noch der Gedanke fern lag , der König werde aus der Affäre ein Kapitalverbrechen machen . Man kannte das cholerische Temperament Friedrich Wilhelms , seine strengen Ansichten über » Dienst « , nichtsdestoweniger rechnete man auf Gnade . Niemand erwartete ein Äußerstes . Aber gerade das Äußerste kam . Das Votum des Kriegsgerichts zu Köpenick hatte auf dauernde Gefängnisstrafe gelautet . Der König , aus souveräner Machtvollkommenheit , stieß das Urteil um und ( vielleicht ein einzig dastehender Fall in der Geschichte ) schärfte das Urteil und verwandelte die Kerkerstrafe in Tod , unter Anfügung jener berühmt gewordenen Worte : » es wäre besser , daß Katte stürbe , als daß die Justiz aus der Welt käme . « Das war am 1. November . Am 2. November kannte Hans Hermann von Katte sein Schicksal , am 3. begann seine Überführung nach Küstrin , am 5. mittags traf er ein und am 6. früh fiel sein Haupt . Über all dies hab ich in dem Kapitel » Die Katte-Tragödie « , Band II. Seite 264 bis 300 ausführlich berichtet . Die letzte Szene der Tragödie , die Beisetzung , führt uns wieder nach Wust . Ein bleierner Novemberhimmel hing über Dorf und Landschaft , auf Feldern und Wegen standen Wasserlachen , und an den Ebereschenbäumen blinkten einzelne Regentropfen . Es war um die fünfte Stunde , die Sonne , die den ganzen Tag über nicht geschienen hatte , blinzelte im Untergehen über die triste Landschaft hin . Denselben Ebereschenweg , den damals der Oberst von Katte entlang trabte , kam jetzt ein schmaler Leiterwagen mit zwei mageren Pferden herauf . Der Kutscher ging nebenher , müd und matt , und tapste durch die Regentümpel , die zu umgehen ihm den Weg verlängert hätte . Der Wagen selbst gab ihm keinen Platz mehr , denn auf dem schmalen Brett stand ein langer Sarg , schwarz gestrichen , schmucklos , ohne Haspen und Beschlag . Es dunkelte schon , als das Fuhrwerk vor dem Herrenhause hielt . Auf dem Vorplatze standen mehrere Leute aus dem Dorf , in ihrer Mitte der alte Jerse , ein Siebziger jetzt , mit einer Laterne in der Hand . Zwei von den Tagelöhnern nahmen die Pferde vorn am Zügel und Jerse schritt vorauf . So bogen sie quer über die Straße , nach der gegenübergelegenen Seite des Dorfes ein , und fuhren langsam über den holprigen Kirchhof hin , bis sie vor der angebauten Gruft hielten . Drinnen war alles unverändert geblieben ; ein einziger Steinsarkophag in einem weiß getünchten Raume . » Nu droagt em in « , sagte Jerse , und die beiden Männer , die bis dahin die Pferde geführt hatten , suchten jetzt an dem Sarge umher , um einen Handgriff zu finden . Aber nichts derart war da . So schoben sie denn das Brett , auf dem der Sarg stand , von vorn nach hinten , faßten das Brett oben und unten und trugen es , samt dem Sarge , in den Anbau hinein . Als sie in der Mitte der Gruft standen , fragte der Vorderste : » Wo sall he hen ? « Jerse schien unschlüssig und trat an den steinernen Sarkophag : » ' t is ehr Söhn . Awer et jeiht nich . Stellt em in de Eck . « Und sie setzten alles nieder , hoben den Sarg einen Augenblick und zogen das Brett fort . Und nun schlossen sich die Torflügel wieder , und über den Kirchhof hin , an den schattenhaft dastehenden Kreuzen vorbei , verschwand das Fuhrwerk im Dunkel . Jerse blieb noch . Er leuchtete außen an der Gruft umher und murmelte , wie greisenhafte Leute tun , Unverständliches vor sich hin , schüttelte dabei den Kopf und tapte zuletzt , wie ein Irrer , zwischen den Gräbern hin in seine Wohnung zurück . So wurde Hans Hermann von Katte beigesetzt . Ohne Sang und Klang . Seine Familie hatte seinen Leichnam freigebeten und die Gnade des Königs hatte es gewährt . Wust 1748 Wust 1748 Wieder achtzehn Jahre später . Im Herrenhause zu Wust ist es still geblieben wie vordem , die Zimmer sind leer und nur die Gruft hat sich gefüllt . Die Mutter Hans Hermanns und er selber sind längst nicht mehr die einzigen Bewohner darin . Die ganze Familie des Feldmarschalls ist in den weißgetünchten Raum eingezogen : er selber , seine zweite Frau , seine zwei Söhne zweiter Ehe . Die Wuster Linie war mit ihnen ausgestorben und die Linie des anderen Bruders , des Kammerpräsidenten , war jetzt Besitzer von Wust geworden . Aber auch dieser ältere Bruder hielt sich fern . Es schien , als ob Wust nur noch dazu dienen sollte , Begräbnisplatz der Familie zu sein . Wust 1775 Wust 1775 So blieb es bis zum Tode des Kammerpräsidenten ( 1760 ) , auch noch einige Jahre drüber hinaus . In der Mitte der sechziger Jahre aber begann hier ein neues Leben und abermals zehn Jahre später stand es auf seiner Höhe . Solche Tage hatte Wust nie gesehen . Leid war in Freude verkehrt und man gedachte nicht mehr des Novembers 1730 . Das Füllhorn königlicher Gnade war über alles ausgeschüttet worden , was von Katte hieß , und man freute sich dieser Gnade und ließ die Toten ruhen . Es waren Zeiten , wo sich das Leben ums Leben drehte und nicht mehr um den Tod . Der Besitzer Wusts um diese Zeit war Ludolph August von Katte , der älteste Sohn des Kammerpräsidenten . Der enthauptete Vetter , der in der Gruft stand , machte ihm wenig Sorge . Jenen hatte der Zorn des einen Königs , ihn hatte die Gnade des andern getroffen . Er war ein Glückskind , wie jener ein Kind des Unglücks gewesen war . Nicht nur , daß ihm Wust aus der Hinterlassenschaft des Vaters als Erbe zugefallen , nein sein Glück zeigte sich ganz besonders auch darin , wie er zu einer Frau