legte mechanisch die Speisen vor . Er schien zerstreut ; der Brief , den er empfangen , hatte ihn übellaunig gestimmt . Fast mechanisch , fast gedankenlos gab er zuletzt doch wieder Olga Recht , worüber die Mutter sich so erzürnte , daß sie aufsprang und weinte . Rudhard folgte ihr und bat sie , sich zu beruhigen . Er verwies Olga dies ewige Streiten und Rechthaben . Worauf Olga , ganz kalt , fast trotzend erwiderte : Ja ! Es ist sehr Unrecht , Recht zu haben ! Dieser gereizte Ton zwischen Mutter und Tochter war seit der eigenmächtigen Partie nach Solitüde eingerissen . Die Fürstin hatte damals nicht Worte genug finden können , um ihre Mißbilligung über diesen kecken Einfan zu erkennen zu geben . Nichts von den Erzählungen der Kinder konnte sie beruhigen . Der Gruß der Königin war ihr beklemmend , ja compromittirend , wenn sie sich sagen mußte , daß diese drei Kinder ohne Aufsicht am Schlosse zu Solitüde waren gesehen worden . Olga antwortete keine Sylbe , bis sie plötzlich hinwarf : Hätten wir Siegbert nur nicht getroffen , so würdest du uns ausgelacht haben . Da wir ihn aber trafen , haben wir ein Verbrechen begangen ! .. Es lag in dieser scharfen Entgegnung eine Wahrheit , die auf die Fürstin entwaffnend wirkte . Aber ihre Niederlage dauerte nur einen Augenblick . Von Stund ' an begann sie fortwährend an Olga zu tadeln , sie eitel , verkehrt , nachlässig zu schelten , während Olga schwieg und sich nur zuweilen durch irgend ein kurz hingeworfenes scharfes Wort gegen die Anklagen ihrer Mutter zu vertheidigen suchte . Rudhard , zu sehr in Anspruch genommen von der wiederangeknüpften Freundschaft für Egon , von der Entdeckung einer mit dem Bilde der Fürstin Amanda vorgenommenen Gewaltthätigkeit , ließ diese Störungen des häuslichen Friedens so hingehen und bemerkte sie kaum , da er wenigstens dann , wenn Siegbert kam , eine Art Waffenstillstand fühlte . Mutter und Tochter schwiegen dann und zeigten sich in dem natürlichen Verhältnisse , daß die Eine befahl , die Andere gehorchte . Es muß schon eine große Verwilderung in den Sitten einer Familie eingerissen sein , wenn man die Verstimmungen , die im innersten Schooße derselben herrschen , auch vor dem Auge Anderer zeigt . Siegbert gehörte wol schon wie ein Sohn oder ein Bruder zur Wäsämskoi ' schen Familie , aber Mutter und Tochter fühlten doch noch eine tiefinnerliche sittliche Veranlassung , sich ihm so zu zeigen , wie es in der Ordnung der Natur und dem feineren Zartgefühle des Herzens eigentlich begründet war . Takt ist die einzige erlaubte Nothlüge der Tugend . Die Fürstin war ihrer Absicht , zurückgezogen zu leben , treu geblieben . Sie hatte nur wenige Namen der großen Welt besucht und sich auf die Menschen beschränkt , die sich so zu sagen selbst bei ihr einführten . Die Oberhofmeisterin konnte nur selten kommen . Anhänglicher war Anna von Harder , die sich oft die Kinder nach Tempelheide citirte und sie an der Thierwelt des alten Schwiegervaters sich ergötzen ließ . Es lag so etwas Mütterliches in ihrer ganzen Art , daß die Kinder sie Tante Anna nannten und sich freuten , einmal einen ganzen Sonntag oder wol eine Nacht in jenem kleinen Schlosse und bei dem Tannenparke bleiben zu dürfen , in welchem es so viele kleine chinesische , mit Geflügel bevölkerte Pavillons , so viele Ställe und Hürden und bei allem Geblök und Geschnatter so viele melodische Windharfen gab . Anna von Harder hatte versprochen , zur Weinlese zu kommen und kam auch mit einem prächtigen vom Bedienten aus dem alten Wagen nachgetragenen Kranze von Georginen , den sie nach dem Willen der Kinder sich über die Schulter werfen sollte , aber bescheiden ablehnend auf das Gewinde an den sinnig geordneten Fruchttisch wie eine bescheidene Opferspende zum Feste hängte . Natürlich fehlte auch die unvermeidliche Frau von Trompetta mit ihrem ebenso unvermeidlichen Inseparable Fräulein von Flottwitz nicht . Unsere gute Frau von Trompetta war seit einiger Zeit gar verstimmt . Der Hof hatte den Ankauf des Gethsemane abgelehnt und sich nur zu einigen Aktien oder Loosen bereit erklärt . Sie war darüber in eine doppelt begründete Betrübniß verfallen . Einmal schmerzte sie ' s der nun gehinderten rascheren Beförderung wegen , anderntheils war sie in großer Besorgniß , nicht mehr in der Gunst des Hofes zu stehen . Die Altenwyl , die strenge Richterin der Sitte , sollte , wie ihr » gesteckt « wurde , in den » kleinen Cirkeln « etwas von der » Ruhmsucht der Wohlthätigkeit « gesagt haben . Man hatte , erfuhr sie , viel Anekdoten von ihren Zwangsmaßregeln , um ihre Sammlungen einmal den Künstlern , ein andermal den Dichtern abpressen zu können , erzählt , und wie gern man das herrliche Werk , dies bunte fromme Gethsemane , bei Hofe besessen hätte , man gab sich doch wieder jener besorgten Rücksicht hin , ob nicht an so hoher Stelle eine Unterstützung dieser Zwangs- und Ruhmsuchtswohlthätigkeit ein schlimmes Gerede geben und Anstoß erregen könnte . Die Trompetta fand jedoch ihr Unglück in noch hundert andern Ursachen . Sie sah Feinde , Verleumdungen , sie projektirte einen Fußfall bei der Königin und wurde vor Kummer und Nachgrübeln über ihr » Malheur « um einige Linien magerer . Sie mistraute ihren besten Freunden . Von Pauline von Harder , die sie schon längst geringschätzig behandelt hatte , glaubte sie sich zuerst zurückziehen zu müssen , was ihr bei der plötzlich so wunderbar gestiegenen Bedeutung jener Frau schwer , fast unmöglich wurde . Für Anna von Harder , die bei Hofe in so hohem Ansehen stand , wurde sie eben deshalb eine unerträgliche Plage . Sie ruhte nicht , bis eine Aufführung des Judas Maccabäus » innerhalb der Gesellschaft « zur Unterstützung einer Kleinkinderbewahranstalt angebahnt war . Sie sang geistlich , wo sie nur konnte , und hatte auch für diesen Weinlesenachmittag einige Oster-Lamentationen aus der römischen Peterskirche mitgebracht . Auch der