sein großer Liebling - der würde es ihm sehr übel nehmen , wenn er quittierte ; das wollte er auch gar nicht , er ist ja mit Leib und Seele Soldat . « » Eine glückliche Familie , « sagte Dotzky . » Eigentlich ja , das sind wir , « gab Gräfin Ranegg zu . » Und umsomehr tut es mir leid , lieber Dotzky , daß Sie das Schicksal so grausam heimgesucht hat ... Aber es hat doch jeder seine Sorgen , « fügte sie in weinerlichem Tone hinzu . » So macht mir das Leiden meiner armen Mutter viel Kummer - und mein Schwager Hallstein muß jetzt operiert werden - und so verschiedenes andere ... « Es war , als wollte sie seinen Neid dämpfen . Rudolf war aber nicht neidig . Er konnte sich gar nicht mehr in die Lage jener hineindenken , deren Freuden und Leiden ganz auf die eigenen und nächstliegenden Schicksale und Verhältnisse beschränkt waren , die nichts wußten von der großen Unruhe , der großen Sehnsucht , den großen Kämpfen , die eine mit den Lebensrätseln und sozialen Rätseln ringende Seele bewegen ... Noch am selben Abend reisten die beiden Damen weiter und Dotzky brachte sie zur Bahn . Cajetane war die ganze Zeit sehr schweigsam gewesen . Aber wenn sie ein paar Worte gesagt , so hatte in ihrer Stimme stets verhaltenes Mitgefühl gebebt . Als Mutter und Tochter vom Waggon aus dem Grafen Dotzky , der grüßend vor dessen Fenstern stand , Abschied gewinkt und der Zug sich in Bewegung setzte , da sank Cajetane in die Kissen zurück und brach in Tränen aus . Die Gräfin sah sie überrascht an : » Was hast Du , Caji ? Ich glaube gar , der junge Witwer hat es Dir angetan ... « XVII Drei Monate später kehrte Rudolf von seiner Reise heim . Diese drei Monate hatte er in einem einsamen Häuschen zugebracht , das , von grünen Weidetriften umgeben , mitten in den Bergen verborgen lag . Dorthin war er dem Anblick von Menschen und dem Umgang mit ihnen entflohen . Und dort hatte er jene Schrift beendet , die sein Glaubensbekenntnis und sein Tatenprogramm enthielt . Das wollte er in die Welt vorausschicken und dann mit dem gesprochenen Worte weiter ausführen und verbreiten . Er fühlte sich im Besitze einer Heilslehre und daher als verpflichtet , sie zu verkünden . Die ganze Lehre faßte er in ein Motto : » Miteinander , statt gegeneinander . « Die Geschichte der Zivilisation , wie er sie auffaßte , war ja nur die Geschichte der wachsenden Gemeinsamkeit - zugleich die Geschichte der überwundenen Brutalität . Wieviel unüberwundene Brutalität heute noch vorherrscht , das gab den Stoff zum längsten Kapitel des Schriftchens ab . Und in welcher Weise sie überwunden werden kann , das suchte ein anderes Kapitel zu verkünden : durch den Tatenmut der Guten , den Wahrheitsmut der Wissenden . Ganz gut ist zwar noch keiner - - alles weiß noch keiner ; aber das , was die Vorgeschrittenen an Edelsinn und Vernunft besitzen , das müssen sie hervorkehren - im Kampf gegen alles Unedle , das ihnen begegnet , und sei es in den mächtigsten Sphären vertreten ; - gegen alles Dumme , und sei es hinter den gelehrtesten und heiligsten Masken verborgen . Daß der Gang der Zivilisation nur von elementaren , nur von wirtschaftlichen und technischen Faktoren bestimmt werde ; unabhängig von dem Wollen und Wirken einzelner Menschen - das bestritt er . Ideen und Taten sind eben mit Elemente der Kultur , sind - nicht die einzigen , sind aber auch die treibenden Kräfte . Gewiß , Entdeckungen und Erfindungen verwandeln das Getriebe der Welt ; aber das Auftreten mächtiger Charaktere - im Guten und im Bösen - bestimmt es nicht minder Und vor allem : die Summe der Einsicht , die aus der Summe der Kenntnisse resultiert , regelt die Einrichtungen und Sitten der menschlichen Gesellschaft ; wer also irgend eine klare Einsicht gewonnen - über manche kommt es ja wie eine Erleuchtung - der soll es hinaustragen , damit jene Summe sich mehre . Rudolfs klare Einsicht war die : Das Elend - in seinen verschiedenen Formen - kann aus der Welt geschafft werden und muß daher aus der Welt geschafft werden . Die Erlangung der Seligkeit für jeden ( das haben auch die Religionen so hingestellt ) ist eines jeden Pflicht . Aber wie ? Kraft welcher Gebote und auf Grund welcher Glaubenssätze ? Das hat - wenn es um das irdische Heil sich handelt - die Gesellschaftswissenschaft zu erforschen und zu lehren . Einige der Gebote sind längst - auch von den alten Religionsstiftern - schon gefunden . Die goldene Regel zum Beispiel : Was Du nicht willst , daß Dir geschehe , das tue auch einem anderen nicht ; Du sollst nicht töten , nicht stehlen , nicht falsches Zeugnis geben . Was aber die neue Einsicht und die neue Pflicht ist , das ist , daß diese Regeln ebenso für das politische und internationale Leben zu gelten haben , wie für die Lebensführung des einzelnen . Und welche Dogmen ? Das wichtigste Dogma des sozialen Glaubens ist die Evolution . Wenn man glaubt , - nein , wenn man weiß ( die kontrollierbaren Offenbarungen der Wissenschaft erzeugen » wissen « , nicht » glauben « ) , daß die Welt und alles , was in ihr sich entwickelt - trotz Entartung und Vernichtung der Einzelorganismen - zu immer höheren , feineren und vielfältigeren Formen sich entfaltet , so wird man diese ewigen Hemmungen und Bekämpfungen aufgeben , mit denen man jetzt jedes sich entfalten wollende Neue , statt zur Quelle der Freude und des Gewinns , zur Quelle des Leidens , der Unterdrückung und der Verfolgung macht . Die Entwicklungsgesetze erkennen und darnach die Gesellschaftsordnung und das sittliche Verhalten regeln : - das ist der Weg zum Heil Rudolf hatte während seiner Abwesenheit fast täglich an seine Mutter geschrieben und