! « Bei alledem jubelte er jeder Nachricht von einem Pöbelauflauf , wenn er nur die » Neunmalweisen « in Verlegenheit setzte ... Ein solcher Zustand der Seele wird zuletzt haltungslos , die Widersprüche heben sich auf , nichts bleibt übrig , als was Nück in seinen geheimsten Stunden war , ein Verzweifelnder , tief Lebensüberdrüssiger . Nächtlich konnte er umherrasen , in seinen grauen , alten Mantel gehüllt . Frau Schummel war dann die Vertraute der Phantasieen seiner entfesselten Sinne ; Bedürfnisse hatte er , deren Befriedigung an einem Abend ein Vermögen kostete ... Plötzlich aber stieß er wieder alles von sich und predigte Buße und konnte an Selbstmord denken ... So überraschte ihn einst Hammaker und brachte ihn auf die uns bekannten Verirrungen des scheinbar sich Erhängenwollens ... In vertrautester Stille konnte er um diesen Hammaker klagen : » Was war denn nun das für ein Unglück , daß er den bösen Drachen umgebracht hat ? Die natürliche Vergeltung ist das ja hier schon auf Erden ! Jene hatte andere auf der Seele , diese hatten wieder andere und den Hammaker hätte dann auch schon Einer gerichtet ! « ... » Mädchen , kannst du lügen ? « » Kannst du falsche Handschriften machen ? « » Kannst du Feuer anlegen ? « So hatte Nück zu Lucinden gesprochen an jenem Piter ' schen Festabend . Aus ihrer unterirdischen Wanderung mit Jean Picard wußte sie etwas von einer gewissen That , für die dieser durch Hammaker war gedungen worden . Nück war nie wieder auf diese Zumuthungen , ein Verbrechen zu unterstützen , zurückgekommen . Einiges hatte er von Lucindens Besuch im Profeßhause und von ihrer damaligen Todesangst in Erfahrung gebracht - die Erwähnung der » Spinozistin « Veilchen Igelsheimer brachte sie darauf ... Aber über alles Andere , was von ihm zum Gewinn des großen Processes der Dorstes verbrecherisch unternommen werden konnte , waren seit Benno ' s Abreise nach Witoborn die Schleier der Vergessenheit gefallen ... So schien alles still und friedlich ... Lucinde wurde die Vertraute des Hauses , die Freundin , die Tochter , wie oft die Commerzienräthin ihr zuflüsterte - vorzugsweise , wenn sie der Mesalliance gedachte , die ihr durch Piter drohte . Denn Piter ließ nicht von Treudchen . Au contraire - seit seinem verunglückten Abend war er entschiedener , denn je , darauf bedacht , sich durch gänzliche Nichtübereinstimmung mit dem , was die gesunde Vernunft von ihm erwartete , allen Menschen so gefährlich wie möglich zu machen ... Der uns bekannte Entschluß Ernst Delring ' s , aus dem Geschäft auszutreten und die Stadt zu verlassen , wurde auch durch ein Ereigniß erleichtert , dessen betrübender Verlauf von Tieferblickenden geahnt werden konnte ... Lucinde war nach Witoborn in Trauerkleidern gekommen ... Das Hauptmotiv , mit dem sie das Herz der Frau von Sicking im Interesse der Kattendyk ' schen Bitte zu rühren hoffen konnte , war Mutterschmerz und Geschwisterliebe ... Hendrika Delring war nicht mehr ... Die sanfte , gute , liebevolle Frau , die Treudchen Ley einst so herablassend zu schmücken verstand ; die so tief beklommen dem Gebet zugehört , als Treudchen niederkniete zur zurückgesetzten Madonna ; die dann gleichfalls die Hände faltete - über der Hoffnung ihres Gatten , dem sie ihr Kind nach dessen ganzer Zukunft schenken wollte ; Hendrika Delring , der von Piter tyrannisirte Flüchtling in den Beichtstuhl Bonaventura ' s , hatte die Schmerzen der Geburt nicht überstanden ... Ihr schon den Jahren nach auf solche Proben seiner Kraft nicht mehr angewiesener Körper leistete Widerstand ; um die Mutter zu retten , mußte das Kind geopfert werden ; bald darauf entwich auch ihr die Kraft , ein letzter Hauch des versagenden Athems und sie ging hinüber in ein Land , wo ihr die Taufe ihres Kindes keine Leiden mehr bereitete ... Das Leben ist so ! sprach Lucinde zu dem in Thränen verzweifelnden Treudchen , das sich bis zum letzten Augenblick treu bewährt hatte , sich nicht hatte nehmen lassen , die Todte zu entkleiden , zu waschen , sie für die Bahre zu schmücken ... Gerade das , worauf die meisten Vorbereitungen getroffen werden , gerade das , dessen Eintritt ins Dasein uns nicht hoch genug beschäftigen kann und an das wir all unsern Muth , all unsern Verstand , unser ganzes Herz setzen , das tritt nicht ein ! Lucinde sprach dies einem Urtheil in Serlo ' s Papieren über eine Dichtung nach . » Der Held mußte sterben ! Wie kann man denn soviel reden und handeln lassen , um dem Misgeschick vorzubeugen , wenn das Misgeschick nicht wirklich ein Ungethüm ist , das Menschenkraft nicht überwindet ? Die Götter strafen jede Einmischung in ihre Rechte . Das ist traurig , aber gar nicht so niederdrückend , wie es scheint . Wenn der Vorhang fällt , wenn die Menschen wieder an ihren abendlichen Kartoffelsalat gehen und sie hochvergnügt scheinen , daß nicht Gott , sondern die Birch-Pfeiffer die Welt regiert und die guten Seelen zuletzt doch sich kriegen , so glauben sie ' s im Grunde nicht . Romeo und Julia kann kein Schauspiel sein . Der Tod - der ist zuletzt doch etwas Süßes für uns und die einzige Schönheit , die eine That ins Große verklärt . Wäre der Tod nicht , wir unternähmen nichts mehr , was unserm göttlichen Ursprung Ehre macht . Es ist , als forderte uns ein Preis heraus , je höher die damit verbundene Gefahr ist . Was wären wir , wenn das Schöne auf Erden sich halten könnte ! Gerade der unterliegende Kampf gegen das Verhängniß zieht uns himmelan ! « Acht Tage nach dem Begräbniß Hendrika ' s wurde der Edeln ein Opfer gebracht , das reiner gen Himmel stieg , als alle Seelenmessen für sie , die auf Jahre hinaus von der Mutter gestiftet wurden . Treudchen Ley , die noch nicht ihr Trauerjahr um ihre Mutter vorüber hatte , kehrte in die theilweise schon geminderte volle Trauerkleidung zurück