ohne Kopf aus der Hand geschlagen hatte . Ich hörte , wie draußen Hagelschauer gegen die Fenster tobten und brüllender Donner die Luft zerriß : Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen Wut raste über die Stadt hinweg . Vom Fluß her dröhnten durch das Heulen des Sturms in rhythmischen Intervallen die dumpfen Kanonenschüsse , die das Brechen der Eisdecke auf der Moldau verkündeten . Die Stube loderte im Licht der ununterbrochen aufeinanderfolgenden Blitze . Ich fühlte mich plötzlich so schwach , daß mir die Knie zitterten und ich mich setzen mußte . » Sei ruhig , « sagte deutlich eine Stimme neben mir , » sei ganz ruhig , es ist heute die Lelschimurim : die Nacht der Beschützung . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Allmählich ließ das Unwetter nach , und der betäubende Lärm ging über in das eintönige Trommeln der Schloßen auf die Dächer . Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu , daß ich nur mehr mit stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm , was um mich her vorging : Jemand aus dem Kreis sagte die Worte : » Den ihr suchet , der ist nicht hier . « Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache . Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz , darin kam der Name » Henoch « vor , aber ich verstand das übrige nicht : der Wind trug das Stöhnen der berstenden Eisschollen zu laut vom Flusse herüber . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Dann löste sich einer aus dem Kreis , trat vor mich hin , deutete auf die Hieroglyphen auf seiner Brust - sie waren dieselben Buchstaben wie die der übrigen - und fragte mich , ob ich sie lesen könne . Und als ich - lallend vor Müdigkeit , - verneinte , streckte er die Handfläche gegen mich aus , und die Schrift erschien leuchtend auf meiner Brust in Lettern , die zuerst lateinisch waren : CHABRAT ZEREH AUR BOCHER - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten . - - - Und ich fiel in einen tiefen , traumlosen Schlaf , wie ich ihn seit jener Nacht , in der Hillel mir die Zunge gelöst , nicht mehr gekannt hatte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Trieb Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten Tage vergangen . Kaum , daß ich mir Zeit zu den Mahlzeiten ließ . Ein unwiderstehlicher Drang nach äußerer Tätigkeit hatte mich von früh bis abends an meinen Arbeitstisch gefesselt . Die Gemme war fertig geworden , und Mirjam hatte sich wie ein Kind darüber gefreut . Auch der Buchstabe » I « in dem Buche Ibbur war ausgebessert . Ich lehnte mich zurück und ließ ruhevoll all die kleinen Geschehnisse der heutigen Stunden an mir vorüberziehen : Wie das alte Weib , das mich bediente , am Morgen nach dem Ungewitter zu mir ins Zimmer gestürzt kam mit der Meldung , die steinerne Brücke sei in der Nacht eingestürzt . - Seltsam : - Eingestürzt ! Vielleicht gerade in der Stunde , wo ich die Körner - - - nein , nein , nicht daran denken ; es könnte einen Anstrich von Nüchternheit bekommen , was damals geschehen war , und ich hatte mir vorgenommen , es in meiner Brust begraben sein zu lassen , bis es von selbst wieder erwachte , - nur nicht daran rühren ! Wie lange war ' s her , da ging ich noch über die Brücke , sah die steinernen Statuen - und jetzt lag sie , die Brücke , die Jahrhunderte gestanden , in Trümmern . Es stimmte mich beinahe wehmütig , daß ich nie mehr meinen Fuß auf sie setzen sollte . Wenn man sie auch wieder aufbaute , war es doch nicht mehr die alte , geheimnisvolle , steinerne Brücke . Stundenlang hatte ich , während ich an der Gemme schnitt , darüber nachdenken müssen , und so selbstverständlich , als hätte ich es nie vergessen gehabt , war es lebendig in mir geworden : wie oft ich als Kind und auch in spätern Jahren zu dem Bildnis der heiligen Luitgard und all den andern , die jetzt begraben lagen in den tosenden Wassern , aufgeblickt hatte . Die vielen , kleinen lieben Dinge , die ich in meiner Jugend mein eigen genannt , hatte ich wieder gesehen im Geiste - und meinen Vater und meine Mutter und die Menge Schulkameraden . Nur an das Haus , wo ich gewohnt , konnte ich mich nicht mehr erinnern . Ich wußte , es würde plötzlich , eines Tages , wenn ich es am wenigsten erwartete , wieder vor mir stehen ; und ich freute mich darauf . Die Empfindung , daß sich mit einemmal alles natürlich und einfach in mir abwickelte , war so behaglich . Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette geholt hatte , - es war so gar nichts Erstaunliches daran gewesen , daß es aussah , nun , wie eben ein altes , mit wertvollen Initialen geschmücktes Pergamentbuch aussieht - schien es mir ganz selbstverständlich . Ich konnte nicht begreifen , daß es jemals gespenstisch auf mich gewirkt hatte ! Es war in hebräischer Sprache geschrieben , vollkommen unverständlich für mich . Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen würde ? Die Freude am Leben , die während der Arbeit heimlich in mich eingezogen war , erwachte von neuem in ihrer ganzen erquickenden Frische und verscheuchte die Nachtgedanken ,