit der Farbe hervor . Er