, überraschte es ihn nicht und ergriff ihn nicht . Als müsse es so sein , trat er vor sie hin , reichte ihr seinen Arm und sagte : » Komm . « Lydia erhob sich und nahm den Arm , so gingen sie schweigend dem Hause zu , stiegen die Treppe hinauf und traten durch die Glastüre in den Saal , der nur von einer einzigen Kerze erhellt wurde . Dachhausen führte Lydia zu einem Sessel , auf den sie niedersank , sie lehnte den Kopf zurück , die Arme lagen schlaff auf den Seitenlehnen des Stuhles . Diese Liebesstunde , nach der sie sich so heiß gesehnt , hatte sie gebrochen , sie begann zu weinen in ihrer stillen , unbewegten Art , nicht aus Schmerz oder Furcht , sondern wie Kinder weinen , weil sie müde sind . Dachhausen stand vor ihr und sah sie an . Wie bleich er ist , dachte Lydia , und wie es in seinem Gesichte zuckt , ob er mich schlagen wird ? Er jedoch wandte sich ab und begann im Zimmer auf und ab zu gehen . Lydia bemerkte noch , daß er seine türkischen Pantoffeln mit den auf gebogenen Spitzen an den Füßen hatte , dann schloß sie die Augen . Jetzt sprach er , anfangs leise und mühsam , Lydia verstand ihn nicht ; allmählich wurde die Stimme lauter , drohender , die Worte überstürzten sich : » Hast du dich je über mich zu beklagen gehabt ? Habe ich je einen anderen Gedanken gehabt als dich , dein Glück , deine Stellung , dein Vergnügen , deine Kleider , was weiß ich ? Und du bringst Schande über unser ganzes Haus , und mit diesem Buben von Egloff ! Das geht wohl schon lange so , jetzt ist mir alles klar , ich sah es nur nicht , weil ich an so viel Gemeinheit nicht glauben konnte . « Lydia öffnete die Augen wieder , Dachhausen ging sehr schnell vor ihr auf und ab , zuweilen fuhr er mit beiden Armen heftig durch die Luft , und neben ihm an der Wand lief sein Schatten hin und her , ein kleiner , breiter Schatten , der die Füße hoch hob , an denen die Pantoffeln mit den aufgebogenen Spitzen seltsam groß erschienen . » Und die anderen , « fuhr Dachhausen fort , » die anderen wissen es wohl schon lange , sie weisen wohl mit den Fingern auf uns . Ich habe mein Leben immer rein und einwandfrei gehalten , und nun kommst du und machst daraus eine Lächerlichkeit und eine Schande . Es ekelt mir vor meinem Leben , vor dir , vor mir , vor diesem ganzen Hause . « Er blieb stehen und stampfte mit dem Fuße auf , und hinter ihm blieb der kleine , breite Schatten stehen und stampfte auch mit dem Fuße auf . Das ist alles schrecklich und traurig , dachte Lydia , aber wenn es nur zu Ende wäre ! Was auch kommen mag , jetzt nur ein wenig Ruhe . Dachhausen hatte eine Weile geschwiegen , nun blieb er vor Lydia stehen und sagte mit einer Stimme , die plötzlich ganz ruhig tief und würdevoll klang : » Ich gebe dir einen Tag Zeit , um deine Angelegenheiten zu ordnen . Ich fahre morgen aus , ich mag dir nicht mehr begegnen . Wenn ich zurückkomme , wirst du das Haus verlassen haben , du wirst zu deiner Mutter reisen und meine Dispositionen abwarten . « Er wollte gehen , aber er wandte sich noch einmal um , in seinem Gesichte zuckte es . Wird er weinen ? dachte Lydia . » Lydia , « sagte er mit zitternder Stimme , » mußte das sein ? « Aber er schämte sich seiner Schwäche und verließ schnell das Zimmer . Lydia blieb in ihrem Sessel mit geschlossenen Augen liegen , die Stille tat ihr wohl , schon begannen ihr die Gedanken zu vergehen , da hörte sie Amaliens sanfte Stimme : » Frau Baronin müssen jetzt schlafen gehen . « » Ja , Amalie , schlafen « , sagte Lydia mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung . Sechzehntes Kapitel Fastrade konnte nicht schlafen , sie lag in ihrem Bette und horchte hinaus auf die Töne , die in der nächtlichen Stille durch das Haus irrten , das leise Knacken der Parkette , das Schlagen der Uhren . In einem Neste am Fenstersims zwitscherten die Schwalben leise im Traume . Und die Gedanken wurden eigensinnig bohrend , wie sie es in schlaflosen Nächten zu werden pflegen . Alles , an das sie sich hängten , bekam ein drohendes und feindseliges Gesicht , das Leben schien sehr gefährlich und tückisch , und mitten in ihm stand Dietz Egloff mit seinem leichtsinnigen und hochmütigen Lächeln , und doch lauerten gerade alle Gefahr und alle Feindseligkeit auf ihn . Eine große Angst ergriff Fastrade , eine Angst , wie sie nur in dunkler Nacht und im Traume uns beschleicht und uns atemlos in unseren Kissen auffahren läßt . Gegen Morgen schlief sie ein , allein bald erwachte sie wieder von einem Ton an ihren Fensterscheiben . Sie lauschte , da war er wieder , es war ihr , als würfe jemand etwas gegen ihr Fenster . Sie sprang aus dem Bette , eilte zum Fenster und öffnete es . Es war noch vor Sonnenaufgang , der Garten jedoch war schon ganz hell , und dort vor einem Beete roter Tulpen stand eine Gestalt im grauen Mantel und grauen Schleier , Lydia Dachhausen . Fastrade verstand nicht , aber da winkte Lydia mit ihrem Sonnenschirm und begann zu sprechen . » Ja , ich bin es , o bitte , kommen Sie zu mir herunter , ich muß Sie sprechen , es ist seinetwegen . « » Gut , ich komme « , rief Fastrade hinunter . Nach den Ängsten der Nacht erschien es ihr wie selbstverständlich , daß sie Dietz Egloff meinte