und ihm mit Freuden seine volle Freiheit zurückgebe . Schließlich rieth sie ihm noch , nicht nach ihr zu forschen , da alle seine Mühe sich als vergeblich ausweisen würde . « » Wäre sie allein davon gegangen und hätte sie ihm das Kind gelassen , dann würde er sich möglicher Weise getröstet haben , so aber war es ein Schlag für ihn , der ihn bis in ' s innerste Lebensmark traf . Zu dem unsäglichen Schmerz über den Verlust des Kindes und dem heißen Verlangen , dasselbe wieder zu sehen , gesellte sich aber auch noch die grimmigste Wuth über das verbrecherische Treiben der Flüchtlinge , und obwohl mit zermalmtem Herzen , versäumte er doch Nichts , was dazu dienen konnte , ihn auf deren Spur zu leiten . Wie es ihm glückte , so schnell die Richtung ihrer Flucht auszukundschaften , weiß ich nicht , wohl aber weiß ich , daß er bereits am folgenden Morgen , als eben der Tag zu grauen begann , mit Extrapost und Courierpferden über die Mainbrücke jagte . « So sprechend schob der Oberstlieutenant , als ob die Erinnerung an die Schmach seines Bruders ihn übermannt habe , die Augenklappe zähneknirschend einigemal hin und her , und nachdem er , wie um sich zu beruhigen , mit seinem Krückstock einen Doppelhieb nach den am Wege wuchernden Gräsern gefühlt , nahm er den Faden seiner Erzählung wieder auf : » Er holte die Flüchtlinge ein , Sapperment ! Er holte sie ein , in einer Stadt Rheinbayerns , als sie eben in einem Gasthofe zweiter Klasse Quartier gemacht hatten . Seine Gattin und den Priester traf er in traulichem Gespräch bei einander ; sie befürchteten nicht mehr , verfolgt zu werden . Seine Tochter da , gegen lag bereits in einem gesunden Schlaf . « » Wie ein rächender Gott trat er vor das verbrecherische Paar hin . Er sprach kein Wort , aber den Pfaffen peitschte er unbarmherzig auf die Straße hinaus , und dann erst nahm er das Kind in seine Arme , um es zu herzen und zu küssen . « » Eine Stunde später rollte er mit Weib und Kind und sogar mit dem Gelde , welches die treulose Frau mitzunehmen nicht vergessen hatte , Frankfurt wieder zu . Das Kind hielt er selbst auf den Knieen , mit seiner Frau dagegen sprach er keine Silbe ; weder Thränen , noch Bitten , noch Drohungen fruchteten ; er blieb unbeweglich , ungerührt und behandelte sie , als hätte sie für ihn gar nicht mehr existirt , und wie sie es auch nicht anders verdiente . « » So kam er in seiner Wohnung an . Aber selbst da gelang es seiner Frau nicht , ihm auch nur ein Wort des Vorwurfs zu entlocken oder das arme unschuldige Kind zur alleinigen Pflege und Bewachung überantwortet zu erhalten . Wie sein Herz , schien auch sein Antlitz sich versteinert zu haben ; er sprach nur das Allernothwendigste zu den Dienstboten , er weinte bittere Thränen über der kleinen Johanna , weiter aber gingen die Aeußerungen seines Kummers nicht . « » Das Haus verließ er nicht mehr ; er hatte nämlich seine Stelle bereits am ersten Tage nach seiner Rückkehr aufgegeben , dagegen schrieb er sehr viel , und zu weilen sah man auch wohl eine Gerichtsperson sich zu ihm begeben , um bei verschlossenen Thüren längere Zeit mit ihm zu berathen . « » Die schuldbelastete Frau , obgleich ihr persönlich nicht der geringste Zwang auferlegt wurde , verlebte unterdessen eine schreckliche Zeit . Aber nicht lange sollte sie über ihr Loos im Dunkeln bleiben , denn schon am achten Tage wurde , trotz ihres Handeringens , trotz ihres Flehens um Erbarmen , das Kind von ihr genommen und einer protestantischen Familie zur Erziehung übergeben . Sie selbst erhielt nur die Erlaubniß , ihre Tochter einmal wöchentlich besuchen und in Gegenwart von Zeugen sehen zu dürfen . Gleichzeitig war mir die gerichtliche und von einem dringenden Schreiben meines Bruders begleitete Ausforderung zugegangen , die Vormundschaft über das Kind zu übernehmen und nach besten Kräften über dessen Zukunft zu wachen . « » Dieses Ansinnen wies ich natürlich nicht zurück , doch konnte ich nicht umhin , noch besonders an meinen Bruder zu schreiben und ihn zu ermahnen , sich aufzurichten und sich nicht allzusehr von den widerwärtigen Verhältnissen niederdrücken zu lassen . « » Mein Brief erreichte ihn nicht mehr , dagegen ging mir einige Tage später eine Abschrift seines Testamentes zu , und ein anderer Brief , in welchem der arme Kerl auf ewig von mir Abschied nahm , mich beschwor , sein Kind zu lieben , dafür zu sorgen , daß es nicht verkomme , und das kleine von ihm hinterlassene Vermögen zu dessen Bestem zu verwalten . « » Von den bösesten Ahnungen gefoltert , reiste ich augenblicklich nach Frankfurt ab ; ich wollte meinen Bruder trösten , ihn warnen vor bösen , unmännlichen Entschlüssen , auf welche seine Worte hinzudeuten schienen , allein ich kam zu spät . Seine Gattin , die sein ganzes Unglück verschuldet hatte , traf ich in Verzweiflung , er selbst aber war , unter Hinterlassung seiner sämmtlichen Sachen und seines für Johanna sicher untergebrachten Geldes , spurlos verschwunden . « » Es unterlag keinem Zweifel , der arme Kerl , durch den Verrath seiner Gattin zum Aeußersten getrieben , halte sich das Leben genommen , « fuhr der Oberstlieutenant fort , nachdem er , um seine Bewegung zu bekämpfen , ein kurzes , aber scharf klingendes Kavalleriesignal in den Wald gepfiffen . » Ich tadle seinen Entschluß und die Alt , in welcher er seine Seele von der ihn schwer bedrückenden Last befreite , allein ein Ehrenmann ist er trotzdem bis zum letzten Athemzuge geblieben ; denn wie er auch seinen Tod herbeigeführt haben mag , es geschah nicht , daß der Selbstmord erwiesen werden konnte . Es wurde im Main , im Rhein nach seiner Leiche geforscht , die