vorüber , die Gesetze der freien Selbstbestimmung haben nirgends mehr einen Platz , um neben den Gesetzen der Sitte , die in eisernen Tafeln geschrieben wären , mit goldenen Buchstaben zu glänzen , soll es eine Ehe sein , so muß ich dem armen Desiré die Hand zum Lebewohl reichen . Was Sie aber auch beginnen , Rafflard , um mich glücklich zu machen , ich kann nichts billigen , was gewaltsam ist oder eine Verantwortlichkeit erfordert . Wollen Sie Zufälligkeiten durch die Gewandtheit Ihrer Erfindung herbeiführen , so lassen Sie mich nichts von der Maschinerie , die dies Alles kostet , mit ansehen . Es ist demüthigend genug , wenn man das Glück der Liebe nicht als ein freies Geschenk , sondern als ein zufälliges Zusammentreffen von Umständen empfängt . Ich kann Ihnen sagen , Rafflard , daß ich sehr unglücklich bin , aber denn doch wirklich Egon behalten will und ihn auf sein Versprechen , in die Ehe zu willigen , noch heute zurückbringe . Einstweilen werden Sie Toilette machen , sagte Rafflard , ihr die Hand küssend und den nackten runden Arm wiegend , der unter den großen offenen Ärmeln des Schlafrockes selbst für ihn verlockend hervorsah ... Ich will Toilette machen ! sagte Helene traurig und muthlos . Rafflard aber hustete sich noch einige Augenblicke aus und ging dann durch einen großen mit Blumen geschmückten Salon in das gelbe Zimmer hinüber . Drittes Capitel Der Meister des Meisters Als Murray sich an jenem Samstag Abend , den wir von der Erzählung der Harder ' schen Diener kennen , überzeugt hatte , daß der traurige Zustand der Tochter seines Wohlthäters , des Gefangenwärters in Bielau , nur durch eine geregelte psychische Behandlung in einem Krankenhause geheilt werden konnte , machte er sich die bittersten Vorwürfe , daß er den Seelenzustand des verzweifelten jungen Mädchens zu heftig geweckt , die Ohnmacht ihres Gewissens zu gewaltig aufgerüttelt hatte ... Auch die Reue bedarf der milden Übergänge . Kein menschliches Herz ist wie ein eisengegossenes Gefäß , daß es bald eiskaltes , bald siedendheißes Wasser in rascher Abwechslung ertragen kann . Es wird immer springen , wenn man es nicht allmälig erkalten , allmälig erwarmen läßt ... Die Kraft des Gebetes hatte Murray schon oft in wunderbarer Macht kennen gelernt . Wie glücklich fühlte er sich , als er hoffen konnte , Auguste in einer fernen Gegend mit einem guten Manne zu einem neuen Leben aufblühen zu sehen ! Und wie schmetterte ihn da gleich der Auftritt mit Mangold nieder , zu dem er doch nur schweigen konnte ! Er hoffte , der Starrkrampf , der sich damals auf Augusten ' s Brust gelegt hatte , würde vorübergehen und ihm Raum geben , sie auch über diese vernichtende Erfahrung zu einer stillen Ergebung zu führen . Umsonst ! Das Gefäß ihres Geistes war zersprengt . Es lag in Trümmern . Der Wahnsinn hatte alle seine Hoffnungen vernichtet . Auguste kannte Murray nicht mehr als den Freund ihrer Seele wieder ; sie behielt nur die Vorstellung seines Alters , seiner scheinbaren Schwäche , seiner Freigebigkeit . Sie putzte sich unter den Irren mit jedem Lappen , den sie erhaschen konnte . Stolz , Gefallsucht , Tanzlust , Liebe waren die bösen Geister , die auf dem gesprengten Boden ihres Geistes nun doch das Feld behaupteten . Kein Wort des Zuspruches mehr konnte sie auf andere Gedanken , als die der alten Richtung führen . Murray mußte es aufgeben , in dies Dunkel noch irgend einen Lichtstrahl werfen zu wollen . Er dachte zwar an manches Heilmittel . Er war bei dem Maler Reichmeyer , um den Versuch einer Sitzung der Kranken zu machen , da Auguste immer von ihrem Bilde phantasirte . Er traf dort einen jungen Gentleman , dessen Name , als er sich entfernt hatte , ihm Heinrichson genannt wurde ; Reichmeyer selbst versprach auch , sich den Vorschlag zu überlegen . Seither geschah aber nichts Weiteres in diesem Versuch , Auguste Ludmer zur Besinnung zu bringen . Murray empfahl sie der Pflege der Ärzte , bezahlte ihren Unterhalt und kehrte zu der eigenthümlichen , sich widersprechenden Lebensweise zurück , die in ihrem innersten Kerne irgend einen bedeutenden Gedanken , eine gefahrvolle und ihm doch unendlich nothwendige Unternehmung zu bergen schien . Als er an jenem Donnerstage nach Hause gekommen war , schlief schon die Eisold ' sche Familie . Am Freitage lehnte er den Ring entschieden ab , den ihm Louise wiedergeben wollte . Am Samstag , als sie wiederkam , wurde er , von innerster Theilnahme um Augusten bewegt , fast zornig über die erneuerte Rückgabe . Am Sonntag , als er schon ganz früh ausgegangen war , um zu sehen , wie Auguste in ihrer neuen Lage die erste Nacht zugebracht hatte , war er weicher gestimmt und bat Louisen seine heftigen Worte ab , die auf nichts Anderes hinaus gingen , als daß er ihr zugerufen hatte : Halten Sie mich denn für einen Betrüger ? Ich bin ja reich ! Ich habe nur meine Ursachen für arm zu gelten ! Er setzte sich zu seiner Nachbarin und fragte sie , warum sie traurig wäre ? Sie zeigte auf den Regen , der in Strömen an die Fenster schlug und erzählte ihm die getäuschte Hoffnung auf eine ländliche Erholung . Daraus war manches Wort , hinüber und herüber , entstanden . Man hatte Erfahrungen und Ansichten ausgetauscht . Als Louise unter den Theilnehmerinnen der vereitelten Partie auch Franziska Heunisch nannte , war ihm dieser Name aufgefallen und Louise hatte nichts Arges darin gefunden , daß er sich genauer nach den Verhältnissen dieses Mädchens erkundigte . Sie hing mit Heunisch dem Förster , mit dem Jägerhause im Walde von Hohenberg , mit Ursula Marzahn zusammen , und schon einige male hatte er Louisen gefragt , ob sie niemals von diesem gewiß artigen Kinde einen Besuch empfinge . Louise sagte ihm darauf : Wir Menschen , die wir arm sind und arbeiten müssen , können mit unseren