Frömmigkeit nahmen . Jenes Mädchen , das in dieser Gegend vor längern Jahren , auf Schloß Neuhof , eine abenteuerliche Rolle gespielt und das gewiß einige unter den Anwesenden schon einmal gesehen hatten , erkannte niemand ... Diese schwarzen Augen schienen die Glut der heiligsten Andacht zu bergen ... Dieser etwas trotzige Mund schien nur im Beten geübt ... Lucinde sprach wenig und setzte sich zu den in immer größerer Anzahl sich sammelnden Damen wie ein Wesen voll Bescheidenheit , eine Bürgerliche , die den Abstand ihrer Stellung von der der andern erwog , obgleich diese gnädiglichst anzudeuten schienen , daß man auch durch Gesinnung geadelt sein könnte ... Die Namen Neuhof , Asselyn , Benno , de Jonge , Stift Heiligenkreuz , Paula , Armgart , Kloster Himmelpfort gingen an ihr vorüber , ohne daß Jemand ihren Antheil bemerkte ... Selbst wie sie die Lehne ihres Sessels ergriff , als die Stiftsdamen , die von Heiligenkreuz kamen , Fräulein Benigna von Ubbelohde und Gräfin Paula um ihr Fernbleiben von Püttmeyer ' s » chinesischen Schatten « entschuldigten und von ihrer gestrigen ängstlichen Flammenvision erzählten , bemerkte Niemand das Beben der zusammengepreßten Lippen , Niemand die Verlegenheit des Lächelns ; auch nicht da , als Frau von Sicking sagte : Ja , ich hoffe Sie morgen auf Westerhof vorstellen zu können ! In dem luftleeren Zimmer , während der Bewunderung und des Lauschens auf die Orphische Weisheit des Sehers von Eschede , hielt es sie nicht länger ... Sie mußte aufstehen , gehen , reden können ... Als ihr Beispiel , wie dies der Nervenschwäche der Frauen geschieht , ansteckte , als bald eine zweite , bald eine dritte Dame entfloh , huschte sie noch aus dem dunkeln Speisesaal mit seinen blendend weißen Gedecken , seinen Gläsern , Schüsseln , Tellern , hinaus in das erste beste Zimmer , dessen Thür ihr zunächstlag ... So betrat sie ein bereits zum Kartenspiel hergerichtetes , behagliches , trauliches Cabinet ... Auch hier war es dunkel ; aber sie hätte noch die Vorhänge herablassen , hinter sich zuriegeln mögen , so sehr fühlte sie das Bedürfniß , sich in der Einsamkeit zu den Aufgaben zu sammeln , die sie auf diesen für sie so gefahrvollen Boden hergeführt hatten ... Jetzt , wo sie sich erschöpft auf ein Sopha niederwarf , jetzt knickte sie zusammen . Jetzt war sie so , wie sie schon seit einiger Zeit sich zu geben pflegte , ohne es zu wissen ... Etwas Spinnenhaftes hatte sie bekommen , Mageres , Lauerndes , von » Schmerz Gekrümmtes « , wie sie ' s nannte , wenn man deshalb ihr Vorwürfe machte ... Ihr hoher Wuchs sowol , wie die religiöse Rolle , die sie mit immer größerer Uebung , Gewöhnung , ja sogar schon Einverständniß spielte , brachten es mit sich , daß sie zu den vielen mittlern und kleinen » erbärmlichen « Wesen dieser Erde den Medusenkopf niederbeugte ... Unter den dichten dunkeln Flechten ihres schwarzen Haares , die sie wie ein Turban umgaben , heute das Werk der Kammerjungfer der Frau von Sicking ( hier hatte sie nicht Treudchen , die ihr schon zuweilen hochaufstaunend weiße Härchen auszog ) , spitzte sich ihr Ohr und lauschte so , wie ihr Nück ärgerlich einst gesagt hatte , » jung-hexenhaft , daß man mutatis mutandis « - sie verstand ja diese Bedingung - » an die alte Frau Buschbeck denken könnte , wenn diese mit mir oder mit Hammakern vom Anlegen ihrer Kapitalien sprach ! « ... Dann freilich konnte sie sich auch wieder aufrichten und sich besinnen auf ihre blühenden zwanziger Jahre ... Lucinde war zu Frau von Sicking empfohlen worden durch Nück und die hochvornehmsten Kreise der Devotion ... Sprach etwas gegen ihre Vergangenheit , so war sie ja eine Convertitin ... Auch Frau von Sicking war in gleicher Lage ... Eine Nachkommin des tapfern Ritters , der mit dem Schwert , wie Ulrich von Hutten mit der Feder , gegen Rom sein Leben einsetzte , verließ sie den mit soviel Thränen und blutigen Opfern erkauften Glauben ihrer Väter ... Sie gehörte jenem Kreise der Gottseligkeit an , der sich jetzt so weit über Europa verbreitet , einem Kreise , in den einzutreten Lucinde das unwiderstehlichste Verlangen trug , seitdem sie wußte , daß auch Bischöfe und Erzbischöfe auf weichen Teppichen dahinschreiten und mit Behaglichkeit die Freuden der Geselligkeit mit andachtsvollen Seelen genießen können ... Frau von Sicking war reich ... Sie hatte ein Haus bei Witoborn , eine Besitzung im Süden Deutschlands , Absteigequartiere in allen geistlichen Städten Deutschlands und Belgiens ... Ihre Correspondenz erstreckte sich nach Rom wie nach den entferntesten Missionen des Sacré Coeur , nach Pondichéry und Guadeloupe ... Ihr Reisen , ihr Kommen und Gehen , ihr Correspondiren konnte man Intrigue nennen ... Dennoch lag auf allem , was sich an ihren Namen knüpfte , ein diesen Schein mildernder Duft von Andacht , von Beförderung des Menschenwohls , von Veredlung dieser Zeitlichkeit ... Jetzt waren die » Exercitien « ihre Parole ... Der Andrang dazu war so groß , daß Frau von Sicking über die Aufnahme wie eine Ordensmeisterin schaltete ... Der ostensible Grund , warum Lucinde Schwarz bei ihr erschien , war die flehentlichste Bitte der Frau Commerzienräthin Kattendyk , doch auch sie und ihre Töchter an diesen Exercitien theilnehmen zu lassen ... Lucinde war autorisirt , im Namen der Commerzienräthin die größten Opfer , die nur verlangt würden , in Aussicht zu stellen , wenn sie das Glück und die Ehre haben könnte , an dieser vornehmen » Andacht zum Kreuze « theilzunehmen ... Seit gestern war Lucinde noch zu keiner Fassung gekommen über die Rückkehr in diese Gegenden , auf den Schauplatz , wo Bonaventura weilte , ohne Zweifel , wie sie ahnte , im glückseligsten Bunde mit ihrer frühern Pflegbefohlenen Paula ... Noch sah sie mit dumpfer Starrheit durch das Fenster die vom Abendroth beschienenen weißen Höhen , auf denen Schloß Neuhof lag , wo der Kronsyndikus nicht mehr