Laub verhüllt und in der die Seele träumen kann , es sei noch Sommer . Und dennoch saß der einsame Mann bei seiner Lampe starr vor sich hinblickend , und hatte so wenig Sinn und Gefühl für die Natur , als wäre er ein aus ihrem Verband Ausgeschiedener . — Oben in der Fensterecke schwankte ein großes Spinngewebe , dessen Herrin auf die kleinen Insekten lauerte , die Leutholds Licht zuflattern woll ­ ten . Noch feinere Gewebe aber spann in der Stille der Nacht Leutholds Kopf und , so zart und geistig sie auch waren , in ihrer Mitte saß die plumpe häßliche Spinne der Geldgier und lauerte wie ihre Nachbarin auf ihr Opfer . Ernestine sollte umsponnen werden , aber das mußte schlau angefangen werden , denn sie hatte Beschützer , die auf der Hut waren , kein Mensch durfte ahnen , daß sie ihren schlimmsten Feind zum Freunde habe ! — Das Testament war in den letzten Tagen eröff ­ net worden und zwei Punkte desselben hatten Leuthold Leben und Hoffnung wiedergegeben , denn sie boten ihm Haken , um seine Schlingen daran zu befestigen . Er war Ernestinens Vormund — und sollte sie beerben , wenn sie unverheiratet starb ! Als endlich spät in der Nacht seine Lampe zu verlöschen drohte , da lag das ganze vielfach verschlungene Netz fertig in seinem Kopfe und er erhob sich mit der Genugtuung , mit der ein Dichter die Feder hinlegt , wenn ihm der Entwurf eines schwierigen Werkes gelungen ist . Ernestine war ihm nicht mehr , als dem Dichter eine der Gestalten , die sich , ihm selbst zum Trotze , unabweisbar aus dem Gange der Handlung entwickelt haben und die er als notwendiges Übel mit Sorgfalt , aber nicht mit Liebe ausarbeitet . So hatte er des Kindes Lebenslauf auf das Fleißigste zurechtgelegt und wenn alle Berechnun ­ gen zutrafen , mußte die Gestalt , welche seiner dichte ­ rischen Phantasie vorschwebte , einen für ihn und sein Kind günstigen Schluß des Romans herbeiführen . — Die Lampe erlosch rauchend . Leuthold schlich auf den Zehen in sein Schlafgemach und entkleidete sich im Dunkeln . Er fröstelte , als habe ihn sein eigenes eis ­ kaltes Herz erkältet . Neben seinem Bette stand Gretchens Wiege , die er auch nach dem Scheiden Berthas nicht von sich ließ , und als er sich gelegt hatte , er ­ wachte das Kind , richtete sich auf und griff mit sei ­ nen kleinen Händchen zärtlich nach dem Papa hinüber . Da zog der kalte Mann die Kleine zu sich empor und legte sie auf seine Brust ; sie schlang die Ärmchen um seinen Hals und schmiegte das Köpfchen an seine Wange . Er hörte bald an ihren ruhigen Atemzügen , daß sie wieder eingeschlummert war und allmälig begann sein Herz unter dem friedlich pochen ­ den Kindesherzen zu erwärmen und neue Lebenswärme durchdrang seinen Körper unter der süßen Last . Er wagte kaum zu atmen , aus Furcht , die kleine Schlä ­ ferin zu wecken — es war ein seliger Augenblick für ihn . Aus dem Atem des schlummernden Kindes strömte ein unnennbares beglückendes Etwas auf ihn über . Hier hielt er das einzige Wesen , das ihn und das er liebte , das einzige Kind , das eigene Leben , Fleisch und Blut ! — Da klopfte es plötzlich heftig an die verschlossene Tür des Nebenzimmers und zugleich erklang die gellende Stimme Riekens : „ Herr Doktor , Herr Doktor , stehen Sie schnell auf und kommen Sie zu Ernestinen ! “ Leuthold fuhr empor und legte hastig das Kind in die Wiege zurück , jeder Nerv in ihm schien sich anzuspannen , sein Herz drohte zu zerspringen , seine Hände zitterten , während er sich mit dem Nötigsten bekleidete . Dieser heftige Ruf konnte nur etwas Außerordentliches verkündigen , — sollte Ernestine kränker — vielleicht gar sterbend sein ? Sollte das Schicksal Hartwichs Ungerechtigkeit so schnell gut machen und seine Hoffnungen — jetzt schon — ! O — es war ein Gedanke , der ihn schwindeln machte . — Atemlos , fast taumelnd erreichte er die Tür , wo Rieke seiner harrte und ihm die Treppe hinableuchtete . „ Was gibt es denn ? “ fragte er . „ Ach , Herr Doktor , wir haben eine große Dumm ­ heit gemacht , ich und die Therese , wir saßen bei Ernestinen und schwatzten zusammen und bemerkten nicht , daß das Kind nicht schlief , “ erzählte Rieke . „ Da sprachen wir auch vom verstorbenen Herrn und daß die Kuhmagd nicht mehr allein auf dem Speicher schlafen will , weil sie behauptet , er ginge um . Auch von seinem Tode redeten wir , wie er nach seinem Kinde geschrieen und noch zuletzt gesagt habe , er finde nicht Ruhe im Grabe , wenn Ernestine ihm nicht ver ­ zeihe . Wir meinten , daß er ihr gewiß einmal er ­ scheinen werde , denn wenn Einer so was Quälendes mit ins Grab nehme , dann lasse es ihm keinen Frieden , und er müsse so lange geistweise gehen , bis er durch das Gewünschte erlöst werde . — Da fing Ernestine plötzlich an zu weinen und wir sahen nun zu unserem Schlecken , daß sie Alles gehört . Wir suchten sie zu beruhigen , aber sie regte sich immer mehr auf und ver ­ langte , wir sollten sie noch heute Nacht auf den Kirch ­ hof bringen , sie wolle zu ihres Vaters Grabe und ihm sagen , daß sie ihm vergeben habe . Kein Zureden half , sie bleibt bei ihrem Willen und hat nun aus Eigensinn und Jammer förmliche Krämpfe bekommen ! “ Sie traten in Ernestinens Zimmer , wo Therese , die zweite Magd bemüht war , das widerstrebende , ver ­ zweifelte Kind im Bette zu erhalten . Leuthold ging leise zu ihr hin und legte ihr seine zarte , kühle Hand auf die heiße Stirn . Unter