– immer , als drückte eine schwere Last seine feine Gestalt hernieder ; das Gesicht war blaß und hatte einen leidenden Ausdruck . Der Sommerüberzieher war auch schon recht unmodern , ebenso der Zylinder , trotzdem hatte er das Aussehen eines eleganten Mannes . Plötzlich fiel mir Lenens Ausspruch ein : » Wenn ich denken müßte , daß er einmal so ein Leben führen sollte wie mein armer Vater , ich ertrüge es nicht ! « Ganz unbewußt habe ich wohl den Herrn v. Brandenfeldt darauf angesehen , ach , es mag vielleicht doch eine größere Misere sein , als man ahnen konnte ! Lene hat bisher freilich nie geklagt , sie war immer zufrieden gewesen , nur gestern nicht , zum erstenMale . Ob aber der Herr v. Brandenfeldt wirklich unglücklich war ? Jedenfalls schien er sehr friedlich mit seiner Frau zu leben . Ich bewunderte bei Gesellschaften immer wieder die altmodische ritterliche Höflichkeit , mit der er nach beendetem Souper beim 190 Gesegnete-Mahlzeit-Wünschen die Hand seiner Gattin küßte , nachdem er gefragt hatte : » Wie geht ' s dir , meine Liebe ? « Nach einer halben Stunde etwa kam Eberhard Wülflingen wieder aus dem Hause , sehr rot , sehr hastig , wie jemand , der eine große unerwartete Täuschung erfahren hat . Den Kopf im Nacken , ging er rasch die Straße hinunter . Natürlich ! Lene war bei ihrem » Nein ! « geblieben . Wie sie das nur konnte ! Es ist doch unerhört ! Ich meine , wenn man liebt , dann müsse auch die innere , zwingende Notwendigkeit dasein , einander anzugehören , über alle Bedenken hinaus . Lenens » Es geht ja nicht ! « schien mir das untrügliche Zeichen einer kleinen Seele zu sein . Unmutig entfernte ich mich von meinem Beobachterposten und ging nach dem Garten . Dort suchte mich nach einem Weilchen der kleine Nachbarsjunge auf , der von Lene zu Ausgängen und leichten Besorgungen benutzt wurde für das fürstliche Honorar von zehn Pfennig die Woche . Er brachte mir ein mit Bleiftift beschriebenes , eilig zusammengefaltetes Zettelchen : » Bitte , komm gegen halb zwei Uhr in unsern Garten , ich muß Dich sprechen . Lene . « Was sie nur will ? Wieder feige jammern und lamentieren über materielle Hindernisse ? Wenn sie das tut , nahm ich mir vor , dann bekommt sie von mir Dinge zu hören , die möglicherweise unsere Freundschaft für immer zu Schanden machen , ich kann dann nicht anders . – Zur festgesetzten Stunde ging ich über den Hof des Hauses drüben , in welchem Brandenfeldts das Halbparterre bewohnten : aus der Scheuer führte ein Pförtchen in den Garten , den wir als Kinder bei unsern Spielen benutzt hatten . Durch die Haustüre mochte ich nicht gehen , ich wußte , daß Lenes Eltern zu dieser Zeit Mittagsruhe hielten . Ich fand Lene meiner schon wartend an der Scheunentür . Sie sah ein bißchen bleich aus , trug ihr marineblaues Alltagskleid , ein weißes Schürzchen und hielt den zierlichen Pompadour mit der ewigen Stickerei in der Hand . Ich betrachtete letzteren ganz entsetzt – sie konnte Handarbeiten fertigen an solchem Tage ? 191 » Liebste Marie , « bat sie , » ich bin dir so dankbar , ich kann nicht allein bleiben mit meinen schweren Gedanken . Setze dich doch ein bißchen mit in die Laube , komm ! « Sie zog mich hinein und nötigte mich zum Sitzen : aber ich blieb stehen . » Ich meinte , du wolltest mich nötig sprechen ? Ich habe nicht viel Zeit ! « sagte ich streng und ungeduldig . Sie blieb neben mir stehen und antwortete nicht gleich . Nun erst bemerkte ich , wie ihre Hand , die einen frisch gepflückten Fliederzweig , der auf dem Tische lag , beiseite schob , zitterte , und wie verändert ihr Gesicht war , gramvoll , um zehn Jahre gealtert . » Du warst gestern schon so unfreundlich , « warf sie mir zaghaft vor . » Allerdings ! Und heute bist du mir ganz unverständlich – ich sah Eberhard Wülflingen von euch wieder herauskommen , und – « » Mein Gott , es geht nicht anders , « flüsterte sie , mit starren Augen an mir vorübersehend . Und da riß mir die Geduld , wie eine mühsam zurückgestaute Flut brach mir mein Unwille los . Erbärmlich feige sei sie , eine größere Enttäuschung habe ich noch nie erlebt als bei ihr . Berechnend , materiell sei sie , nicht Liebe sei es , und Eberhard Wülflingen könne froh sein , daß er ein so kleinliches Wesen nicht heimführe , er werde sich hoffentlich bald zu trösten wissen . Damit wandte ich mich um und ging den Weg wieder hinunter , um zur Scheunentür zu gelangen . Zunächst rührte sich nichts hinter mir , dann aber holte sie mich ein mit eilenden Schritten . » Mariechen , « rief sie halblaut , » du irrst dich , ich kann dir ja nicht alles sagen ! Bleibe doch – ich – « Sie war plötzlich neben mir und hielt mich fest , ihre Augen glühten , sie atmete mühsam . » Du weißt ja gar nicht , was ich erlebe , täglich , stündlich , sonst würdest du nicht so hart urteilen ! Ich bitte dich , daß du mir glaubst , ein bißchen glaubst , « flehte sie , » wenn ich dir sage : mein Lebensglück hängt ja an ihm , mein ganzes Glück , und doch – – « » Doch kann ich Handarbeit machen , « höhnte ich , » und den armen Jungen heimschicken ! Weißt du , was ich getan hätte ? Entweder wäre ich ihm um den Hals gefallen und hätte 192 gesagt : › Meinetwegen hungern und dursten , nur bei dir bleiben und mit dir leben ! ‹ Oder – ich wäre in den Teich gesprungen . « In diesem Augenblick schmetterte