waren beide in ihrem Innern herzlich froh , die Gräfin Rhoden und mehr noch Hildegard und den Grafen Gerhard so viel als möglich zu vermeiden . Ihnen sagte der jüngere , lebenslustige Theil der Gesellschaft besser zu , als die ernsthaften Unterhaltungen in den Gemächern der Prinzessin , und Renatus , der es in den Tuilerieen und in den Sälen der Herzogin von Duras wohl erlernt hatte , sich in den durch Geist und Anmuth verfeinerten Umgangsformen eines gebildeten Hofes mit Leichtigkeit zu bewegen , fand sich in der Nähe des jungen , immer angeregten , jedem neuen Eindrucke offenen , leicht bewegten und die Andern mit sich fortreißenden Prinzen völlig wie in seinem Elemente . Es focht ihn schon nach wenig Monaten nicht mehr besonders an , daß sein inneres Zerwürfniß mit seinen und seiner Gattin Anverwandten Niemandem verborgen war . Er suchte die Gesellschaft des Grafen Gerhard und die der Gräfin Rhoden nicht , aber er vermied sie eben so wenig und hinderte auch ihre Anwesenheit in seinem Hause nicht . Es war ihm sogar nicht unwillkommen , wenn sie sich überzeugten , daß ihre heimliche Feindschaft ihn nicht beeinträchtigt habe , daß er sich , wenn auch nicht in der ihren , so doch inmitten der ihm erwünschtesten Gesellschaft viel begehrt , bewege und daß auch ihm die Gunst eines Mächtigen nicht fehle . Es freute ihn , wenn Hildegard es hörte , wie man Cäciliens blühende Frische , ihren kindlichen Frohsinn und ihren Gesang bewunderte ; es freute ihn , wenn er seinem Oheim und seiner Schwiegermutter sagen konnte , daß der Kronprinz am Abend zum Thee bei ihm erscheinen werde , weil man heute eine alte Messe in seinem Hause singe ; und daß die Art der Geselligkeit , in die Renatus , wie er sich sagen durfte , fast ohne all sein Zuthun hineingezogen worden war , ihn zu einem größeren Haushalte und zu mannigfachen Ausgaben veranlaßte , den zu führen und die über sich zu nehmen eigentlich nicht in seinen Absichten gelegen hatte , darüber durfte er sich kein Bedenken und keinen Vorwurf machen . Er that ja nur , was von einem Manne in seiner Stellung und in seinen Verhältnissen gebieterisch gefordert ward ; er that nur , was die Erfahrensten ihm auf andern Gebieten zu thun stets gerathen hatten . Er durfte die Mittel nicht schonen , wenn sie dem richtigen Zwecke galten , und wie er Rothenfeld und Neudorf hatte verkaufen müssen , um die Capitalien für den Betrieb der Richtener Wirthschaft flüssig zu machen , so mußte er jetzt kein kleinliches Bedenken dagegen tragen , sich ein paar Tausend Thaler , deren er für sein breiteres Leben durchaus bedürftig war , auf Wechsel zu verschaffen . Sich einer solchen geringfügigen Summe wegen aus der Gesellschaft zurückzuziehen , auf die errungenen Vortheile zu verzichten , den heimlichen Gegnern das Feld zu räumen , statt ihnen die Stirn zu bieten , das hätte gegen alle Regeln der Kriegskunst arg verstoßen ; und vollends sich freiwillig aus der Nähe des Kronprinzen zu verbannen , freiwillig allen den Aussichten zu entsagen , welche die beginnende Gunst desselben für die Zukunft verhieß , das wäre , wie Renatus meinte , eine unverantwortliche Unklugheit gewesen , eine Unklugheit , deren er , ohne ein Unrecht an seiner Familie zu begehen , sich nicht schuldig machen durfte . Er konnte sich sagen , daß er sich jetzt in völlig geregelten Verhältnissen befinde . Er hatte ein festes Gehalt , ein sicheres , wenn auch nur allmähliches Avancement im Heere vor sich , sein Gut war den Umständen nach in vortheilhafte Pacht gegeben , seine Einnahmen waren keineswegs unbeträchtlich . Nur seine Ausgaben waren allerdings in diesem letzten halben Jahre über alles Voraussehen groß gewesen ; aber man hatte nicht in jedem Jahre sich neu einzurichten , nicht in jedem Jahre die völlige Ausstattung für zwei Frauen und für den Bruder zu beschaffen , nicht in jedem Jahre sich in der Gesellschaft festzusetzen , und so lange man sich eine so genaue und strenge Rechnung legte , als er es that , hatte es nach seiner Ansicht ohnehin mit seinen Verhältnissen nicht das mindeste Bedenken ; denn nur die achtlose , die sorglose Wirthschaft war seinem Vater so gefährlich , so verderblich geworden . Und es handelte sich ja nur um wenig Monate . Schon im Laufe der nächsten Zeit , wenn die Gesellschaft aus einander ging , und namentlich in den Sommermonaten ließen sich sehr leicht Ersparnisse machen , mittels deren das neue , kleine Anlehen zu bezahlen war . Renatus war deßhalb ganz unbesorgt . Er hätte es für eine ganz unnöthige Grausamkeit gehalten , seine Frau oder seine Stiefmutter mit der Erwähnung dieser Thatsachen in dem unschuldigen und fröhlichen Lebensgenusse , dem sich beide zum ersten Male überlassen durften , irgendwie zu stören . Er hatte sie dazu zu lieb , der Beifall , den sie ernteten , that ihm selbst zu wohl , und er fühlte sich auch Mann genug , sie , ohne daß sie etwas davon ahnten , an solchen kleinen Klippen still vorbei zu führen . Hätte er über Eleonorens Schicksal nur eben so ruhig sein können ! Fünftes Capitel Seba hatte während des Krieges an manchem Krankenbette gewaltet und gewacht ; sie hatte dabei manchem Kummer , manchem tiefen Schmerze , mancher Trauer und schwerem Herzeleid begegnen und es mit ihren Kranken tragen lernen ; aber eine ähnliche Verzweiflung , wie sie sich in Eleonorens Fieberphantasieen kundgab , war nie vor ihr laut geworden , und nur in den traurigen Erinnerungen an ihre eigene Jugend fand sie die Kraft , deren sie an diesem Krankenbette bedurfte . Viele , viele Tage vergingen , ohne daß Eleonore zu irgend einem klaren Bewußtsein gelangte . Sie hatte in den letzten Monaten so viel , so Gewaltiges erlebt , so große Erschütterungen durchgemacht , daß alles , was ihr begegnet war und was ihr augenblicklich begegnete , sich bei ihrer Schwäche in