Mutter , also der Frau Direktor , die Rolle einer Fee zukam , so daß sie ihre nichtsnutzigen Verslein im weißen Gewande sprach , mit zwei mächtigen Flügeln behaftet , die schwarzen Locken aufgelöst , auf dem Scheitel ein flittergoldnes Krönlein . Schon während der Aufführung , angesichts der hehren Erscheinung im Himmelsgewande , nahm sich sein Herz meuterische Bemerkungen heraus : » Da sieh , du Tropf , du Ehefeigling , was du verscherzt hast . « Wie dann nach Beendigung des Stückes Theuda im Feenkleide verbleiben mochte , also daß Göttin und Menschenweib , Rolle und Wirklichkeit , durcheinanderspielten und das Kind herumgereicht wurde und weihevoller Friede von der Stirn der beglückten Mutter leuchtete , Ort und Stunde und alle Anwesenheit mit Huld und Güte segnend , da begann sein Herz einen solchen unsinnigen , unbändigen Aufruhr wie nie zuvor in seinem ganzen Leben : » Und wenn alle Götter des Himmels und alle Religionen der Erde und sämtliche Pflichten , Erhabenheiten und Weisheiten vereint auf mich einschrien , ich behaupte ihnen ins Gesicht : es gibt im Weltall keinen Wert , der den Besitz der Geliebten aufwöge , und keinen Lohn im Himmel und auf Erden , der für den Verlust dieses Kleinods entschädigte . Wer diesen Preis hätte haben können und hat ihn verschmäht , und wäre es auf Geheiß des allmächtigen Gottes in Person , der ist kein Märtyrer , kein Held , sondern er ist einfach ein Narr . Recht und billig , daß dich der Fluch der Verdammnis zermalmt . « Da eilte er heim auf sein Zimmer und rief in seiner Not seine Strenge Frau an , nicht anders als wie der Gläubige seinen Gott . » Hilfe ! « stöhnte er , » ich vermags nicht mehr allein . Die Freundin , die du mir verlobtest , deine Tochter , die du mir vermähltest , mit feierlichem Spruch uns ewiglich verbindend , Imago , meine eheliche Braut und Gattin , sie kennt mich nicht , Imago sieht an mir vorbei . O mißverstehe nicht den Schrei meines gefolterten Herzens . Keine Reue befleckt den zuckenden Wunsch meiner blutenden Seele . Flösse die Zeit rückwärts , zum zweiten Mal mir die Entscheidung vor die Füße spielend , ich würde zum zweiten Male entsagen ; ja , das würde ich . Auch will ich ja gerne leiden und entbehren , wehmütig , doch gläubig und freudig . Aber warum denn so gräßlich , warum so unmenschlich ? Ist es denn ein so unerhörtes Verbrechen , groß zu sein , daß ich dafür über Menschenkraft bestraft werde ? Wenn es sein darf , so mildere den Spruch meiner Verdammnis . Öffne deiner Tochter Augen , daß sie mich nicht ganz und gar verleugne ; sprich ihr zu , daß sie mich ihren edlen Freund nenne , daß sie mir wenigstens einen Blick der Erinnerung , einen einzigen , gewähre . Leg ihr das ans Herz , befiehl ihr das . Darf es nicht sein , so leihe mir deinen Beistand , damit ich nicht unterliege . « Da war ihm , als schwebte der Schatten der Strengen Frau durch das Zimmer . Gestärkt stand er auf und litt , was zu leiden war . Konvulsionen und Illusionen Inzwischen waren die Winterfeiertage angekommen , Weihnacht mit ihrem schnellen Sprung , hernach der langsam daherkriechende Silvester . Selbstverständlich hielt er sich überall fern ; denn ohnehin kein Freund von Familienrührseligkeiten und Kalenderhumanitäten ( » muhen das ganze Jahr fühllos aneinander vorbei und bimmeln in der Neujahrsnacht Bruder Lieblich « ) , brauchte er gegenwärtig wahrlich keine Wachskerzen , um zu wissen , was Wehmut ist . Dagegen die üblichen Höflichkeitsbesuche am Neujahrsmorgen durfte er anständigerweise nicht unterlassen . So machte er denn geziemlich die Runde , wobei er die schwierigsten Gänge , den zu Frau Steinbach und den zu Direktors , ans Ende schob . Nicht wohl war ihm zumut , wie er in dem trauten Gartenhaus der Frau Steinbach die Treppe hinaufstieg . » Ohne Anzüglichkeiten « , mußte er sich sagen , » oder zum mindesten vorwurfsvolle Mienen werde ich schwerlich abkommen . « Allein nichts von alledem ; mit unbefangener Freundlichkeit , als wäre er gestern hier gewesen und nicht ein Vierteljahr weggeblieben , empfing sie ihn , höchstens etwas zurückhaltender als früher . » Ich habe in der Silvesternacht « , berichtete sie lächelnd , » Ihre Zukunft ausgekundschaftet ; Sie wissen , mit geschmolzenem Blei im Wasser . Aberglaube , zugegeben ; immerhin , wenn das Orakel günstig lautet , so mag man ihm gerne Glauben schenken . Und was das Orakel mir von Ihnen erzählt hat , das glaube ich wirklich . Nämlich Sie werden einmal eine liebe , treue Frau bekommen , anspruchslos und selbstlos , jung und anmutig , die Ihnen von ganzem Herzen zugetan ist und Ihnen das Leben zur Freude macht ; dazu ein paar liebe , gute , schnupperige , kußliche Kinder - kurz , Sie werden glücklich sein . « » Ich ? glücklich sein ? « wiederholte er , tieftraurig . » Ja , glücklich . Und zwar so glücklich , wie ein Mensch auf Erden nur sein kann , ob Sie es schon vielleicht in diesem Augenblick nicht glauben ; ich fühle es , ich weiß es , Sie werden glücklich sein , denn Sie haben das Talent zum Glück . Und wissen Sie , was ich tue ? Ich liebe Ihre künftige Frau schon jetzt , ohne sie zu kennen . Ob ichs erlebe , kann ich nicht wissen ; ich hoffe es , es wäre meine schönste Stunde . Sollte es nicht sein dürfen , so grüßen Sie mir Ihre liebe Braut herzlich von mir , und sagen Sie ihr , daß ich sie innig segne für alles Zarte und Gute , das sie Ihnen antun wird . « » Seine Frau , seine Braut « , was für Worte , was für Vorstellungen ! Und mit Traurigkeit getränkt ,