, wer kümmerte sich nur darum ... Nun hören sie alle Else zu , dachte er weiter , und empfinden die Schönheit dieses Liedes . Sogar Frau Oberberger , die gar nicht musikalisch ist , vergißt auf einige Minuten , daß sie ein Weib ist , und hat ein stilles , geschlechtsloses Gesicht . Auch Heinrich hört gebannt zu , denkt in diesem Moment vielleicht nicht an seine Werke , nicht an das Los der Juden , nicht an die ferne Geliebte , und nicht einmal an die nahe , die kleine Blondine , der zuliebe er in der letzten Zeit geradezu elegant geworden ist . Wahrhaftig , der Frack sitzt ihm nicht übel , und die Krawatte ist keine von den fertig gekauften , wie er sie sonst trägt , sondern sorgsam geknüpft ... Wer steht denn so nah hinter mir , dachte Georg weiter , daß ich den Atem über dem Haar spüre ? ... Sissy vielleicht ... ? Wenn morgen früh die Welt unterginge , Sissy wäre es , die ich mir für heute Nacht erwählte . Ja das ist sicher . Ah , da kommt Anna mit Frau Ehrenberg ... Es scheint , ich bin der einzige , der es merkt , obwohl ich doch zugleich auf mein Spiel und auf Elses Gesang aufpassen muß . Ich grüße sie mit den Augen ... Ja , ich grüße dich , Mutter meines Kindes ... Wie sonderbar ist das Leben ... Das Lied war zu Ende . Man applaudierte , verlangte nach mehr . Georg begleitete Else zu einigen anderen Liedern , von Schumann , von Brahms , zum Schluß auf allgemeinen Wunsch zu zwei eigenen , die ihm persönlich zuwider geworden waren , seit irgendwer behauptet hatte , sie erinnerten an Mendelssohn . Während er begleitete , glaubte er jeden Zusammenhang mit Else zu verlieren und gab sich durch sein Spiel Mühe , sie wiederzugewinnen . Er spielte mit übertriebener Empfindung , er warb geradezu um sie und fühlte , daß es vergebens war . Zum erstenmal in seinem Leben war er unglücklich verliebt in sie . Der Beifall nach Georgs Liedern war stark . » Das war Ihre beste Zeit « , sagte Else leise zu ihm , während sie die Noten weglegte . » So vor zwei , drei Jahren . « Die andern sagten ihm Freundliches , ohne Epochen in seiner künstlerischen Entwicklung zu unterscheiden . Nürnberger erklärte , durch die Lieder Georgs aufs angenehmste enttäuscht worden zu sein . » Ich will Ihnen nämlich nicht verhehlen « , bemerkte er , » daß ich sie mir nach den Ansichten , die ich manchmal von Ihnen vertreten höre , lieber Baron , beträchtlich unverständlicher vorgestellt hätte . « » Wirklich charmant « , sagte Wilt . » Alles so melodiös , und einfach , ohne Affektion und Schwulst . « Er ist es , dachte Georg grimmig , der mich einen Dilettanten geheißen hat . Willy war herzugetreten . » Jetzt sagen S ' nur noch Herr Hofrat , daß Sie sie nachpfeifen können , und wenn ich mich auf Physiognomien verstehe , so schickt Ihnen der Baron morgen früh zwei Herren . « » O nein « , sagte Georg , sich auf sich besinnend und lächelte . » Die Lieder stammen glücklicherweise aus einer längst überwundenen Zeit . Ich fühle mich also durch keinerlei Tadel und keinerlei Lob verletzt . « Ein Diener brachte Eis , die Gruppen lösten sich , und Anna stand mit Georg allein am Klavier . Er fragte sie rasch : » Was hat denn das zu bedeuten gehabt ? « » Ja ich weiß nicht « , erwiderte sie und sah ihn mit großen Augen an . » Ist dir denn auch schon ganz wohl ? « » Aber vollkommen « , antwortete sie . » Und ist dir das heute zum erstenmal passiert ? « fragte Georg etwas zögernd . Sie erwiderte : » Gestern Abend zu Haus hab ich was ähnliches gehabt . So eine Art von Ohnmacht . Es hat sogar noch etwas länger gedauert . Während wir noch beim Nachtmahl gesessen sind . Es hat ' s aber niemand bemerkt . « » Warum hast du mir denn gar nichts davon gesagt ? « Sie zuckte leicht die Achseln . » Du Anna « , sagte er lebhaft und etwas schuldbewußt , » ich möcht dich jedenfalls noch sprechen . Gib mir ein Zeichen , wenn du fortgehen willst . Ich verschwind ' ein paar Minuten vor dir und wart ' am Schwarzenbergplatz , bis du im Wagen kommst . Dann steig ich zu dir ein , und wir fahren noch ein bißchen spazieren . Ist es dir recht ? « Sie nickte . Er sagte : » Auf Wiedersehen , Schatz « und begab sich ins Rauchzimmer . An einem grünen Tischchen hatten sich der alte Ehrenberg , Nürnberger und Wilt zum Tarockspiel niedergelassen . Auf zwei riesigen , grünen Lederfauteuils , nebeneinander , saßen der alte Eißler und sein Sohn und benützten die Gelegenheit , sich endlich einmal ordentlich miteinander auszuplaudern . Georg nahm eine Zigarre aus einem Kistchen , steckte sie sich an und betrachtete ohne besondere Anteilnahme die Bilder an der Wand . Auf einem grotesk gehaltenen Aquarell , das ein von rot befrackten Herren gerittenes Hürdenrennen vorstellte , sah er unten in der Ecke mit blaßroten Buchstaben auf die grüne Wiese gezeichnet Willys Namen . Unwillkürlich wandte er sich nach dem jungen Mann um und sagte : » Das hab ich noch gar nicht gekannt . « » Es ist ziemlich neu « , bemerkte Willy beiläufig . » Ein fesches Bild , was ? « sagte der alte Eißler . » Ah , schon etwas mehr als das « , erwiderte Georg . » Na , hoffentlich werde ich bald mit etwas Besserem aufwarten können « , sagte Willy . » Er geht nach Afrika auf die Löwenjagd « , erläuterte der alte Eißler , » mit