’ geht ihr schlafen ohne mich und morgen auch . Und wenn ihr zum drittenmal schlafen geht , dann komme ich mit und erzähle euch ein Märchen dabei . “ Sie waren es so zufrieden und begleiteten die neue Tante mit dem Vater bis an die Hausthür . Mit einem hellen „ Auf Wiedersehen ! “ schied sie und ging schnellen Schrittes den Weg zurück , den sie gekommen . Der Oberförster aber stand am Fenster und sah der schlanken Gestalt nach , die so unversehens nun in sein Leben getreten war . Des Kerkow Schwester in seinem Hause ! Des Mannes Schwester , von dem er jetzt geträumt im Wachen und Schlafen , an den er nur im tiefsten , herbsten Groll gedacht ! Und nun – nun wußte er auf einmal alles , als habe ihm jemand aufgezeichnet , [ 139 ] wie es um jenen und um Aenne stand . Der arme Offizier hatte blutenden Herzens dem heimlich geliebten Mädchen entsagt und um seiner Familie willen die andere genommen , und das vor Zorn und Schmerz verzweifelnde Kind hatte sich in seine Arme gestürzt . Ihr armen Beiden ! Sie war an der Schwelle der Ehe zusammengebrochen unter der Unmöglichkeit , einen andern zu lieben ; der Mann schleppte sich bis zum Altar und weiter , immer weiter , bis ihm das Herz erstarrte in seiner Brust . Der Oberförster fühlte seinen Groll schwinden gegen Heinz Kerkow , aber er seufzte tief , er war hineingezogen worden in diesen Kampf und jedermann kannte seine Wunden . Es sollte das letzte Mal sein , daß ein Weib in sein Leben gegriffen , das hatte er sich gelobt ! Er pfiff dem Hunde , setzte sich in die Sofaecke und tätschelte den Kopf des schönen Tieres . „ Bist doch die Treueste , “ sagte er leise und zärtlich , „ gelt , Diana ? Wenn wir miteinander da draußen sind in dem weiten herrlichen Gotteswald , dann wird die ganze Jämmerlichkeit dieses Lebens so wesenlos und klein , nicht wahr , Alte ? “ [ 149 ] Der andere Tag brach an , Heinz Kerkows Hochzeitstag . Auf Aennes Gesicht lag etwas Ernstes , Entschlossenes – ihr Bruder Walther , der Student , sagte : so etwa , als ob sie statt der Toni „ angekoppelt “ werden sollte . „ Willst du mit ? “ fragte er dann . „ Wir fahren nachher mit Richard Meyer nach dem Jagdschlößchen , die Schlittenbahn soll herrlich sein . “ „ Ach was , “ brummte Robert , der Lieutenant , dem es nicht paßte , brüderliche Rücksichten zu nehmen , „ damit sie die Nase erfriert ! Ich sage dir , Aenne , bleib ’ daheim und geh ’ brautschauen ! “ Tante und Mutter sahen verstohlen zu Aenne hinüber . Der Bruder war nicht unterrichtet von dem Breitenfelser Stadtklatsch , sonst hätte er diese Aufforderung unterlassen . Aber Aenne erwiderte sehr ruhig : „ Natürlich gehe ich in die Kirche – du doch auch , Mama , und Tante ebenfalls ? “ Frau May wäre trotz allem und allem eher „ gestorben “ als bei dieser Gelegenheit ferngeblieben ; und wäre der Kerkow erwiesenermaßen ihr ärgster Feind gewesen , bei seiner Trauung hätte sie zugegen sein müssen . „ Ich gehe schon deshalb hin , um all den Leuten die Mäuler zu stopfen , und daß du mit willst , ist vernünftig , “ sagte sie zu ihrer Tochter . „ Aber warum sollte ich denn nicht ? “ fragte Aenne , das , was ihre Mutter meinte , absichtlich nicht verstehend . „ Ich habe doch kein Verbrechen begangen ? “ – Im sicheren Gefühl , daß nur Günther ihr Geheimnis kannte , dem sie es selbst anvertraut und bei dem es so geschützt und geborgen war wie in ihrer eigenen Brust , bewahrte sie ihre Selbstbeherrschung vollständig ; ihre innerliche Verzagtheit , ihr altes bitteres Weh wurde von dem trotzigen Mädchenherzen im Zaum gehalten . Wenn Heinz Kerkow überhaupt noch den leisen Gedanken gehabt hätte , daß sie um seinetwillen litt , heute sollte , mußte dieser schwinden ; dann würde ihr die trotzige verzweifelte Kraft nicht fehlen , die Eltern zu überreden , dem zuzustimmen , was sie vorhatte ! [ 150 ] Der Medizinalrat verfügte über Eintrittskarten für die Hofkirche , wie sämtliche Beamte des Hofes und die Honoratioren der kleinen Residenz . Für die Damen bedeutete das : elegante Visitentoilette , soweit die Begriffe von Eleganz in Breitenfels reichten ; für die Herren : Frack und Cylinder . Zu sehen gab ’ s entschieden etwas , seit ewigen Zeiten war da droben in demstillen Witwenleben nicht eine offizielle Festlichkeit gewesen . Um halb zwei Uhr sollte die Trauung stattfinden , der ein kleines Festmahl im engsten Zirkel folgte ; auf vier Uhr bereits war die Abreise des jungen Paares bestimmt . Die Rätin klagte während der Toilette – das unvermeidliche Schwarzseidene war wieder aus dem Schrank geholt – über Reißen , es sei ungesundes Wetter , und die Jungen , die mittlerweile abgefahren waren , würden im Schneewasser wieder heimkommen . Es war in der That ein trüber , warmer Tag , die Schneedecke zeigte siebartig zahllose kleine Löcher , die der leichte mit Schnee untermischte Regen verursacht hatte , und in der Dachrinne gluckste und tropfte es . Um Mittag war es fast finster . Aenne befand sich in ihrem Stübchen . Sie hatte ein gelblich . weißes Kaschmirkleid angelegt , kindlich einfach in der Form , faltige Bluse und faltige weite Aermel , und einen schmalen blauen Gürtel um die Taille . Sie wartete auf den Boten , der ihr die Nachricht von der plötzlichen Heiserkeit des Fräulein Hochleitner bringen sollte , und sie ward so blaß wie ihr Kleid , als sie endlich unten die Klingel hörte . Dann Rufen nach ihr , eilige Schritte , das Rauschen eines Seidenkleides . „ Das ist eine nette Geschichte “ – mit