lebte ... Diese Kunde erschütterte sie nicht , lockte ihrem Herzen keine Rührung ab ... Sie sah einen gewonnenen Vortheil mehr und wahrhaft tröstlich erklang es ihr zu hören , als Frau von Sicking sprach : Die Frau Präsidentin von Wittekind scheint die Rolle in Vergessenheit bringen zu wollen , die ihr Gatte seither als Beistand der Regierung gespielt ! Man ist hier entschlossen , nicht sofort auf ihre Wünsche einzugehen ! Nur die Rücksicht auf ihren edeln Sohn , den Domherrn , kann die Gesellschaft bestimmen , ihren Empfindungen nicht schon jetzt einen entschiedenern Ausdruck zu geben ! ... Selbst der blitzende Punkt dort in der Ferne , ein vergoldetes Kreuz auf der Kirche vom Kloster Himmelpfort , wo Klingsohr verweilte , beschäftigte sie nicht ... Diese weiße , mit Abendschatten sich füllende Ebene , auf die sie einst so sehnsuchtsvoll von Schloß Neuhof herniedergeblickt hatte wie in ein Land der Freiheit und des ungebundenern Glückes , als das war , das sie dort in einer nur scheinbar glänzenden Abhängigkeit hielt , bot nichts , was ihr Auge gesucht hätte , als das Schloß Westerhof , das indessen hinter den Wäldern nicht zu sehen war ... Bei Bonaventura ' s Abreise hatte Lucinde den Vorsatz gefaßt , nur der Rache zu leben ... Ohne daß sie den Oberprocurator , den allmächtigen Dominicus Nück , einweihte in alles , was dieser von ihrem Herzen theilweise selbst schon wußte , theilweise errieth , war sie mit ihm vertraut geworden , denn seine Huldigung gab sich so maßlos , daß sie den Ausbrüchen derselben schon deshalb entgegenkommen mußte , um sein Benehmen der Gesellschaft nicht zu auffallend erscheinen zu lassen ... Er kannte ihre Liebe zu Bonaventura und mußte diese schonen ... Sie duldete seine von unreinern Wünschen scheinbar plötzlich frei gewordene Leidenschaft unter der Bedingung , daß Nück sie wie eine anderweitig Vermählte betrachtete ... Bonaventura wurde ihr bald wieder der alte Gott und nur noch die Tempel schwur sie zu zertrümmern , in denen andere ihm huldigten . Von jener Urkunde , mit der sie ihn sein ganzes Leben lang , wie sie gedroht , in Schach zu halten vermochte , sprach sie nicht zu Nück ... Der Schmerz und die Zeit hatten ihre Rachegefühle gegen Bonaventura gemildert ... Nück wurde für sie ein psychologisches Räthsel ... Sein Lebensüberdruß war jene Krankheit , die sich bei allen jenen Menschen findet , die etwas anderes thun , als sie denken ... Könige haben wir gesehen , die geistesschwach wurden , weil sie eine Welt von schönen Gedanken , Plänen und Entwürfen in sich trugen und keine Menschen fanden oder - suchten , die sie bei ihrer Ausführung unterstützten . Der Muth , der schon zum Brechen mit den Rücksichten , die uns binden , bei ihnen nicht vorhanden war , fehlte vollends für alles Uebrige , was das Leben begehrt ; ein geknickter Genius spielt zuletzt mit Puppen , die er an- und auszieht ... Und dann - dann wissen : Das ist unwahr ! und es dennoch befördern - darum befördern , weil die Lüge einem andern zu Schaden kommt , den man haßt - ! das untergräbt vollends die innerste Seele , wenigstens deren Ruhe ... Nück konnte zu Lucinden auf ihrem kleinen Cabinet oder wenn sie ihn selbst , scheinbar in Aufträgen , in dem Zimmer besuchte , das zum Garten der Seminaristen hinausging - wenn sie vor ihm auf seinem unheimlichen Sopha saß , unter dem verhängnißvollen Ringhaken an der Decke - ganz wie der verzweifelnde Serlo sprechen : Es ist nichts mit unserm Hoffen und Glauben ! Erde wird Erde ! Wir düngen die Zukunft ! Apostel oder Mörder - omnes una manet nox ! ( alle erwartet eine und dieselbe Nacht ! ) ... Dennoch ging ein Mann mit solchen Ansichten in die Kirchen und Kapellen , bückte sich im Beichtstuhl und kreuzigte sich in der Messe ... Nück konnte spotten über die Priester , konnte in seiner cynischen Art von reichen , wohlgenährten Pfründnern , die Lucinde in seinem Vorzimmer antraf , sagen : » Sehen sie nicht aus wie die rothen Fettäpfel , die die gebratene Gans Kirche in ihrem Steiße trägt ! « ... Sprang auch Lucinde bei solchen Worten auf , entfernte sich , so nahm sie doch das staunende Gefühl mit : Dennoch kämpfst du wie ein Löwe , offen und heimlich , für die Wiedereinsetzung des Kirchenfürsten ? ... Nück konnte so laut lachen über die Verlegenheiten der Regierung , daß es gellend dahinschallte in den Zimmern seiner Schwiegermutter , die er jetzt jeden Abend besuchte ... Das wird die Lernäische Schlange ! rief er . Einen Kopf hauen sie herunter und zwei wachsen wieder ! Ha , ha ! Die Zeiten sind vorüber , wo die Schusterjungen , wenn sie in Berlin in einem Winkel am königlichen Opernhaus ihre Bedürfnisse befriedigen wollten , von den Gensdarmen hören konnten : » Wozu ist denn da drüben die katholische Kirche ? ! « ... Solche Cynismen milderte die Lokalsprache , deren sich Nück bei seinen Bildern bediente ... Die Frauen protestirten durch Aufstehen und heftigste Vorwürfe ... Bald aber setzten sie sich wieder und lachten über den Sonderling , der dann in die süßeste Courtoisie verfallen und den Liebenswürdigen spielen konnte ... Das graue Ungeheuer ! nannte ihn , mit Wohlgefallen , seine eigene Schwägerin Johanna Kattendyk ... Guido Goldfinger , ihr Verlobter , applaudirte ihm , wenn Nück in seinen seltnern politisch-conservativen Anwandelungen polterte : » Aufklärung ! Aufklärung ! Kaum hat der dumme Bauer gehört , daß die Sternschnuppen nicht von Gottes Lichtputze kommen , wenn der Alte , im Flurhypothekenbuch der Menschheit vertieft , sich nur deshalb die Sternenlichter putzt , um ihre Sünden in desto deutlicherm Lichte zu sehen , so denkt er ja gleich : Nun all ' gut , nun auch gleich Mistforke und Heugabel in die Hand genommen und auf die Zoll- und Rathhäuser gestürmt , wo die unbezahlten Steuerrester und Schuldverschreibungen liegen