Freunden wenig Anderes thun , als sie recht von Herzen lieb haben und nur nicht vergessen . Die Zeit und Gelegenheit , eine Freundschaft zu hegen und zu pflegen , findet sich selten . Da muß man wissen , Der oder Die denkt an dich , wenn sie arbeiten und plötzlich sieht man sich dann einmal und gibt sich die Hand , gleich als hätte man sich gestern gesehen , oder man umarmt und küßt sich so herzhaft , daß es gleich für ein halbes Jahr wieder genug ist . Und so fleißig las das seltsame Mädchen in dem seit einiger Zeit sich ganz besonders prächtig entfaltenden Journale : » Das Jahrhundert , « das von ihrem Linchen und ihrem Wilhelm colportirt wurde , daß sie von ihrem Lieblingsschriftsteller Guido Stromer sogleich folgende Stelle zu citiren wußte : O wer kennt die geheimen Wege der wunderbaren Natur , die den kleinen See auf dem Sankt Gotthard doch mit dem großen Weltmeere verbinden ! Wer ahnt den Zusammenhang der Geister , die sich niemals sahen und niemals kannten und die doch an dem gemeinsamen Ziele der Menschenerlösung mitarbeiten ! Murray mußte lächeln über die Anwendung dieser Worte auf Louise Eisold und ihre kleinen Verhältnisse . Er erfuhr , wie die Literatur , die Zeit und ihre gährende Richtung in diese bescheidene Wohnung drang und hatte zunächst das innigste Mitleid mit den Kindern , die im strömenden Regen sich gern bis auf die Haut durchnässen ließen , wenn nur ihre Zeitungen trocken blieben ! Einmal schon war er im Begriff gewesen , sich nun selbst bei Fränzchen Heunisch einzuführen . Er suchte ihre Wohnung auf . Da fiel ihm sein abschreckendes Äußere , seine zweideutige Lage ein . Er fürchtete , das junge Mädchen zu entsetzen und noch mehr sich durch eine zur Schau gestellte Neugier in seinem Zusammenhange mit Dingen zu verrathen , die er tief verschleiern zu wollen schien . Schon stand er an dem Hause , Wallstraße Nr. 14 , schon wollte er die Hausflur betreten , als an ihm ein Mann vorüberhuschte , den er sich entsann schon einmal irgendwo gesehen zu haben . Er konnte sich auf diese langgeschenkelte Kreuzspinne nicht besinnen . Es war allerdings jener philanthropische Besucher des Gefängnisses , in dem er acht Tage lang hatte ausharren müssen , und doch war er es wieder nicht . Er erkundigte sich bei einer Magd , die eben aus dem Hause trat und ihm sagte , dieser Herr wäre ein italienischer Sprachlehrer , Namens Barberini , wenig zu Hause und auch im Begriff , binnen einigen Tagen auszuziehen . Um so gespannter war Murray , als er zu Hause ein Billet fand , worin ihm Sylvester Rafflard - so hieß jener Philanthrop , der ihn schon einmal hatte besuchen wollen - schrieb , er nähme an ihm so viel Interesse , daß er ihn auffordere , ihn morgen , am achten October , in der Wohnung der Gräfin d ' Azimont , im Hotel garni , am großen Markte , gegen zwölf Uhr zu besuchen . Aus Neugier , oder richtiger gesagt , aus einem gewissen Fatalismus , der ihn bestimmte , keinem vom Schicksal ihm zugeworfenen Winke aus dem Wege zu gehen , entschloß sich Murray wirklich , das ihm bezeichnete Hotel garni aufzusuchen . In seiner ruhigen bedächtigen Weise , unter dem Schutze der schwarzen Binde , die ihm erlaubte , von unten herauf scharf zu spähen , folgte er dem Bedienten , der ihn durch den großen Salon rechts in ein geschmackvoll möblirtes gelbes Zimmer führte . Ein gewisses Vorgefühl , eine scharfe Menschenkenntniß sagte ihm , daß auf dem Antlitze jenes Philanthropen Etwas gelegen hatte , was ihm eine große Behutsamkeit zur Bedingung machen mußte . Jedenfalls , sagte er sich , hält dich dieser Menschenfreund für einen Verbrecher . Deine Lage , das Mistrauen der Polizei , dein Äußeres führte ihn darauf . Will er dich beten lehren , bessern , will er deiner Zukunft den guten Weg der Tugend bahnen ? Ich bin begierig ! Wie erstaunte Murray nun , als Sylvester Rafflard eintrat und in der That völlig dem Professor Barberini glich , der so windschnell an ihm vorübergeschlüpft war . Weit entfernt , diese Vermuthung , daß beide Personen eine und dieselbe wären , laut auszusprechen , nahm er jetzt nur umsomehr die Miene der größten Harmlosigkeit an und beschloß sogar , einen gewissen Kretinismus zu zeigen , dem gegenüber die Menschen , die sich etwas dünken oder die etwas mit uns vorhaben , immer am offensten ihr wahres Gesicht zeigen . Er verbeugte sich höflich und schüchtern und that fast , als wüßte er nicht , in welcher Hand er seinen Hut halten sollte . Rafflard , durch diese Zaghaftigkeit sogleich ermuntert , bedeutete ihn Platz zu nehmen . Murray sah sich ängstlich nach einem Stuhle um und zögerte . Ei , so setzt Euch doch ! sagte Rafflard mit ziemlich geläufigem Deutsch und rückte ihm mit dem langgestreckten Fuße einen Sessel hin , während er selbst ihm gegenüber Platz nahm . Murray nahm den Sessel , putzte ihn sorgfältig ab , zog sein karrirtes Taschentuch , schwenkte es aus und breitete es auf das gelbseidene Polster , das er sich Mühe gab ja nicht verunzieren zu wollen . Ihr kennt mich ? fragte Rafflard . O Herr , sagte Murray ... von da ! Er machte eine Miene , als wenn seine Arme übereinandergeschlossen wären und deutete das Gefängniß an . Ihr kennt mich also . Ihr habt mich seitdem nicht wieder gesehen ? Murray schüttelte getrost den Kopf . Ich war schon einmal bei Euch , Murray ... Danke , Herr . War nicht zu Hause . Ich weiß es . Ihr wohnt in einem elenden Käfig . Ich habe Euch eine halbe Stunde suchen müssen . Danke , Herr ! Ich wollt ' Euch Glück wünschen , daß Ihr so rasch losgekommen seid ... Danke , Herr ! Das weiß man schon , ein