ihren Träumen und Fieberphantasieen durch einander wirrte . Bisweilen meinte sie in ihrem Schlosse zu sein und beschwerte sich darüber , daß man ihr Zimmer so verändert habe ; dann wieder glaubte sie sich in Rom in einer Klosterzelle , und als sie eines Tages in zufälliger Bewegung mit ihren Händen nach dem Haupte faßte und die Fülle des Haares vermißte , das man ihr auf des Arztes Anordnung während ihrer Krankheit abgeschnitten hatte , rang sich der laute Aufschrei : » Es ist vollbracht ! « aus ihrem Herzen empor , und sich weit über ihr Lager hinausbeugend , umschlang sie Seba ' s Leib mit ihren Armen , und ihr Antlitz auf den Knieen ihrer Pflegerin verbergend , weinte sie bitterlich . Mit der leidenschaftlichsten Sehnsucht rief sie nach dem Abbé und verlangte doch , daß man sie vor ihm beschützen solle . Sie beschwor dann Seba , mit ihr aus den engen Mauern dieses Klosters zu entfliehen , heimlich mit ihr fortzugehen aus dem fremden Lande und sie nach ihrer Heimath zu bringen , unter den Schatten ihrer eigenen Bäumen , an das Ufer des Flusses , der durch ihre Wiesen floß . Sie nannte sich bald eine mächtige Königin , bald eine Gefangene . Wer darf mich halten ? Wer hat Gewalt über mich , wenn ich frei sein will ? rief sie in wilder Heftigkeit und flehte im nächsten Augenblicke , daß man ihr ihre Seele wiedergeben solle , damit sie nicht wie ein Schemen unter den Menschen umherzuirren brauche . Das Fieber war im Abnehmen , aber die Vorstellungen der Kranken blieben verwirrt , und die Besorgniß , daß eine dauernde Störung der Denkkraft zurückbleiben könne , hielt diejenigen , welche an dem Schicksale Eleonorens Antheil nahmen , in angstvoller Spannung . Paul und Davide sahen es mit Sorge , wie Seba in der Frühe das Haus verließ und erst am Abende spät und ermüdet von der Kranken wiederkehrte ; aber sie wußten es , daß es vergebens sein würde , sie von den Liebeswerken abzuhalten , die sie als ihre Lebensaufgabe betrachtete . Ihr braucht mich nicht , sagte sie mit ihrer sanften Ruhe , wenn ihre Pflegekinder ihr doch bisweilen die Vorstellung zu machen versuchten , daß sie sich ihnen nicht so ganz entziehen , daß sie an sich selber denken , sich schonen solle . Ihr braucht mich nicht , denn Ihr seid glücklich . Ihr kennt Euren Weg und Euer Ziel ; dort aber ist ein armes , völlig verirrtes Geschöpf . Wie sollte ich anstehen , ihm die Hand zu bieten , damit es nicht verloren geht ? Wer wie ich sein eigenes Leben durch seine Schuld nicht zur reinen Schönheit gestalten , nicht zu einem in sich selbständig vollendeten machen konnte , der muß es für Andere zu verwerthen und nützlich zu machen suchen ; und Ihr wißt es ja , ich finde darin ein großes Glück . Vielleicht trägt die Natur den Sieg davon , vielleicht erhalten wir Eleonore dem Leben , vielleicht kann man sie sich selber wiedergeben . Sie ist so jung , sie ist ohne Liebe auferwachsen , und sie ist so schön ! fügte sie dann stets hinzu und ging voll hoffender Beharrlichkeit immer wieder an das Krankenbett zurück . Das Jahr war fast zu Ende , ehe Eleonore auch nur zu fragen anfing , wo sie sich befinde oder wer die Fremde sei , die neben ihrer alten englischen Amme an ihrem Lager weile ; und noch eine geraume Zeit verging , ehe sie zusammenhängend über sich zu denken , ehe sie ihre Gedanken wieder mitzutheilen im Stande war . Was der Beobachtung Seba ' s zuerst auffiel , war , daß Eleonore zwar an jedem Morgen und an jedem Abende mit tiefer Inbrunst betete , daß sie sich aber nie des Kreuzes dabei bediente , welches sie an einer goldenen , zugelötheten Kette an ihrem Halse trug ; und die Sonne schien schon wieder frühlingswarm auf die Erde herab , als die Genesende sich eines Tages erkundigte , ob es ihr geträumt habe , daß der Freiherr von Arten bei ihr gewesen sei , als sie erkrankt war . Man sagte ihr , daß ihre Erinnerung sie nicht täusche . Sie wollte wissen , weßhalb er nicht wiedergekommen sei . Als man ihr das Verbot des Arztes , irgend Jemanden zu ihr zu lassen , vorhielt , erkundigte sie sich , ob Seba vielleicht den Freiherrn kenne . Er hat mich zu Ihnen geholt , mein Kind , antwortete ihr diese . Sind Sie mit ihm verwandt ? fragte Eleonore . Nein , aber seine Mutter war meine Freundin , und als ich jung war , wie Sie jetzt , habe ich seine Mutter , die auch viel Kummer hatte , in meinem Vaterhause lange gepflegt . Eleonore gab sich damit zufrieden . Matt , wie sie es war , gehörten nur wenig Vorstellungen dazu , sie eine geraume Zeit zu beschäftigen , und erst nach langem Schweigen richtete sie sich ein wenig in die Höhe und sprach : Sie sagten , die Mutter des Freiherrn von Arten habe auch viel Kummer gehabt ; Sie wissen also , daß ich Kummer habe ? Ihre Worte , Ihre unbewußten Klagen haben es mir verrathen , entgegnete ihr Seba ; aber sorgen Sie Sich nicht darum . Was ich vernommen habe , hat mir Mitleid mit Ihnen , hat mir Liebe für Sie eingeflößt , und es ist bei mir wohl aufgehoben . Sind Sie katholisch ? forschte Eleonore weiter . Nein , ich bin eine Jüdin , antwortete ihr Seba . Eleonore sah sie ungläubig und wie erschreckend an , und als mache sie sich diesen Blick zum Vorwurfe , ergriff sie plötzlich die Hand ihrer Pflegerin und küßte sie zu wiederholten Malen . Seba hinderte sie nicht daran . Alles , was sie während Eleonorens langer Krankheit von Renatus über die Vergangenheit dieses Mädchens erfahren , alles , was Eleonorens Amme