» Beim Administrator abzusteigen ! Als ob dein Schloß dir nicht jede Minute zu Gebote stände , als ob es mir nicht eine Freude gewesen wäre , dich meinen Gästen vorzustellen ! Ich wäre beinahe versucht , das , was du eine Rücksicht nennst , als das Gegenteil aufzufassen . Den Vorwand der Störung lasse ich unter keinen Umständen gelten . « » Nun , so laß wenigstens meine Abneigung gelten , so unmittelbar nach der Ankunft in einen mir völlig fremden Kreis zu treten , « erwiderte Waldemar . » Ich war wirklich nicht in der Stimmung dazu . « » Hast du noch immer die alte Antipathie gegen alles , was Gesellschaft heißt ? Da werden wir den Verkehr in Wilicza allerdings einschränken müssen . « » Doch nicht etwa meinetwegen ? Ich bitte dich , in diesem Punkte auf mich gar keine Rücksicht zu nehmen . Nur wirst du es entschuldigen müssen , wenn ich nicht allzuoft in deinen Salons erscheine . Ich habe zwar gelernt , mich den gesellschaftlichen Notwendigkeiten zu fügen , wenn es unbedingt sein muß , aber unbequem bleibt es mir immer . « Die Fürstin lächelte ; diese Neigung , die sie ja längst kannte , stimmte vollständig mit ihren Wünschen überein . Ueberhaupt zeigte ihr gleich die erste Zusammenkunft , daß ihr Urteil über Waldemar ein richtiges gewesen und seine Natur in den Grundzügen die gleiche geblieben war ; selbst sein Aeußeres hatte sich nicht allzusehr verändert . Seine hohe Gestalt kam freilich jetzt mehr zur Geltung , weil die Haltung eine bessere war , überragte er doch sogar den schlanken , hochgewachsenen Bruder ; auch das Unreife , Unfertige des Jünglings hatte der vollen Männlichkeit der Erscheinung Platz gemacht , freilich ohne daß die letztere darum sympathischer geworden wäre . Diese unschönen und unregelmäßigen Züge konnten nun einmal nicht anziehend sein , wenn auch das frühere Ungestüm , das sie so oft entstellte , jetzt einem kalten Ernst gewichen war . Nur eins gereichte Waldemar entschieden zum Vorteil ; das blonde Haar , » die ungeheure gelbe Löwenmähne « , wie Wanda es spottweise nannte , war in seiner gar zu üppigen Fülle beschränkt worden ; es bedeckte noch immer dicht und voll das Haupt , ließ aber , zurückgestrichen , Stirn und Schläfe frei , und es war unleugbar eine schöne und mächtige Stirn , die sich da über den finsteren Augen wölbte – der einzige Vorzug , den die Natur dem jungen Manne geliehen . Auch die rücksichtslose Schroffheit seiner Haltung zeigte sich einigermaßen gemildert ; man sah , daß er sich jetzt wenigstens ohne Zwang in den gesellschaftlichen Formen bewegte und ihnen Rechnung zu tragen wußte , damit schienen aber auch die Errungenschaften der Reise- und Universitätsjahre zu Ende zu sein . Eine Erscheinung für den Salon war Waldemar Nordeck trotz alledem nicht ; seine Haltung hatte etwas so Abweisendes , so wenig Verbindliches , seinem ganzen Wesen war der Stempel finsterer Verschlossenheit so deutlich aufgeprägt , daß wohl niemand leicht in die Lage kam , sich zu ihm hingezogen zu fühlen . Der Gegensatz zwischen ihm und seinem Bruder trat jetzt noch schärfer hervor als ehemals . Auch Leo war nicht mehr der knabenhafte Jüngling von siebzehn Jahren , aber wenn er schon damals dem alten Witold das Bekenntnis entriß , der Sohn seiner Gegnerin sei doch » ein bildhübscher Junge « , so zeigte er jetzt die ganze Schönheit seines Volkes , die , wo sie überhaupt vorhanden ist , auch meist in seltener Vollendung aufzutreten pflegt . Etwas kleiner als Waldemar , aber weit schlanker als dieser , besaß er im vollsten Maße all die Vorzüge , die dem älteren Bruder fehlten , den Adel der Züge , die mehr als je die sprechende Aehnlichkeit mit der Mutter verrieten , die prachtvollen dunkeln Augen , in denen es heiß aufflammte bei jeder Erregung , das schwarze , leicht gelockte Haar , das sich weich und glänzend um die Stirn legte . Dabei ging durch das ganze Wesen des jungen Fürsten ein Zug von Romantik , der sich sehr glücklich mit der Eleganz und Vornehmheit des Kavaliers vereinigte – Leo Baratowski war ein wahres Ideal von Schönheit und Ritterlichkeit . » Also du hast wirklich deinen ehemaligen Hauslehrer mitgebracht , « sagte er heiter , » Da bewundere ich deinen Geschmack , Waldemar . Ich war froh , als mir mein Herr Präzeptor nichts mehr zu sagen hatte , und hätte ihn auf keinen Fall mit auf die Universität oder gar auf Reisen genommen . « Die Kälte , die stets in dem Wesen des jungen Nordeck lag , wenn er ausschließlich mit seiner Mutter sprach , verschwand zum größten Teile , als er sich jetzt an seinen Bruder wandte . » Als einen bloßen Hauslehrer darfst du den Doktor Fabian wirklich nicht ansehen , Leo . Er hat das Erziehungsfach längst aufgegeben und sich ausschließlich seinen historischen Studien zugewendet ; es war ja überhaupt nur seine Mittellosigkeit , die ihn das erstere ergreifen ließ . Er ist von jeher mit Leib und Seele Gelehrter gewesen , wußte seine Kenntnisse aber nie praktisch zu verwerten , und da blieb ihm denn freilich nichts übrig , als › Präzeptor ‹ zu werden . « » Das merkte man , « fiel die Fürstin ein . » Er hatte von jeher die ganze Trockenheit und Pedanterie des Gelehrten . « » Warst du mit seinen Berichten nicht zufrieden ? « fragte Waldemar ruhig . » Mit welchen Berichten ? « » Die der Doktor dir im Anfange meiner Universitätszeit regelmäßig sandte . Er war im Zweifel darüber , was du eigentlich zu wissen wünschtest , und da gab ich ihm den Rat , sich möglichst eingehend an meine Studien zu halten . Ich denke , er ist ausführlich genug gewesen . « Die Fürstin stutzte . » Du scheinst diesen Briefwechsel bis in alle Details hinein zu kennen und ihn sogar teilweise – dirigiert zu haben .