Walter diese blonde Fülle abends in seine zitternden Hände nahm und mit schmerzlicher Wonne küßte — daß Leidenschaft aus Leiden wächst . Und das zehrende Feuer , das da an Eugeniens Seite loderte , die angstvolle , vor ihrem Verlust bebende Anbetung wärmte sie höchst angenehm . Es war ihr Geheimnis — ihr Jugendborn — dem sie , wie der Vogel Phönix seinem Flammenneste , in immer neuer Kraft und Schöne entstieg . Vielleicht betrachtete nur ein Mensch die liebenswürdige Heiterkeit der jungen Frau Heidling , die alle Welt entzückte , mit schweigender Verachtung , und das war ihre Schwägerin . Seit Agathe sich ganz dem Leben der Pietät , der Selbstaufopferung und der Entsagung hingegeben hatte , wurde sie streng im Urteil über ihre Nächsten , die nicht demselben Ideal herber Pflichterfüllung folgten . “ Mit Agathe ist rein nichts mehr anzufangen , ” erklärte Eugenie . “ Sie liest den ganzen Tag in der Bibel , wenn sie nicht in der Sonntagschule ist oder ihre Armen besucht . Es ist wirklich schade um das Mädchen ! ” “ Letzten Mittwoch ist sie sogar in der Betstunde bei den Jesubrüdern gewesen , ” sagte Lisbeth Wendhagen , “ draußen hinter den Scheunen , wo Fleischermeister Unverzagt predigt ! denkt Euch doch nur . . . . ! ” “ Wenn Papa das wüßte , der würde sie ! ” sagte Eugenie lachend . “ Kinder — der dicke Amandus Unverzagt als Beichtvater für zerknirschte Mädchenseelen ! Nein , Walter , wir dürfen wirklich nicht leiden , daß Agathe sich durch ihre Bigotterie zum Gespött der Leute macht . ” Eugenie begann infolge dieser schwesterlichen Erwägung Agathe , sobald sie ihr begegnete , mit ihren Jesubrüdern zu necken . Als das Mädchen zu den jungen Heidlings kam und Wölfchen aus dem Wagen heben wollte , um mit ihm zu spielen , riß Eugenie ihr den Kleinen fort , rümpfte die Nase und sagte : “ Ich mag nicht , daß Du ihn trägst — wer weiß , was Du uns für Krankheiten von den Ungeziefer-Kindern Deiner armen Leute ins Haus bringst . ” Sie drückte ihren Knaben mit einer stolzen Mutterbewegung an ihre Brust und ließ ihn fern von Agathe in ihren Armen auf- und niedertanzen , als habe sie ihn siegreich einer großen Gefahr entzogen . Agathe schossen die Thränen in die Augen . Doch demütigte sie sich so weit , Eugenie flehentlich zu bitten , solche Bemerkungen wenigstens nicht in Gegenwart von Papa zu machen . Abends in ihrem Zimmer lag Agathe halbe Stunden lang auf den Knieen und betete mit Schluchzen und Weinen , der Herr möge sie stärken , das kleine Martyrium , das Eugenie ihr auflegte , in Geduld zu tragen , wie sie um seinetwillen so vieles versuchte — auch die Armenbesuche — auch die heimlichen Gänge zu den Jesubrüdern . Mit Angst und Verzweiflung fühlte sie , daß die dumpfe , unklare Abneigung gegen Eugenie zum Haß wurde — zu einem Haß , so tief , so giftig und so bitter , wie nur zwischen alten Freunden und nahen Verwandten , die sich sehr gut kennen und sehr viel verkehren müssen , gehaßt wird . Wie konnte das geschehen ? Welche bösen schrecklichen Instinkte trieben da ihr Wesen ? Ihr ganzes Gemüt sollte doch von der Liebe zum Heiland und zum Nächsten erfüllt sein . . . . . Und sie hatte nicht einmal verständige Gründe , Eugenie zu hassen . — Eugenie war ja die einzige , die freundlich versucht hatte , — damals — ihr Lutz nahe zu bringen . . . . Ja — um das Vergnügen zu haben , so ein kaltes , grausames Vergnügen , ihre stumme Qual zu beobachten . . . sagte sofort eine scharfe höhnische Stimme in ihr — um Lutz ins eigene Haus zu locken — und wenn er nur gewollt hätte . . . aus überquellender Seelengüte für Agathe hatte Eugenie ihm wohl nicht die Notenblätter vor die Füße gestreut . Warum — warum vertraute ihr Agathe nur . . . . sie schämte sich , dachte sie nur daran . Sie war ja damals überhaupt nicht zurechnungsfähig — sie war wie verzaubert . Aber die Gewalt , unter der sie gelitten , war nun gebrochen — sie war befreit — Gottes Kind — des Herrn Magd . O süße helle Seligkeit — in seine Wunden zu tauchen — von seinem Blute sich überströmen zu lassen — zu vergessen — alles — alles — nur sein Erlöserauge zu sehen — einsam über dem Chaos von Elend — Enttäuschung und Not . . . . Eingehüllt von seiner Liebe — geborgen an seinem flammenden Liebesherzen — hingegeben — aufgelöst — sich vergehen fühlen unter den Schauern seiner Gnade . . . . Mit Papa und Mama ging Agathe alle vierzehn Tage in den Dom . Man brauchte sich nicht zu eilen , um zu rechter Zeit zu kommen . Standen auch unzählige Menschen in den Gängen — ihre Bank blieb leer , bis Agathe das kleine Thürchen mit dem Schlüssel , den sie aus ihrer Kleidertasche nahm , öffnete . Auch Eugenie besaß einen Schlüssel und saß dort mit ihrem würdevollsten Schmelzumhang , den sie nur zum Kirchgang trug . Rings auf den reservierten Plätzen glitzerte und funkelte es in dem gedämpften bunten Licht , das durch die Glasmalereien der gotischen Fensterbogen fiel , von Helmen und Epauletten und silbernen Degenquasten , da rauschten die schweren , pelzverbrämten Wintermäntel und raschelten die Posamenterieen und Perlen an den Damentoiletten . Man grüßte sich diskret , man begleitete den Gesang zu den brausenden Orgeltönen mit halber Stimme , man stand während des Gebetes in ernster Haltung , die Herren mit den Helmen oder den schwarzen Seidenhüten im Arm , die Damen mit leicht ineinandergeschlungenen Fingern und gesenkten Blicken — wie es sich eben schickt . Bei der Predigt vergossen viele von den älteren Frauen Thränen , einige schlummerten auch . Und nach Schluß des Gottesdienstes begrüßte