Herr Pienzenauer mit dem Amtmann allein war , ging er schweigend durch die Stube . Die rote Sonne war erloschen . Das Fenster leuchtete noch als heller Fleck , doch in allen Winkeln des großen Raumes saß schon die graue Dämmerung . Dem Amtmann begann dieses lange Schweigen höchst unbehaglich zu werden . » Herr - « Da blieb der Fürst vor ihm stehen , mit den Fäusten hinter dem Rücken . » Mag das jetzt sein , wie es will . Die Ochsen sind erledigt . Jetzt sind andre Dinge da . Ein Dorf in Aufruhr . Unrecht und Mord - so oder so . Und hat sich auf der Salzburger Synode nicht ein Fuchs in ein Schäflein verwandelt , so wird noch Übleres nachkommen . Da muß man vorbeugen . Noch heut in der Nacht . Aber das verstehst du nicht , mein guter Ruppert ! Du verstehst nur , daß man jetzt bestrafen und die Exekutierer schicken muß . Und da kann ich dir leider nicht unrecht geben . Ich muß die böse Suppe auslöffeln , die du mir eingebröselt hast . « Someiner verfärbte sich . » Ich hab mich streng nach dem Wort Euer Gnaden ans Recht gehalten . « Der Fürst schien in Zorn zu geraten . Doch er sagte ruhig : » Ans Recht ? Mag sein . Aber mein Wort ? Willst du mich unter die siebzehn einreihen , die nach deiner Meinung statt der siegelwidrigen Kühe auf dem Hängmoos fressen sollten ? Hab ich dir nicht auch gesagt , du sollst verständig handeln ? Sieben Tote ! Ist das Verstand ? Sieben Menschen um einen Schüppel Gras ! Und alle Folgen dazu ! Und so flink hast du das gemacht , daß die junge , gesunde Vernunft , die sich dagegen wehrte , deinen Streich nimmer hindern konnte ! « » Freilich , jetzt « , stammelte der Amtmann , » wo ein unberechenbares Unglück geschehen ist , jetzt kann man leicht - « Herr Pienzenauer hob den Kopf . » Ruppert , du bist ein unfähiger Mensch ! Jetzt hast du es bewiesen . Vermutet hab ich es schon lange . Und weil ich dich im Amte ließ , bin ich heute dein Mitschuldiger . Du hast drei Monate Zeit , um deinen Sohn in die Geschäfte einzuführen . Dann genieße die nötige Ruhe . Deine Bezüge werden dir belassen . Gott befohlen ! « Ein rasch bimmelnder Hall . Auf dem Dach des Stiftes läutete die Kapitelglocke . Und da wußte man im Umkreis einer Stunde , daß Gefahr im Lande war , die schleunigen Rat verlangte . Als Ruppert Someiner mit schwachen Knien über die von Dämmerung umwobene Treppe hinunterstieg , befiel ihn plötzlich die wunderliche Erinnerung , daß er als Knabe einen großen Apfel auf glühender Ofenplatte gebraten hatte . Der Apfel tanzte und sang sehr hübsch , doch plötzlich , mit starkem Knall , zerplatzte er . Und da machte der kleine Ruppert die überraschende Entdeckung , daß der Apfel große , hohle Samengehäuse hatte , in denen keine Spur von einem Kern zu entdecken war . Seit mehr als vierzig Jahren hatte Someiner nicht mehr an diesen Apfel denken müssen . Warum gerade jetzt ? Die Logik dieser absonderlichen Gehirnblase blieb für Ruppert Someiner unenträtselt , weil sich ihm das Bild des leeren Apfels zu schnell verwandelte in vorwurfsvolle Erbitterung über die Ungerechtigkeit der Menschen , insonderheit der Fürsten . Als er den Hof durchschritt , keuchte einer in schwarzem Mantel an ihm vorbei . War das nicht der Ramsauer Pfarrherr ? In der farbigen Dämmerung begannen die Glocken auf drei Türmen den Abendsegen zu läuten . Die schön und sanft ineinanderfließenden Töne schwammen als wundersames Friedenslied durch die leuchtende Luft . Someiner fand sein Haus wie ausgestorben . Das Amt war geschlossen ; der Schreiber Pießböcker hatte Hut und Stock seines Vorgesetzten und die Schlüssel hinaufgetragen in die Wohnstube . Obwohl es schon dunkelte , brannte noch eine Kerze . Und der Abendtisch war nicht gedeckt . Und niemand kam , um die Bitterkeit diese gekränkten Mannes mitzufühlen und ihn zu trösten . Den dumpfen Stimmenklang und die hin und her eilenden Tritte über der Decke droben hörte er nicht , vernahm auch nicht das ruhelose Mahnwort des Pendels im alten Uhrkasten : » Bau ! - Bau ! - Bau ! « Gebeugten Hauptes saß er im Zwielicht des Erkers . Und dicke Zähren tröpfelten ihm über die kalkweiße Nase herunter . Ruppert Someiner war dabei des Glaubens , daß er , als der einzige Weise auf Erden , bittere Tränen vergösse über den Irrsinn des Lebens , in dem , was heiliges Recht war , sich in eine ebenso grausige wie lächerliche Torheit verwandeln konnte . In Wahrheit war die Sache so , daß Herr Someiner heulte , weil er an die schwindende Ehrerbietung seiner Frau , an den unkindlichen , feindseligen Widerstand seines Sohnes und an seine nahe Schande vor den Menschen denken mußte . Drei Monate ? » Gab ' s auf der Welt eine Ungerechtigkeit , so groß , daß man sie in drei Monaten nicht widerlegen und durch ungebeugte Tüchtigkeit ad absurdum führen konnte ? « Bei diesem Gedanken faßte Herr Someiner den mannhaften Entschluß , von seiner Amtsentsetzung zu schweigen , solange Herr Peter Pienzenauer nicht reden würde . Auf der glühenden Ofenplatte seines Kummers briet der kleine Ruppert abermals einen großen Apfel ohne Kern . 7 Über dem Runotterhofe hing die laue Sommernacht mit funkelnden Sternen . Das Rauschen der Ache war wie ein gleichmäßiger Murmelsang im Schweigen der Dunkelheit . Aus den Ställen tönte zuweilen das Klirren einer Kette und der murrende Laut eines Rindes . Sonst kein Zeichen von Leben in der Nacht . Die angrenzenden Höfe lagen wie ausgestorben , und vom nahen Leuthaus klang nicht wie sonst das Schreien und Singen trunkener Knechte . Doch aus Reiter Ferne - von dem nach Reichenhall ziehenden Tal des Schwarzenbaches - war immer wieder ein