ihr über die Vorgänge in Haughton Castle gesagt , hatte Seba überzeugt , daß Eleonore einer völligen Umgestaltung ihres ganzen Wesens bedürftig sei , wenn sie nicht aus Verzweiflung über sich selber untergehen solle ; und wie man ein Kind langsam und allmählich auf die Begriffe hinführt , die man ihm zu geben wünscht , wie man es so leitet und führt , daß es sehen muß , was man es sehen lassen will , so langsam und so vorsichtig leitete Seba die Gedanken ihres neuen Pfleglings auf den Pfad , auf welchem sie Heilung und Rettung für Eleonore finden zu können hoffte . Weil sie selber sich gewöhnt hatte , das Leben eines Menschen in seinem ganzen Zusammenhange zu betrachten und Ursache und Wirkung einander gegenüber zu stellen , hatte sie die Kunst erlernt , sich es in den meisten Fällen klar zu machen , durch welche Umstände ein Charakter sich eben so und nicht anders gebildet habe . Noch ehe also ihre Kranke im Stande war , sich über sich selbst auszusprechen , wußte die feinsinnige Pflegerin , was Eleonoren von Jugend auf gemangelt hatte , und sann darüber in stillem Herzen nach , wie sie diesem auf den reichen und prächtigen Höhen des Lebens geborenen und erzogenen Mädchen den Segen zuwenden könne , der in der Hütte des Armen dem Kinde selten fehlt - den Segen der selbstlosen Liebe , die selbstlos lieben lehrt . Eleonore hatte ihre Mutter nicht gekannt , ihr Vater , der Marquis von Lauzun , war nicht der Mann gewesen , einem Kinde durch seine Hingebung die Mutterliebe zu ersetzen , und Arabella Warwell , zu deren strengen Grundsätzen und zu deren starkem Verstande Eleonoren ' s Mutter mit Recht ein großes Vertrauen gehegt hatte , war selbst eine Waise und in der Erziehung ihres Pfleglings von dem Gedanken geleitet gewesen , daß sie das verwaiste Mädchen vor allen Dingen dahin gewöhnen und bilden müsse , in sich selbst beruhen und den nachtheiligen Einflüssen widerstehen zu lernen , welche ihm von Seiten der Herzogin schon frühe drohten . Mit bewußter Absicht hatte ihre Erzieherin die junge Gräfin mißtrauisch gegen ihre Tante und gegen die Freunde derselben gemacht . Mit Geflissenheit hatte sie das ohnehin sehr selbstgewisse Mädchen darauf angewiesen , nur seinen eigenen Eingebungen , nur seinem eigenen Verstande zu folgen , und die glänzende Ausnahmestellung , in welcher Eleonore sich befand , die unausgesetzte Bewunderung und Huldigung , welche ihr von den Männern seit ihrem ersten Auftreten in der Gesellschaft dargebracht wurden , hatten die junge Gräfin mehr und mehr dazu verleitet , nichts zu begehren und zu bedürfen , als immer neue Nahrung für ihre eitle Selbstgenügsamkeit , immer neue Befriedigung für ihren ungemessenen Stolz . Ihre Erzieherin war in Folge einer Herzenstäuschung unvermählt geblieben , und wie sie , um sich für den Irrthum ihrer Jugend zu bestrafen , sich eben deßhalb zu einer unerbittlich scharfen Beobachterin gemacht hatte , war auch Eleonore durch sie gewöhnt worden , an die Menschen , und namentlich an die Männer , ideale Maßstäbe anzulegen und schonungslos über sie abzuurtheilen , wo sie diesen Maßstäben nicht entsprachen . Fräulein Warwell hatte gewünscht , Eleonore vor dem Mißgriffe zu bewahren , den sie selber einst begangen , als sie in einem geringen und unbedeutenden Manne die Eigenschaften zu finden geglaubt hatte , die sie in ihrem Gatten sich ersehnte ; und alles , was sie für ihre Pflegebefohlene damit erreichte , war die Erweckung des Glaubens gewesen , daß kaum ein Mann es werth sei , von einem edeln , reinen Frauenherzen mit voller Hingebung geliebt zu werden , daß nur selten ein Mann es verstehe , den Werth einer großen weiblichen Seele und das Opfer ihrer Hingebung zu würdigen , und daß es das höchste , ja , das einzige Glück des Weibes sei , den Mann zu finden , den es in Bewunderung lieben , den es über sich stellen könne , während er in jedem Augenblicke wisse , was diese freiwillige Unterordnung des Weibes von ihm fordere und ihm auferlege . Mitten in einer auf den äußern Lebensgenuß , auf Befriedigung ihres weltlichen Ehrgeizes gestellten Gesellschaft hatte Eleonore einsam da gestanden , in hoher Selbstüberschätzung von dem Leben die Gewährung und Erfüllung ihrer idealen und überspannten Ansprüche erwartend , nach Liebe dürstend und doch in keiner Weise darauf vorbereitet , sich an die Liebe liebend hinzugeben . So hatte der Abbé sie gefunden , und entschlossen , sich ihrer für seine Kirche zu bemächtigen , hatte er das traurige Werk ihrer Erzieherin vollendet , Eleonore ganz abzutrennen von dem Zusammenhange mit ihrer Umgebung , um sie sich desto leichter aneignen zu können . Daß seine Schönheit , seine persönliche Bedeutung Eleonorens Liebe für ihn erweckten , hatte er früh gesehen , früh zu benutzen gewußt ; selbst die Leidenschaft , die in ihm für die Gräfin erwacht war , hatte er seinen Zwecken dienstbar gemacht . Es hatte ihm das wollüstige Entzücken der Herrschsucht und den Genuß gewährt , den man empfindet , wenn man sich seinem Ziele nahe sieht , als er Eleonore , Dank seinen Rathschlägen , vom Hofe verwiesen , von dem Freiherrn , dem sie sich angetragen , verschmäht , völlig vereinsamt gefunden hatte ; und erst als sie , aufgegeben auch von der Gesellschaft ihres Heimathlandes , sich hülferufend an ihn gewendet , war er vor ihr erschienen , erst da hatte er das Kreuz mit dem Bilde des Gekreuzigten vor ihr erhoben und es ihr als die Zufluchtsstätte dargeboten , in der er und sie sich begegnen , er und sie sich in einer ewigen und ausschließlichen Liebe zusammenfinden konnten . Nicht aus Ueberzeugung , nur aus Leidenschaft für den Geliebten war Eleonore zu der katholischen Kirche übergetreten ; nicht eine Befriedigung ihres Herzens , nicht eine neue Beseligung hatte sie in dem Anschlusse an den Katholizismus gesucht , sondern nur ihn , den Geliebten , der in diesem Glauben seine Welt zu haben behauptete