Hause kam , fand sie auf dem Esstisch einen Brief für sie liegen . Die Aufwärterin , die zwei Mal in der Woche die gröbste Arbeit verrichtete , musste ihn wohl mit heraufgebracht haben . Sie glaubte , der Brief sei von Gerhart , den sie heute den ganzen Tag nicht gesehen hatte . Atemlos vor Freude stürzte sie darauf zu . Dann , nachdem sie die Aufschrift überflogen , liess sie das Schreiben enttäuscht wieder auf die Platte gleiten . Nicht Gerhart , sondern Franz Krieger hatte geschrieben . Da Lotte trotz der Müdigkeit zu erregt war , um gleich schlafen zu gehen , nahm sie nach wenigen Augenblicken den Brief wieder auf , erbrach ihn und fing an zu lesen . Es war ein langes Schreiben und enthielt manches , was sie bewegte und beunruhigte . Franz Krieger zeigte ihr den Tod seiner Mutter an . Sie war nach kurzer Krankheit heimgegangen und hatte ihm ein unerwartet grosses Vermögen hinterlassen , so dass er halb und halb die Absicht hegte , sein nun schuldenfreies Geschäft daheim zu verkaufen und sich wo anders , etwa in Berlin , anzusiedeln . Lotte möge ihm doch Nachricht geben , wie sie darüber denke . Da sie und Lena nicht zurückgekommen wären , sich also vermutlich in der neuen Heimat wohl befänden , sähe er nicht ein , weshalb er nicht auch versuchen sollte , sein Glück in Berlin zu machen . Ein eisiger Schrecken war ihr bei dieser Botschaft durch die Glieder gefahren . Franz Krieger in Berlin ! Nur das nicht , nein ! Nicht eher , als bis sie Gerharts Frau geworden war . Wenn er ahnen , wissen würde , wie es um sie stand , die Schande glaubte sie nicht überleben zu können . Und er würde es wissen , wenn er sie wieder sah , hatte er ihr doch stets jedes kleinste unausgesprochene Leid von der Stirn und aus den Augen gelesen . Er durfte nicht kommen , nein , und wenn es unerlässlich war , wenn er sich nicht abreden liess , dann musste sie gehen ehe er kam , oder aber sie musste Gerhart zu einem raschen Entschluss zu drängen suchen . Fröstelnd und schauernd sass sie trotz der warmen Juninacht da und grübelte über diese neue beklemmende Frage , der sie wiederum so gar nicht gewachsen war . Erst als der Morgen zu grauen begann , tastete sie sich unsicheren Schrittes zu ihrer schmalen Bettstatt . Lena hielt Wort . Sie kam schon nach einigen Tagen , um mit dem Wirt zu sprechen . Da sie ihn stets um den kleinen Finger gewickelt hatte , ging die Sache zu Lottes grosser Befriedigung glatt ab . Der Hausbesitzer wollte Lotte schon am ersten Juli , also in zehn Tagen aus dem Kontrakt entlassen . Sie war natürlich sofort bereit , von dieser Vergünstigung Gebrauch zu machen . Gerhart freilich würde dieser schnelle Entschluss verstimmen . Aber das half nun einmal nichts . In diesem Punkte fühlte Lotte , würde sie fest bleiben . Vielleicht wenn er sie dann , schon wegen der grossen Entfernung , die sie zwischen sie zu legen gedachte , mehr entbehren musste , würde er schneller über seine immer neuentstehenden Bedenken gegen eine Ehe fortkommen . Es musste , musste ja doch sein ! Immer weniger begriff sie sein Zögern und Zagen . Auch Lena war befriedigt , dass ihre Mission sich so rasch und glücklich erledigt hatte . Sie hätte zwar Lotte ihr Wort gehalten und sie bei der Zahlung der Miete noch für eine Weile unterstützt , oder dieselbe ganz übernommen , aber es war doch besser so , für Lotte nicht nur , sondern auch für ihre eigene Kasse . Lena setzte jetzt ihren ganzen Ehrgeiz dafür ein , sich sobald als möglich von Bornstein unabhängig zu machen . Gute Freunde konnten sie ja deswegen doch bleiben , dann erst recht . Nur danken mochte sie auf die Dauer niemandem etwas , am wenigsten einem , der immer wieder den Versuch machte , Ansprüche für sich aus solcher Dankespflicht abzuleiten . Wie in alten Zeiten sassen die beiden Schwestern oben in Lottes » Atelier « beisammen , nachdem Lena vom Wirt wieder herübergekommen war . Lena plauderte von ihrem Geschäft und Lotte hörte ihr zu , während sie einen billigen Sonntagshut für das Ladenfräulein nebenan aufsteckte . Es kam ihr jetzt so selten Arbeit ins Haus , dass sie schon zufrieden war , wenn sie überhaupt zu thun hatte . Während Lena sprach , konnte Lotte den Gedanken nicht los werden , dass sie der Schwester noch ganz etwas Besonderes habe sagen wollen . Ihr armer Kopf war ihr von allem Grübeln jetzt oft so schwer , dass sie zuweilen nicht auf das nächstliegende verfiel . Doch richtig , ja , jetzt wusste sie es wieder , sie hatte ihr von Franz Kriegers Brief erzählen wollen . Das einfachste war schon , sie gab ihn Lena zum Lesen . Viel Sprechen war Lottes Sache jetzt weniger denn je . Nachdem Lena das lange Schriftstück entziffert hatte , sprang sie wie eine kleine Wilde im Zimmer umher . Das war ja famos ! Himmlisch ! Natürlich sollte er nach Berlin , der Franz , lieber heute wie morgen ! Sie wollte ihm schon zeigen , dass man nicht bloss zum Vergnügen nach der Kaiserstadt gekommen sei , sie wollte ihm schon beweisen , dass man denn doch eine Rolle hier spiele , und die schlechteste nicht . Wenn sie ihn erst durch ihr Geschäft oder ihre Wohnung geführt haben würde , sollte er beschämt eingestehen , dass er sich denn doch gewaltig in Lena geirrt habe und für all seine kleingläubigen Zweifel hübsch demütig Abbitte thun . Lotte sah ihre Schwester ganz entgeistert an . Daran hatte sie wahrlich zuletzt gedacht , dass Lena etwas für Franz ' Pläne übrig haben würde , nachdem sie sich so empört über ihn geäussert hatte . Aber bei Lena freilich kam