, voll ins Antlitz zu schauen ? « sagten Sie leise vor sich hin , und der Klang Ihrer Stimme erschien mir plötzlich beinah fremd , bebend , als benähme Ihnen die eisige Luft den Atem . Ihre leisen Worte enthielten eine Frage . Aber ich vermochte nicht zu antworten - fürchtete das Zittern der eigenen Stimme . Fühlte Ihre Augen auf mir ruhen und wagte nicht aufzuschauen . Ich schüttelte nur schweigend den Kopf . Der Wind pfiff eisig um die Ecken . Der Boden war hart gefroren . Der Winterhimmel hing schneeschwer herab . Es war , als laste uraltes Unheil auf der ganzen Welt . Fröstelnd empfand ich plötzlich die grosse Kälte . Eilend , wie vor Gespenstern fliehend , schritten wir weiter . Wir sprachen beide nicht mehr . 48 New York , den 26. Juni 1900 . Vor einigen Tagen lasen wir , dass der Provikar Hofer , dessen Warnungen niemand in Europa glauben wollte , und der nach China zurückgekehrt ist , sich in Schanghai befindet . Ich telegraphierte ihm , ob er wisse , wo Sie sind , denn ich konnte die Ungewissheit nicht mehr länger ertragen . Und soeben kommt die Antwort : » Muss nach letzten Nachrichten unmittelbar vor Beginn Belagerung Peking eingetroffen sein . « Also nicht mal mehr die eine schwache Hoffnung , dass Sie vielleicht irgendwo im Innern Chinas sicher und verborgen seien ! Daran hatte ich mich während der letzten Tage geklammert . Je schlimmer die Nachrichten über Peking lauteten , desto sicherer und bestimmter nahm ich an , dass Sie nicht dort seien , suchte mir zu beweisen , dass Sie gar nicht dort sein könnten , wollte es nicht zugeben . Und nun sind Sie doch dort ! - All die entsetzlichen Nachrichten , die wir seit Tagen mit Grauen gelesen , sie sind zu lebenden Wirklichkeiten , zu Bildern geworden , die mich unablässig verfolgen , seit ich weiss , dass Sie mit eingeschlossen sind in der Stadt des Leidens . Jeder einzelne , der dort hinter den finsteren Mauern der Erlösung harrt , muss ja den fremdesten Menschen Mitleid einflössen - aber was ist das neben der Angst und Verzweiflung , die mir das Herz zerreissen um Sie - um Sie , liebster Freund ! Und jetzt gar nichts tun zu können , wo man so gern das eigene Leben gäbe , wo es schon Glück wäre , auch nur mit leiden zu dürfen ! Und inmitten all der Marter plötzlich vor dem eigenen Herzen wie vor einer Offenbarung stehen und sich staunend fragen : Kann das denn sein ? Bin ich es denn wirklich ? 49 New York , den 27. Juni 1900 . Seit wann weiss ich eigentlich , was Sie meinem armen , in frühem Morgensturm entwurzelten Leben geworden sind ? Hab ich es dort in Peking schon geahnt ? Hab ich es jetzt erst allmählich entdeckt ? Ich weiss es nicht mehr . Mir ist , als hätte es nie anders sein können . - Wir haben es uns nie so ganz gesagt - aber wir beide wussten es doch wohl immer . So vieles lag zwischen uns , hemmend und trennend . - Wozu da reden ? Und sind wir nordische Menschen nicht alle etwas Stumme des Himmels ? Es ist , als hindere uns eine gewisse Scheu , unsere tiefsten Gefühle auszusprechen . Mit der Feder sind wir viel beredter , da fühlen wir uns allein und frei , als könne niemand hören , was wir lautlos dem Papier anvertrauen . Äusseren Schicksalszwanges hat es bedurft , um klar zu sehen , der Angst , die die Schleier zerriss . Wenn ich an meine jungen Jahre denke , die des Lebens schönste sein sollten , so habe ich immer nur die eine Erinnerung an eine Last , die über meine Kräfte ging , die ich weiter trug , weil ich mir nicht zu helfen wusste , weil ich im Ertragen nicht schwach war , aber wohl viel zu schwach und öffentlichkeitsscheu , um selbst mein Schicksal in die Hände zu nehmen und es nach eigenem Willen umzuwandeln . Ich trug es wie es nun einmal war . Ich habe einige Frauen vom Übermenschtypus gesehen , die dasjenige einfach abschüttelten , was sie in der freien Entfaltung ihres Ichs hinderte ; die schicksalsstark waren und selbstgestaltend in ihr Leben eingegriffen ; denen die eigene Person das Idol war , vor dem sich alles beugen musste . Ich habe auch Frauen gekannt , die zwei getrennte Leben führten , ein Leben vor aller Augen offen , kalt , grau , von unendlicher Langeweile ; und daneben ein anderes , verstecktes , voll süsser Geheimnisse , voll erstohlenen Glücks , das die Leere und Öde des ersteren ersetzen musste . Beide Arten von Frauen habe ich angestaunt , vielleicht auch etwas beneidet , aber ich hätte keine je nachahmen können - es wäre allzusehr meiner innersten Natur zuwider gewesen . Ich habe gewartet . Gleich vielen Frauen , die ihr Leben lang nichts tun als warten . Die Wandlungen in meinem Leben sind immer von aussen gekommen . Nach Jahren , in denen die goldene Jugend schwand , ward mir die allzu schwere Last , ohne mein Dazutun , wenigstens teilweise abgenommen . Aber sie hatte mir ihren Stempel gelassen . Das Gebücktsein war mir geblieben , wie den Bäumen , die sich jahrelang vor dem Nordsturm beugen mussten . Alle Schwungkraft hatte ich verloren . Hoffnungslos schaute ich um mich . Was konnte das Leben noch enthalten ? Wanderjahre folgten und brachten etwas äussere Zerstreuung . In mir war es ganz still geworden . Ich hielt es für Todesstille , die ja für so viele lange vor dem Tode kommt . So kam ich nach Peking . Damals wähnte ich , des Lebens Kampf sei überwunden , und wunschlos lebte ich hin in wachem Traume . Wie blasse Nebelbilder glitten die Tage an mir vorüber . Müde , müde