« , der wie ein Angeklagter sich nicht von der Stelle traute , die ihm doch unter den Füßen brennen mußte ! – Die junge Frau nahm ihren Mut zusammen – war es denn nicht ein Frauenherz , an das sie appellierte ? » Gabriel trägt bereits eine Mission in sich , Hoheit – es ist die des Künstlers , « sagte sie , die schöne Fürstin nicht ohne Befangenheit , aber doch beharrlich ansehend . Aller Augen richteten sich erstaunt auf die Lippen , die bis dahin noch nicht gesprochen hatten . – » Ohne alle und jede Anleitung hat er den Stift bereits mit einer Sicherheit führen gelernt , die mich in Erstaunen setzt . Ich habe auf Leos Spieltisch Zeichnungen von ihm gefunden , mit denen er jede akademische Prüfung so bestehen kann , daß er unentgeltlich aufgenommen wird ... In dem Knabenkopf steckt ein seltsames Kompositionstalent , eine glühende Hingabe an die Kunst , die sich durchringt und durchkämpft , wie es eben nur der Genius vermag ... Hoheit haben recht , er paßt nicht zum Missionar – dazu gehört der innere Trieb , die Konzentration aller Geisteskräfte auf diesen einen Punkt , die ganze Energie der Seele , in der kein anderes Ideal leben darf – es wäre grausam gegen den Knaben selbst und ein Unrecht gegenüber der Kunst , wollte man ihn zwingen . « Die Herzogin sah sie groß , mit unverhülltem Befremden an . » Sie haben mich total mißverstanden , Frau von Mainau , « sagte sie sehr gemessen . » Meine Bemerkung galt der schlaffen Körperhaltung , der sichtlich kränklichen Konstitution des Knaben , nicht aber seiner geistigen Befähigung , oder gar seiner Lust und Liebe zur Sache – da sage ich ganz entschieden : › Er muß passen ! ‹ ... Es thut mir wahrlich leid , daß es Frauenseelen gibt , die nicht der Ansicht sind , daß vor diesem heiligsten Lebenszweck jeder andere verschwinden muß ... Mögen aufrührerische Männerköpfe ihr bißchen Wissen , das sich doch zumeist auf falsche Schlüsse stützt , an die Stelle des Heiligsten setzen – es ist traurig genug , daß es geschehen darf – wir Frauen aber sollen deshalb doppelt beflissen sein , in Phalanx gegen dieses Vorstürmen zu stehen , indem wir festhalten am einzigen Heil , indem wir glauben und abermals glauben , und uns niemals verführen lassen , zu grübeln . « » Hoheit , das heißt aber der Frauenwelt ihre Aufgabe allzu leicht machen ; das heißt auch zugleich dem Aberglauben , dem Glauben an eine spukhafte Geisterwelt , an die Gewalt des Satans – wozu leider der Frauenkopf so leicht geneigt ist – Thür und Thor zu öffnen . « Ein Geräusch von Stuhlrücken und verlegenem Räuspern wurde plötzlich laut , während die junge Frau , die eben gesprochen , sich ruhig und unbeweglich verhielt . Ihr gegenüber saß ihr Mann – seine Hand lag auf dem Tische und wiegte einen Kaffeelöffel auf dem Finger . Er hielt den Kopf vorgeneigt , wobei sein Blick unter den tief gesenkten Brauen hervor nicht einen Moment von dem zarterröteten Gesicht wich , das sich ausschließlich der Herzogin zuwendete . Jetzt beim letzten Wort sah sie wie zufällig seitwärts – ihr Blick traf ihn so tödlich kalt , als kenne sie ihn nicht . Eine jähe Glut schoß über seine Wangen – er warf klirrend den Löffel hin , worüber die Herzogin lächelte . » Nun , Baron Mainau , das regt Sie auf ? ... Wie denken Sie darüber ? « fragte sie mit schmeichelnd verlockender Stimme . Seine Lippen verzogen sich in bitterem Spott . » Hoheit wissen sehr gut , daß die Frauen , die an Hexen und Gespenster glauben , etwas Verführerisches für uns haben , « versetzte er in seinem frivolsten Ton . » Die Frau ist reizend in ihrer Hilflosigkeit und Furcht ; wir ziehen sie , wie ein Kind , beschwichtigend in unsere Arme , und damit kommt – die Liebe . « – Seine Augen verfinsterten sich und streiften durchbohrend seine Frau . – » Eine Pallas Athene dagegen haucht uns eisig an , wie die Gletscherjungfrau – wir wenden ihr den Rücken . « War das dieselbe Frau , die am Hochzeitstage bleich und gespensterhaft wie der Todesengel an der einziehenden Braut vorübergebraust war ? ... Strahlender Triumph verklärte das schöne Gesicht und machte es wahrhaft hinreißend in seinem Ausdruck . » Und Sie ? « neigte sie sich zu dem Hofprediger , der mit übereinandergeschlagenen Armen ihr gegenüber saß ; er fuhr wie aus tiefem Nachsinne empor – die Frau Herzogin berief alle ihre Heerscharen , wie es schien , gegen diese junge Frau , die sich unterfing , selbständig zu denken . » Haben Sie keine Waffen gegen den Antichrist in sanfter , weiblicher Gestalt ? « fragte sie fast scherzhaft . » Hoheit werden die Gnade haben , sich zu erinnern , daß ich dergleichen Erörterungen am Kaffeetische nicht billige , « versetzte der Hofprediger streng und hart – er war plötzlich der allmächtige Beichtvater , der diese hochgeborene Seele unter der Faust hielt . – » Lassen wir das alles einstweilen dahingestellt sein und begnügen wir uns mit der Ueberzeugung , daß Frau von Mainau mit ihrem Ausspruch das Hereinragen einer übersinnlichen Welt in die Wirklichkeit sicher nicht leugnen will . « Er wollte ihr abermals zu Hilfe kommen – sie brauchte einfach billigend das Haupt zu neigen , und der Kampf war beendet ; aber damit mußte sie lügen und reichte dem Priester in der That die Fingerspitzen – zum zweitenmal wies sie heute seine rettende Hand zurück . » Dieses Hereinragen einer übersinnlichen Welt in die Wirklichkeit leugne ich allerdings , « sagte sie mit etwas bebender Stimme – die neben ihr sitzende Hofdame rückte geräuschvoll von ihr weg . » Ich glaube nicht an die Wunder und himmlischen Visionen , wie sie die Kirche lehrt . Wollte der Allmächtige uns Boten aus dieser übersinnlichen