einen solchen Gang in den Wald hinaus bei Sturm und Regen , um ein stürmisch verlangendes Herz , das entsagen mußte , zu beschwichtigen . Dem Herrn sei Dank , sie war ohne Schuld und Fehle geblieben damals ! Im ganzen – die Geschichte mit Hilde war doch widerlich ... Nun , ein Proletarier wie dieser Debberitz hatte jedenfalls stärkere Nerven und ein abgestumpfteres Gefühl für gewisse zarte Punkte ... glücklicherweise ! Während die Tante sich also beruhigte , eilte der Neffe Fritz mit langen Schritten dem Walde zu . Sein Jägerauge durchspähte die trübe Dämmerung , die schon alle Seitenwege und Fernen zu umhüllen begann . Sein Ruf : » Hilde – Hilde ! « klang über die weiten , von körnigem Schnee weiß besprenkelten Wiesen . Der Fuß raschelte durch die Herbstblätter , die der Sturm wirbelnd von den Ästen riß und rauschend durcheinanderjagte . Ihm stand der Blick vor der Phantasie , den Hilde zu ihm gesandt hatte , ehe sie vor die Herzogin getreten war , um der ganzen versammelten Gesellschaft ihre Verachtung vor die Füße zu werfen . Er war Menschenkenner genug , um sich zu sagen , daß dieser Blick der Seelenausdruck eines verzweifelten und zum Äußersten entschlossenen Weibes gewesen war . Einen Esel – einen von Gott verlassenen , verfluchten Esel nannte er sich , wenn er an seinen Ausspruch dachte , von dem Sprung ins Dunkle , der jedes Menschen letzte Rettung vor dem Unerträglichen bleibe , und der Hilde in diesem Augenblick in die ewige Nacht hinaustreiben mochte ... In weiten Sprüngen rannte er den steilen Waldpfad zum Heuberg hinauf , dem Brausen des Wasserfalles entgegen , das Herz schlug ihm in wilder Angst . Er hatte es nicht gewußt , nicht begriffen bis jetzt , wie nahe ihm das Mädchen innerlich gerückt war . Während er in vergeblichem Suchen nach Hilde durch den rauschenden Regen eilte , erbitterte sich sein Herz gegen die Armseligkeit der Menschen , die ein unglückliches Geschöpf , das sich nicht wehren kann , ein für allemal ungehört verdammen , weil es in junger Unerfahrenheit gewagt hat , gegen ihren Anstandskodex zu verstoßen . Er hatte die Gesichter der Versammlung um Hilde beobachtet – er war sicher , daß keiner von ihnen allen für sie Partei nahm , daß jeder eine geheime Schuld verzeihlicher fand als dieses öffentliche und rücksichtslose Zugeständnis einer Unbesonnenheit . Sie hatte recht – nur zu sehr recht : niemand würde ihr geglaubt haben , wenn sie trotzdem ihre Mädchenunschuld beteuert haben würde . Der Flecken lag auf ihr und würde auf ihr bleiben ... Er verstand es so gut , daß sie nicht mehr der Mühe wert fand , noch einmal neu anzufangen . Wenn zehn Jahre treuer , stiller Pflichterfüllung nichts galten ... Wie albern , wie nutzlos wäre es gewesen , wenn er selbst vor diesen Leuten für sie eingetreten wäre – er , der Abenteurer , den schließlich daheim doch niemand für ernst nahm ... Ging es ihm denn besser als ihr ? Ein paar Jugenddummheiten folgten ihm nach und legten sich ihm hindernd auf Schritt und Tritt in den Weg . Andern wurde weit mehr verziehen . Aber freilich – die andern , die hatten sich auch nicht in Art und Wesen dem , was daheim als Form und Ideal galt , so weit entwendet ... Dies war der entscheidende Punkt ! Weil Hilde , so fühlte er deutlich , sich unter seinem Einfluß entwickelt hatte , mußte sie zu einer Trennung von dem , was ihr bisher als Autorität galt , gelangen ... Wie hatte er nur glauben können , in diesem Kreise mit Erfolg zu wirken ? Gleich einem scharfen Wind hatte er zwischen sie geblasen , aufrüttelnd , ermunternd , kräftigend . Nun seine Arbeit getan war , wirbelte ihn das Schicksal weiter zu unbekannten Fernen ... Sollte er gehen mit der bitteren Qual auf der Seele , den Untergang dieses armen Mädels mitverschuldet zu haben ? Aufs neue rief er laut und schmetternd Hildens Namen in die Dunkelheit . Wie war es möglich , sie hier zu finden , wenn sie sich nicht finden lassen wollte ? Jeder breite Buchenstamm konnte sie ihm verbergen . Er sah das völlig Unsinnige seines Suchens ein und konnte es doch nicht lassen , weiter zu rufen . Auf der Waldwiese stand , trübseligem Verfall preisgegeben , der kleine Pavillon , der in schönen Maitagen den Triumph seines Geistes erlebt hatte . Er lachte höhnisch über sich selbst . So ging es ihm immer wieder : er griff das Glück , er hielt es in die Höhe und ergötzte sich kindisch an seinem Glänzen – und ein anderer riß es ihm in letzter Stunde aus der Hand zu eigenem Nutzen . An den Gebäuden des Elektrizitätswerkes strahlten , als er es erreichte , die Lampen noch blaue Helle durch den Wald und beleuchteten den kläglich verregneten Putz an Fahnen und Girlanden . Er stieg den steilen Felsweg längs des Falles empor , vorsichtig umherspähend , um auf den vom Regen und vom nassen Laub glitschigen Stufen nicht auszugleiten , er starrte , verwirrt und betäubt von Schmerz und Angst , minutenlang untätig in das Brausen und Tosen der weißen stürzenden Wasser . Und dann raffte er sich plötzlich energisch zusammen und kehrte um . Es war vielleicht nur eine verrückte Phantasie von ihm , daß sie gerade den Wasserfall gewählt haben sollte – überhaupt ... wer konnte denn wissen , ob er sie nicht in der sinnlosen Aufregung , die ihn ergriffen hatte , völlig falsch beurteilte – völlig unterschätzte ? Mit mehr Ruhe kehrte er heim , traf im Flur auf Zipperjahn und hörte von ihm , Fräulein Hilde sei längst zurück . Fritz wäre dem Jungen am liebsten um den Hals gefallen . » Weißt du , wo ich sie finde ? « » Das jnädige Freilen is auf ' n Boden . « » Auf dem Boden ? « » Ja , sie hat